Green Recovery in Costa Rica – Arbeiten an einer „3D-Wirtschaft”

Interview mit Barbara Avila, Beraterin der Economic Advisory Initiative

Im Juni 2020 bat die Regierung von Costa Rica um Unterstützung der Economic Advisory Initiative der NDC-Partnerschaft, um einen nachhaltigen Wiederaufbau der Wirtschaft nach der COVID-19-Pandemie in ihrem Land zu fördern. Barbara Avila ist eine der sieben Beraterinnen und Berater, die diese Aufgabe von April bis Oktober 2021 in Costa Rica übernommen hatten. In diesem Interview berichtet sie über ihre Arbeit für die Initiative. 

Wie sehen die Prioritäten der Regierung von Costa Rica für eine „Green Recovery“ aus und was sind die dringlichsten Probleme im Land?

Die Regierung verfolgt das Ziel, die Wirtschaft so zu entwickeln, dass wir in Zukunft eine digitalisierte, dezentralisierte und dekarbonisierte Wirtschaft haben. Wir nennen dies kurz die „3D-Wirtschaft“. Unsere Aufgabe als Wirtschaftsberaterinnen und -berater war es, an einem Konzept für ein solches inklusives und dekarbonisiertes Wirtschaftsentwicklungsmodell zu arbeiten.

Können Sie uns den Ansatz der „3D-Wirtschaft“ erläutern? 

Die Logik eines inklusiven und dekarbonisierten Entwicklungsmodells, die sich im Nationalen Dekarbonisierungsplan widerspiegelt, sieht vor, das grüne Wachstum bis 2050 zu steigern. Dieses grüne Wachstum basiert auf einer Produktionsmatrix, bei der die Erzeugung von Kohlenstoffemissionen reduziert werden, weil sie sich auf ein dezentralisiertes, digitalisiertes und dekarbonisiertes Wirtschaftssystem stützt. Auf diese Weise wird es auch möglich sein, die strukturellen Lücken im sozialen Bereich zu schließen und Fortschritte bei der Verringerung von Armut, Ungleichheit und Arbeitslosigkeit zu machen. Dies soll über eine Weiterbildung von Gruppen wie handwerklichen Fischerinnen und Fischern oder kleinen landwirtschaftlichen Erzeugerinnen und Erzeugern sowie Verbesserungen in den Arbeitsbedingungen und Löhnen erreicht werden.
 


Barbara Avila gehörte zum Team der Economic Advisers in Costa Rica. Sie hat einen Abschluss in Geografie von der Pontificia Universidad Católica in Chile und verfügt über langjährige Berufserfahrung in verschiedenen Umweltprojekten mit Schwerpunkt auf Geomarketing, Investitionen und Gemeinden. Foto: privat

Sie haben das Ministerium für nationale Planung und Wirtschaftspolitikungefähr sechs Monate lang unterstützt. Worin bestand Ihre Rolle in dieser Zeit und wie sah Ihr Arbeitsalltag aus?

Ich arbeitete als Hauptanalystin für geografische Informationen, erstellte kartografische Informationen, analysierte Daten, sammelte Informationen und überprüfte bibliografische Daten. Ich war auch Teil des Teams, das die Präsentationen vorbereitet und die administrativen Aufgaben des Projekts koordiniert. Wir führten direkte Gespräche mit Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern im Ministerium und dem Projekt ACCION Clima III der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI), die unsere Arbeit unterstützt haben. Wir organisierten Treffen innerhalb des Teams, mit Expertinnen und Experten für eine sogenannte blaue Wirtschaft und Klimafinanzierung sowie dem sogenannten „Mirror-Team“. Dieses Team setzt sich aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Ministeriums für Planung und politische Ökonomie (MIDEPLAN), der Partnerschaft zur Umsetzung der national bestimmten Klimaschutzbeiträge (NDC-Partnerschaft), dem Ministerium für Umwelt und Energie (MINAE), dem Direktorat für Klimawandel (DCC) und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) zusammen.

Was waren wichtige Meilensteine auf Costa Ricas Weg  zu einer „Green Recovery“? Welche Entwicklungen konnten Sie als Wirtschaftsberaterin unterstützen?

Eine besonders wichtige Errungenschaft, die unser Team unterstützt hat, war die Förderung der Konzepte für eine blaue Wirtschaft und regenerative Landwirtschaft im Rahmen der Wiederaufbaubemühungen. 

Blaue Wirtschaft steht für die nachhaltige Nutzung der Ozeane, Meere und Küstenressourcen – und somit für wirtschaftliches Wachstum, bessere Lebensbedingungen, Arbeitsplätze und die Gesundheit des Ökosystems Meer. 

