Interview mit Jennifer Morgan (Executive Director, Greenpeace) und Norbert Gorißen (BMU/IKI) – Teil I

„COP 25 und COP 26 müssen beweisen, dass Umsetzung wirklich funktioniert“

 

Schildern Sie uns bitte Ihre Sicht auf den aktuellen Stand der internationalen Klimaschutzverhandlungen. Was erwarten Sie von der COP 25 in Chile?

Norbert Gorißen: Wir haben 2015 einen entscheidenden Schritt gemacht, indem wir das Paris-Abkommen beschlossen haben, das uns langfristige Ziele vorgibt und einen Mechanismus entwickelt, mit dem wir Klimaschutz in der Zukunft vorantreiben können. Letztes Jahr in Katowice haben wir für die Umsetzung gemeinsame Regeln beschlossen. Auf der COP 25 und COP 26 müssen wir jetzt beweisen, dass die Umsetzung so auch wirklich funktioniert. Entscheidend ist, dass alle Vertragsparteien im Fünf-Jahres-Rhythmus zeigen müssen, dass sie ihr Ambitionsniveau verschärfen und einen langfristig verträglichen Weg einschlagen. In diesem und im nächsten Jahr wird sich zeigen, ob tatsächlich genug Staaten über ihre ersten Klimaschutzbeiträge hinausgehen. Ich hoffe, dass sich jetzt eine Routine herausbildet, die wirklich alle zwei Jahre die Dekarbonisierung unserer Volkswirtschaften vorantreibt.

Frau Morgan, wie sehen Sie das aus Sicht von Greenpeace?

Jennifer Morgan: Der letzte IPCC-Bericht hat deutlich gemacht, dass bei der Erderhitzung jedes Zehntel zählt. Das erleben wir gerade auf dem ganzen Planeten hautnah – Hitzewellen, Starkregen, eine brennende Arktis – der Klimanotstand ist spürbar.

Landen wir bei zwei statt bei 1,5 Grad, werden viele hundert Millionen Menschen noch mehr leiden. Das ist schockierend. Und es sollte ein Weckruf sein. Beim UN-Klimagipfel des Generalsekretärs im September sollten sich alle Länder auf deutlich ehrgeizigere Klimaziele einigen, auf der nächsten COP sollten diese dann verbindlich verabschiedet werden. Wir müssen die Emissionen in den nächsten zehn Jahren halbieren, und dann noch mal bis 2050, um eine klimaneutrale Weltwirtschaft zu erreichen – nur dies kann unsere Zukunft retten.

"Wir müssen die Emissionen in den nächsten zehn Jahren halbieren, und dann noch mal bis 2050."

Jennifer Morgan, Greenpeace

Um eine solche Transformation umzusetzen, braucht es enorme finanzielle Mittel. Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen im Bereich der Klimafinanzierung?

Norbert Gorißen: Wir haben uns als Industriestaaten schon 2009 in Kopenhagen dazu verpflichtet, bis zum Jahr 2020 hundert Milliarden Dollar pro Jahr zu mobilisieren, um die Entwicklungsländer im Bereich Anpassung und Minderung zu unterstützen.

Das zweite Thema sind die multilateralen Entwicklungsbanken, die zu diesen hundert Milliarden beitragen und auch andere Projekte finanzieren. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass sie ihre gesamten Investitionen an den Zielen von Paris ausrichten. Das Gleiche gilt für private Investoren, Pensionsfonds, große institutionelle Anleger und kommerzielle Banken. Alle müssen beitragen.

Das ist eine Riesenaufgabe. Nur wenn das gelingt, ist die vollständige Dekarbonisierung umsetzbar.

Jennifer Morgan: Bei Investitionen müssen die Risiken in Bezug auf die Klimakrise in Zukunft einkalkuliert werden, hier müssen wir grundlegend umdenken. Das ganze System ist immer noch zugeschnitten auf Wachstum und Profit, ohne die Umwelt- und Klimaschäden jemals einzupreisen. Und wir müssen umdenken dabei, wer für die Anpassung an die Klimakrise und für Klimaschäden zahlt. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit. Es kann nicht sein, dass ausgerechnet die ärmsten Länder, in denen die Klimafolgen existenzbedrohend sind, diese Kosten selbst schultern sollen.

