Green Recovery Wirklichkeit werden lassen – Erfahrungen aus Kolumbien

Interview mit Mónica Parra, Beraterin der Economic Advisory Initiative

Die Coronakrise hat die Welt in noch nie dagewesener Weise getroffen. Insbesondere Entwicklungs- und Schwellenländer haben mit den Auswirkungen der Pandemie zu kämpfen. Daher unterstützt die Internationale Klimaschutzinitiative (IKI) die „Economic Advisory Initiative", die 2020 von NDC-Partnerschaft ins Leben gerufen wurde. Die „Economic Advisory Initiative“ möchte Beratung für einen nachhaltigen Neustart der Wirtschaft bieten. Zu diesem Zweck werden Wirtschaftsexpertinnen und -experten finanziert, die Regierungen in acht Partnerländern bei der Gestaltung einer Green Recovery beraten sollen. Eine der ersten Beraterinnen, die ihre Arbeit aufnahmen, war Mónica Parra. Von November 2020 bis April 2021 beriet sie die nationale Planungsbehörde in Kolumbien. Im Interview schildert sie ihre praktischen Erfahrungen bei der Arbeit für die „Economic Advisory Initiative". 

Im Juni 2020 bat die kolumbianische Regierung im Rahmen der Economic Advisory Initiative um Unterstützung, um eine Green Recovery in ihrem Land zu fördern. Wie sahen in diesem Zusammenhang die Prioritäten der Regierung aus und was sind die dringlichsten Probleme im Land? 

Im Zuge der Pandemie sieht sich die kolumbianische Regierung mit einem unerwarteten Anstieg der Arbeitslosen- und Armutsquote konfrontiert, auf den unmittelbar reagiert werden muss. Angesichts dieser Situation hat die Regierung drei Prioritäten im Hinblick auf eine Green Recovery festgelegt.

An erster Stelle steht die Verknüpfung der Infrastrukturentwicklung mit dem Konjunkturpaket für die Wirtschaft nach der COVID-Pandemie. Diese Priorität ermöglicht eine Ökologisierung eines traditionell „braunen“ Wirtschaftssektors, der auf fossilen Rohstoffen beruht und Infrastruktur, Bauwesen und Energie umfasst. Gleichzeitig soll diese oberste Priorität für mehr wirtschaftliche Aktivität sorgen und Arbeitsplätze für die Bevölkerung schaffen. Letztere wird über den Zugang zu umweltfreundlichen Produkten und Dienstleistungen von einer besseren Lebensqualität profitieren. 

An zweiter Stelle steht die Förderung einer nachhaltigen Nutzung von natürlichen Ressourcen, um ein unternehmensfreundliches Umfeld und Arbeitsplätze zu schaffen. 

Und an dritter Stelle steht, stärker auf naturbasierte Lösungen zu setzen, um soziale und wirtschaftliche Probleme im Einklang mit der Umwelt anzugehen. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf Ökosystemleistungen belegt, zum Beispiel die Wasserversorgung, saubere Luft und Ernährungssicherheit. 


Mónica Parra ist eine führende Wirtschaftswissenschaftlerin mit Schwerpunkt auf wirtschaftlicher Entwicklung und grünem Wachstum. Sie verfügt über umfangreiche Erfahrungen in den Bereichen staatliche Politik, Makroökonomie und internationale Kooperationsprogramme. Im Rahmen der Economic Advisory Initiative beriet sie die nationale Planungsbehörde in Kolumbien. Foto: privat

Nachhaltigen Nutzung von Naturkapital – was bedeutet das konkret?

Die Regierung möchte einen neuen wirtschaftlichen Treiber erschließen, der auf dem biologischen Reichtum des Landes beruht. Kolumbiens Biodiversität bietet Wettbewerbsvorteile für die Erzeugung von biobasierten Produkten und Dienstleistungen mit hohem Nutzen. So lassen sich parallel zum Schutz der Umwelt Arbeitsplätze schaffen. Zu den Maßnahmen im Rahmen dieser Komponente für eine wirtschaftliche Erholung zählt unter anderem, eine biobasierte Erkundung von Bodenschätzen. Die Maßnahmen sehen auch vor, ein Netzwerk für Forschung, Entwicklung und Innovation zur Nutzung von Biomasse zu schaffen und ein nationales Genomikprogramm zu entwickeln. Darüber hinaus sollen Märkte und kommerzielle Wertschöpfungsketten geschaffen, Biotech-Unternehmen gefördert und die Vorschriften für biotechnologische Produkte und Dienstleistungen angepasst werden.

