Landschaft in Madagaskar

Intakte Ökosysteme zur Vorbeugung der Ausbreitung von Pandemien

Wie die Internationale Klimaschutzinitiative (IKI) mit dem Schutz der Biodiversität zum menschlichen Wohlergehen beiträgt.

 

Funktionierende Ökosysteme sind eine der zentralen Grundlagen menschlicher Existenz – insbesondere die menschliche Gesundheit ist auf sie angewiesen. Denn die Natur versorgt den Menschen mit überlebenswichtigen Ökosystemleistungen, die für unser Wohlergehen ausschlaggebend sind: Sauberes Wasser, gesunde Nahrung und medizinische Produkte sind an dieser Stelle nur beispielhaft genannt. Auch die menschliche Verletzlichkeit gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels und Naturkatastrophen hängt entscheidend von funktionsfähigen Ökosystemen ab. Die Funktionsfähigkeit der Ökosysteme wiederum hängt von ihrer Artenvielfalt ab, denn nur ein ökologisches Gleichgewicht garantiert die Stabilität und Leistungsfähigkeit des Ökosystems.

Die Pandemie durch COVID-19 (Coronavirus SARS-CoV-2) zeigt drastisch, welche Bedeutung die Erhaltung natürlicher Lebensräume für die menschliche Gesundheit hat. Diesem Zusammenhang kommt jedoch bislang viel zu wenig Beachtung und Aufmerksamkeit zu.

Verlieren Wildtiere ihren natürlichen Lebensraum, weichen sie auf von Menschen besiedelten Flächen aus. Treffen Menschen und Wildtiere öfter aufeinander, steigt das Risiko einer Krankheitsübertragung.

Degradierte Waldfläche
Degradierte Flächen wie hier auf Madagaskar zerstückeln Ökosysteme und lassen den Lebensraum für Tiere schrumpfen. Foto: Susanne Kobbe

Mensch und Tier brauchen ihre eigenen Lebensräume

Die Folgen schrumpfender Habitate sind vielfältig. Verlieren Wildtiere ihren natürlichen Lebensraum, weichen sie auf von Menschen besiedelten Flächen aus. Dadurch gelangen Mensch und Tier öfter in Kontakt und das Risiko der Übertragung von Krankheiten steigt. Die Zerstörung und Veränderung natürlicher und artenreicher Lebensräume führt auch immer zu einem Verlust vieler wichtiger Pflanzen- und Tierarten im jeweiligen Ökosystem. Dieser Lebensraum verarmt und wird zunehmend von wenigen anspruchsloseren und konkurrenzfähigeren Arten (Generalisten) dominiert. Das Übertragungsrisiko von Infektionskrankheiten steigt in artenarmen, gestörten Lebensräumen, da die höheren Bestandsdichten dieser Arten die Krankheitsausbreitung begünstigen. Ferner kommen diese Generalisten meist auch in menschlicher Nähe beispielsweise in landwirtschaftlich genutzten Bereichen und urbanen Räumen vor. Hierdurch werden Infektionsketten zwischen Wildtieren und Menschen begünstigt.

Der Schutz und die Wiederherstellung von Lebensräumen und Erhalt der Artenvielfalt haben deshalb eine ausschlaggebende Bedeutung für die Verhütung übertragbarer Krankheiten: Gebietsschutz, Naturreservate und andere Schutzgebietsformen dienen als natürliche „Schutz-Barrieren“ zwischen Menschen und Tieren, um das Übertragungsrisiko von Krankheitserregern so klein wie möglich zu halten.

Ein weiteres Risiko für die menschliche Gesundheit ist die Nutzung von Wildtieren. Insbesondere Jagd, Wildtierhandel und Verzehr von Wildtierfleisch können Brücken für Krankheitserreger sein. In vielen Regionen ist Wildtierfleisch eine wichtige Proteinquelle der Ernährung oder gar eine gewinnbringende Delikatesse. Der weitverbreitete Handel und Konsum werden jedoch grundsätzlich nur unzureichend reguliert und gemanagt. Insbesondere die Einhaltung von Hygienevorschriften ist ein schlecht überprüfter Bereich. Die illegale Jagd (Wilderei) und der weltweite illegale Wildtierhandel sind besonders problematisch, da eine Vielzahl an Arten betroffen sind. Schuppentiere und Flughunde stehen als Überträger von COVID-19 oder Ebola im Verdacht, sie sind gleichzeitig begehrte Handelsobjekte. Der Wildtierhandel wird weltweit unter anderem durch extrem geringe Einkommen ländlicher Bevölkerungsgruppen begünstigt. Die schlechte Einkommenssituation wird zusätzlich durch die Auswirkungen des Klimawandels auf die kleinbäuerliche Landwirtschaft verstärkt.