Wie kann eine Initiative wie die IKI helfen, diesen Herausforderungen zu begegnen und was hat sie in den letzten Jahren geleistet, um diese anzugehen?

Norbert Gorißen: Vieles im Bereich der Klimafinanzierung ist klassische Entwicklungsfinanzierung. Da wird Klimaschutz nur nebenbei betrachtet. Für die IKI waren unsere wichtigsten Ansprechpartner immer die Kolleginnen und Kollegen in den Umweltministerien. Diese Ressorts sind in vielen Entwicklungsländern sehr schwach, haben wenig Kompetenzen, Ressourcen und Einfluss. Wir haben diejenigen gestärkt, die für Klimaschutz in den Entwicklungsländern tätig sind und haben ihnen zusätzliche Kapazitäten und Ressourcen gegeben, damit Prioritäten in ihren Ländern anders gesetzt werden können. Mit der IKI haben wir sie dabei unterstützt, die Potenziale zu analysieren, Emissionen zu senken und Unterstützung bei der Klimaanpassung geleistet. Wir versuchen, auch hier gute Beispiele zu fördern und Bewegung in den Privatsektor und die Entwicklungsbanken zu bringen. Und wir haben auf den Bedarf reagiert, der aus den Klimaschutzverhandlungen entstanden ist.

Frau Morgan, wie sehen Sie aktuell die Situation des Klimaschutzes in den Entwicklungs- und Schwellenländern und wie beurteilen Sie die Rolle der IKI?

Jennifer Morgan: Mein Eindruck ist, dass die IKI mit diesen Ländern strategische Gespräche auf Augenhöhe führt. Das ist in der Entwicklungspolitik häufig nicht der Fall. Von Beginn an fand ich den Ansatz wichtig und gut, unterschiedliche Stakeholder wie Institute, NGOs und Städte mit ins Boot zu holen. Die Zivilgesellschaft spielt oft eine wichtige Rolle bei der Bewältigung der Klimakrise und das breite Spektrum an Partnern und damit Perspektiven stärkt die IKI. Von Anfang an ist eine Vielfalt von Bürgerinnen und Bürgern und Institutionen vor Ort bei der Strategie dabei gewesen.

Norbert Gorißen: Im Unterschied zur klassischen Entwicklungsfinanzierung haben wir einen Wettbewerb um die besten Ideen eröffnet. So hatten Think Tanks, gemeinnützige Organisationen und NGOs die Möglichkeit, neue Ansätze einzubringen. Aus den Entwicklungsländern hören wir immer wieder: Wir brauchen eigene Institutionen, die dauerhaft in der Lage sind, die in den Projekten begonnene Arbeit weiterzuführen. Aus diesem Grund haben wir das Thema „Local Content“ auf die Agenda gesetzt. Das heißt, wir fordern von den Partnerländern, dass ein gewisser Prozentsatz der Projektfinanzierung an Institutionen in den Ländern selbst geht. Nicht alle Länder können und wollen das, aber viele sind offen dafür. Damit beflügeln wir auch den internen Dialog zwischen den dortigen Ministerien und Behörden.

"Mit der IKI stärken wir die, die für Klimaschutz in den Entwicklungsländern tätig sind."

Norbert Gorißen, BMU/IKI


Jennifer Morgan

Jennifer Morgan, 53, wuchs im US-Bundestaat New Jersey auf. In ihrer Laufbahn bekleidete sie führende Positionen bei mehreren großen Umweltorganisationen und Forschungsinstituten wie dem WWF, Third Generation Environmentalism (E3G) und dem World Resources Institute (WRI). Seit 2016 ist sie Geschäftsführerin von Greenpeace International.

Norbert Gorißen

Norbert Gorißen, 61, leitet die Unterabteilung „Internationales“ im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. Seit 2008 baute er die Internationale Klimaschutzinitiative auf. Er ist stellvertretendes Direktoriumsmitglied im Green Climate Fund (GCF) und war EU-Chefunterhändler für Klimafinanzierung bei den Verhandlungen für das Pariser Abkommen. Er ist seit 20 Jahren im BMU tätig und hat sich dort insbesondere mit EU-Umweltpolitik und dem Ausbau der erneuerbaren Energien befasst.

„Wir brauchen den Systemwechsel hin zu einer emissionsarmen Wirtschaft“

Lesen Sie Teil II des Interviews mit Jennifer Morgan und Norbert Gorißen.

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