Welchen Stellenwert hat Green Recovery im allgemeinen Konjunkturprogramm und in den Bestrebungen der kolumbianischen Regierung?

Im Jahr 2020 hat die kolumbianische Regierung 43,9 Billionen Kolumbianische Pesos – umgerechnet 12,5 Milliarden US-Dollar – ausgegeben, um dem durch das Coronavirus ausgelösten Notstand zu begegnen und die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Der Großteil dieser Mittel floss inmitten der Krise in die Sozialfürsorge, in die Unterstützung von Arbeitsplätzen und in das Gesundheitswesen. Diese staatlichen Ausgaben erfolgten in erster Linie als schnelle Nothilfe ohne spezifische ökologische Kriterien. Die kürzlich verabschiedete Politik zur Wiederbelebung der Wirtschaft, bekannt unter der Bezeichnung CONPES 4023/2021, sieht neue Investitionen zur Förderung der Green Recovery vor. 

Sie haben die nationale Planungsbehörde sechs Monate lang unterstützt. Worin bestand Ihre Aufgabe während dieser Zeit? Wie sah Ihr Arbeitsalltag aus?

Meine Aufgabe bestand darin, bei der Entwicklung von Strategien für eine Green Recovery als Beraterin zu fungieren. Zum einen habe ich die Regierung bei einer Reihe von Aufgaben im Zusammenhang mit der Vorbereitung und Einführung der neuen Konjunkturpolitik unterstützt. Zum anderen habe ich Ideen beigesteuert, wie wir die drei von der Regierung festgelegten Prioritäten angehen sollten, mit dem Ziel, eine mittel- und langfristige Strategie für die Green Recovery zu definieren. Ich nutzte meine Erfahrungen im Wirtschafts- und Umweltbereich, um mit den technischen Teams die Green Recovery-Alternativen für die Zukunft zu diskutieren. Daneben habe ich die technischen Beiträge bearbeitet und gefiltert, um eine generelle Strategie zu entwickeln. Auf der Grundlage meiner Übersicht über die internationalen Aktivitäten im Rahmen einer Green Recovery und der Analyse des lokalen Kontextes flossen mehrere meiner Empfehlungen in die Green Recovery-Strategie ein: Zum Beispiel wie naturbasierte Lösungen in die Planung und Entwicklung von Finanzinstrumenten einbezogen werden können, welches Potenzial grüner Wasserstoff für das Land bietet und Vorschläge für umweltfreundlichere Standards bei den Verkehrsträgern. 



Die Economic Advisory Initiative

Mit dem Einsatz von Beraterinnen und Beratern unterstützt die IKI ihre Partnerländer in der Corona-Krise darin, wirtschaftliche Konjunkturmaßnahmen mit Klima- und Biodiversitätszielen zu vereinen.

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NDC-Unterstützung Kolumbien

Mónica Parras Einsatz in der Economic Advisory Initiative wurde durch das IKI-Vorhaben NDC-Unterstützung Kolumbien unterstützt. 

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Blick auf die Anden. Foto: Shutterstock

"Kolumbien ist eines der Länder mit der größten biologischen Vielfalt der Welt. Wir wollen dieses reiche Naturkapital schützen, indem wir naturbasierte Lösungen zu einem Kernbestandteil unserer nationalen Sanierungsstrategien machen. In der Praxis versuchen wir, grüne Infrastrukturprojekte voranzutreiben und Produkte der Bioökonomie zu fördern."

Mónica Parra

Wenn Sie auf die vergangenen Monate zurückblicken, was waren Ihrer Meinung nach wichtige Meilensteine auf Kolumbiens Weg zu einer Green Recovery? Welche Entwicklungen konnten Sie als Wirtschaftsberaterin unterstützen? 