 

Um künftig das Risiko von Pandemien wie bei COVID-19 zu reduzieren, bedarf es starker globaler und nationaler Anstrengungen, Naturschutzthemen in der Aufmerksamkeit der Politik zu heben, um sowohl den Ausgangspunkt der Krankheitserreger zu minimieren, Einkommen ländlicher Bevölkerungen klimaresilient zu verbessern und die Nachfrage nach Wildtierprodukten zu senken. Dafür muss die Wissensbasis stetig verbessert werden. Relevante Akteurinnen und Akteure in Poltik, Gesundheitswesen, Entwicklungshilfe und Landwirtschaft müssen kontinuierlich sensibilisiert werden, um die Zusammenhänge zwischen menschlichem Wohlergehen, Naturschutz und dem Erhalt von Naturräumen im Bewusstsein der Menschen zu verankern. Die COVID-19-Pandemie kann die Zusammenhänge aufzeigen und notwendige Politiken dafür verändern.

Die Gesundheit des Menschen als Querschnittsthema in der IKI

Die Internationale Klimaschutzinitiative (IKI) wirkt bereits seit ihrer Gründung der Zerstörung und Fragmentierung von Ökosystemen entgegen. Die geförderten Projekte helfen neue Schutzgebiete zu schaffen und bestehende auszuweiten. Sie unterstützen die Partnerländer dabei, Schutzgebiete und ihre Pufferzonen in Zusammenarbeit mit der ansässigen Bevölkerung nachhaltig zu managen und leisten einen Beitrag zur Bekämpfung von Wilderei. Des Weiteren stärkt die IKI über ihre Projekte das Umweltbewusstsein in den Partnerländern und vermittelt Wissen über die Zusammenhänge zwischen Ökosystemleistungen und Wahrung der menschlichen Lebensgrundlagen.

Die Reihe der Schutzgebietsprojekte im Rahmen der IKI ist lang und umfasst eine Vielzahl von Ländern. Ein Beispiel dafür ist das Projekt „Biosphärenreservat – Schutzgebietsmanagement“. Es stärkt drei Schutzgebiete im nördlichen Amazonas (Yasuní, Limoncocha, Cuyabeno), unter anderem um die wachsende Ölförderung in diesen Gebieten einzudämmen. Damit wird das menschliche Eindringen in den natürlichen Regenwald und die daraus folgende Fragmentierung von Ökosystemen und der Verlust der biologischen Vielfalt verhindert. Gleichzeitig bleibt so der Lebensraum wandernder Tiergruppen – wie Affen und Schuppentiere – erhalten.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze
Foto: BMU/photothek/Thomas Trutschel

„Die Naturzerstörung ist die Krise hinter der Coronakrise und umgekehrt gilt: Gute Naturschutzpolitik, die vielfältige Ökosysteme schützt, ist eine wichtige Gesundheitsvorsorge gegen die Entstehung neuer Krankheiten.“

In Guatemala unterstützt das Vorhaben „Entwicklung von Geschäftsmodellen für Kooperationen mit dem privaten Sektor als Instrument zum sozialverträglichen Wiederaufbau von naturnahen Wäldern“ erfolgreich das Schutzgebietsmanagement in drei Schutzgebieten für 180.790 Hektar Wald, in denen bislang keine Schutzmaßnahmen stattfanden. Für das Naturschutzmanagement und die Naturschutzüberwachung wird seit 2018 eine SMART-App (Spatial Monitoring and Reporting Tool) für Patrouillen in der Nationalparkkernzone genutzt. Sie ermöglicht unter anderem die Sichtung und das Monitoring seltener Tierarten.

SMART-Patrouillen spielen in verschiedenen Projekten eine wichtige Rolle und werden nicht nur beim Artenmonitoring eingesetzt. Sie sind eine wichtige Informationsquelle und ein Managementtool zur Lösung von Mensch-Tier-Konflikten sowie von Wilderei. Dies geschieht beispielsweise im Projekt „Schutz prioritärer Lebensräume im Bukit Barisan Selatan National Park, Sumatra“. Für das Management von Projektgebieten ist aber nicht nur moderne Technologie wichtig. Ebenso wesentlich ist die Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinden. Durch die Beteiligung der dort lebenden Menschen am Habitatschutz werden Mensch-Tier-Konflikte gelöst bzw. deren Entstehung verhindert. Das Vorhaben in Indonesien klärt vor Ort darüber auf, wie eine intakte Natur zum Beispiel mit sauberem Wasser, fruchtbaren Böden und Ernährungssicherheit zusammenhängt.

Diese nötige Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung greift auch das Vorhaben „Up-Scaling der Biodiversitätskommunikation zur Erreichung des Aichi-Ziels 1“ auf globalem Niveau auf. Es informiert weltweit durch Aufklärungsmaßnahmen und digitale Kommunikation bis zu eine Milliarde Menschen über die Werte der Biodiversität sowie ihre Bedrohung durch die Folgen des Klimawandels. Die Arbeit solcher Kommunikationsprojekte zur Bewusstseinsbildung wird gerade im Hinblick auf die Leistung von Ökosystemen als natürlicher Seuchenschutz und der Ausbreitung sogenannter Zoonosen wie COVID-19 immer wichtiger.

Nur ein verstärktes Bewusstsein über die Zusammenhänge zwischen Gesundheit und dem Erhalt natürlicher Lebensgrundlagen führt zu der notwendigen höheren Bereitschaft das Naturverständnis der Menschen für einen transformativen Wandel der Gesellschaft grundlegend zu ändern.

Header-Foto: BMU/Miguel Schmitter