Im Laufe der Jahre wurden verschiedene Anstrengungen unternommen, um die idealen Bedingungen für landwirtschaftliche Böden wiederherzustellen. Diese waren jedoch nicht immer erfolgreich. Einer der Ansätze, die sich als erfolgreich erwiesen haben, ist die regenerative Landwirtschaft. Dabei handelt es sich um ein ganzheitliches System der Landwirtschaft, das kontinuierliche Innovationen für das ökologische, soziale, wirtschaftliche und spirituelle Wohlbefinden fördert. 

Beide Bemühungen – blaue Wirtschaft und regenerative Landwirtschaft – setzen nicht nur eine Änderung der Produktionsweise, sondern auch eine Änderung des Lebensstils voraus. Es geht um einen Lebensstil, der die Umwelt respektiert, der an die gegenwärtigen Bedingungen und an künftige Klimaveränderungen angepasst ist und den lokalen Markt widerstandsfähiger macht. Dieser Lebensstil soll eine Beständigkeit in der Zeit erreichen, die unabhängig von dem ist, was kommen mag, seien es eine Pandemie wie die gegenwärtige oder die unvermeidlichen Veränderungen im produktiven Ökosystem aufgrund des Klimawandels.



Die Economic Advisory Initiative

Mit dem Einsatz von Beraterinnen und Beratern unterstützt die IKI ihre Partnerländer in der Corona-Krise darin, wirtschaftliche Konjunkturmaßnahmen mit Klima- und Biodiversitätszielen zu vereinen.

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Umsetzung von NDCs in Costa Rica

Barbara Avilas Aktivitäten im Rahmen der Economic Advisory Initiative wurden durch das IKI-Projekt "ACCION Clima III" unterstützt.

Zum Projekt …


„Die nachhaltige Nutzung der Ozeane, Meere und Küstenressourcen sowie eine regenerative Landwirtschaft setzen eine Änderung der Produktionsweisen und der Lebensstile voraus.“

Barbara Avila


Wie konnten Sie Ihre Ziele unter den schwierigen Umständen der aktuellen globalen Krise verfolgen?

Um in einer historisch so schwierigen Zeit wie der COVID-19-Pandemie dorthin zu gelangen, wo wir hinwollen, war es wichtig, Gespräche mit verschiedenen Leiterinnen und Leitern von Ministerien zu führen, insbesondere mit den Direktorinnen und Direktoren der regionalen Planung.

Möglich wurde dies im Rahmen unseres Workshops im August 2021, an dem verschiedene Interessensgruppen teilnahmen. Bei dieser Veranstaltung wurden die wichtigsten Fortschritte des Projekts, einschließlich Fallstudien und Schlüsselbereiche, vorgestellt, und die Teilnehmenden konnten auf der Basis ihrer Kenntnisse der Situation vor Ort Kommentare abgeben. Dadurch konnten wir die Leitlinien für weitere Projektaktivitäten anpassen.

Anhand dieses Prozesses haben wir gesehen, wie die Regierung in der Lage war, nachhaltige Alternativen zu finden, die in einen „Green-Recovery-Ansatz“ einfließen können.

Waren Sie in Ihrer Tätigkeit als Beraterin mit besonderen Herausforderungen konfrontiert? 

Zunächst einmal ist diese Art der Beratung immer theoretisch, und oft fehlt eine praktische Komponente. Das macht es schwierig, Ergebnisse zu generieren, die die gewünschten Zielgruppen erreichen und direkt nutzbar sind. Will man sichergehen, dass man sich weiter in Richtung der endgültigen Ziele bewegt, muss man ständig überprüfen, ob der eingeschlagene Weg noch der richtige ist.

Welche Erfahrungen können Sie an Praktikerinnen und Praktiker weitergeben, die die Green Recovery in die Tat umsetzen wollen? 

Meinen Kolleginnen und Kollegen bei der Economic Advisory Initiative in anderen Ländern möchte ich die folgenden Ratschläge mit auf den Weg geben: Denken Sie daran, dass bei der Umsetzung von Green Recovery-Projekten die Machbarkeit je nach Projekt genauso wichtig ist wie der theoretische Teil! Wenn Sie das Projekt wirklich in die Praxis umsetzen wollen, sollten Sie vor allem die betroffenen gesellschaftlichen Gruppen so weit wie möglich beteiligen, um die Ziele zu erreichen. Sorgen Sie auch dafür, dass Sie sich mit denjenigen in Verbindung setzen, die das Projekt in die Praxis umsetzen werden, um eine erfolgreiche Entwicklung des Projekts zu erreichen.

Barbara, vielen Dank für das Gespräch und die Einblicke in Ihre Arbeit in Costa Rica.