Die kolumbianische Regierung hat kurzfristige Sofortmaßnahmen ergriffen und bereitet derzeit auch mittel- und langfristig ausgerichtete politische Maßnahmen vor. In der ersten Februarwoche 2021 wurde eine nationale Politik für einen nachhaltigen Aufschwung genehmigt und verabschiedet, und eine ergänzende Green Recovery-Strategie wird derzeit vorbereitet. Es wurden mehrere Themen hervorgehoben, um die Wirtschaft wiederzubeleben und ein nachhaltiges Wachstum zu erreichen. Dazu gehören das Pflanzen von rund 180 Millionen Bäumen, die Förderung einer Bioökonomie sowie die Einbeziehung der Katastrophenrisikoanalyse bei öffentlichen Investitionen in Projekte für den Zugang zu Wasser und die Wasseraufbereitung. Das sind ganz klar Anpassungen an den Klimawandel.  

Waren Sie in Ihrer Tätigkeit als Beraterin mit besonderen Herausforderungen konfrontiert? 

Die kolumbianische Regierung steht der Aufnahme von „grünen Kriterien“ in ihre Planung und Ausgaben sehr offen gegenüber. Eine der größten Herausforderungen lag für mich jedoch darin, dass die Wirtschaftspolitik – sowohl die allgemeine als auch die sektorale – in der Konzeptionsphase traditionell keine grünen Kriterien berücksichtigt. Das hat viel mit der Art und Weise zu tun, wie die Regierung organisiert ist: Für die Umwelt, die Finanzen sowie die Schlüsselsektoren für den wirtschaftlichen Aufschwung sind unterschiedliche Behörden und Teams zuständig. Diese Struktur trägt nicht dazu bei, Synergien zwischen den wirtschaftlichen und ökologischen Zielen, die erreicht werden sollen, zu schaffen. 

Weitere Herausforderungen gibt es durch die finanzpolitischen Begrenzungen, den Mangel an Finanzinstrumenten für eine Green Recovery und die begrenzten institutionellen Kapazitäten. Hier wären auch die Hemmnisse zu nennen, die sich aus der fehlenden Entschlossenheit seitens der Bürgerinnen und Bürger und der Unternehmen ergeben, ihre Konsum- und Produktionsgewohnheiten zu ändern, saubere Technologien zu übernehmen und das Naturkapital zu nutzen. 

Welche Erkenntnisse können Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen, die gerade ihre Beratungstätigkeit in verschiedenen Ländern aufgenommen haben, mit auf den Weg geben?

Die erste wichtige Erkenntnis ist für mich, die Wettbewerbsvorteile des Landes zu analysieren. Kolumbien zum Beispiel steht weltweit an zweiter Stelle, was seine biologische Vielfalt angeht. Damit verfügt das Land über eine einzigartige Ausgangslage, durch grüne Produkte, Dienstleistungen und Arbeitsplätze im Zusammenhang mit dem Erhalt des Ökosystems eine nachhaltige Entwicklung einzuschlagen. Ebenso bieten die geographischen und physikalischen Merkmale des Landes durch das Potenzial für Wasserkraft, Biomasse, Sonnen- und Windenergie viele Möglichkeiten auf dem Weg zu einer sauberen Energiematrix. 

Die zweite wichtige Erkenntnis ist, dass die Zivilgesellschaft in die Politikgestaltung einbezogen werden sollte. Die nationale Planungsbehörde Kolumbiens veröffentlicht eine vorläufige, nicht genehmigte Version jeder nationalen politischen Richtlinie, um Rückmeldungen und Vorschläge von Organisationen, Unternehmen, Bürgerinnen und Bürgern zu erhalten. Dies trägt dazu bei, die Sichtweise auf die zu lösenden Probleme um verschiedene Perspektiven zu erweitern, und es stärkt den politischen Entscheidungsprozess.

Eine weitere Erkenntnis, die ich gewonnen habe, ist die Entwicklung von politischen Instrumenten für verschiedene Zeithorizonte. In Kolumbien haben wir beispielsweise im Jahr 2020 Soforthilfeverordnungen erlassen, während wir im Jahr 2021 eine nachhaltige Konjunkturpolitik auf den Weg bringen werden, die mittel- und langfristig angelegt ist.

Vielen Dank, Mónica Parra, für die Einblicke in Ihre Arbeit im Rahmen der Economic Advisory Initiative. 

Es war mir ein Vergnügen. Ich wünsche allen Beraterinnen und Beratern der Initiative viel Erfolg bei ihrer Arbeit für eine grünere Wirtschaft!