09.12.2019

Bauen mit der Natur: Skalierbare Lösungen zum Schutz vor Hochwassergefahren in ganz Asien

Durchlässige Barrieren aus Reisig vor der Küste Indonesiens

Die durchlässigen Barrieren aus Reisig stoppen die Erosion und lassen neue Schlammbänke entstehen. Foto: Wetlands International / Apri Susanto

In Asien machen sich die Auswirkungen des Klimawandels zunehmend bemerkbar. In den Küstengebieten treten Katastrophen wie Überschwemmungen, Taifune und Tsunamis häufiger auf als zuvor. Auf der COP25 in Madrid zeigt ein IKI-Projekt, wie das Konzept „Bauen mit der Natur“ in Indonesien dazu beiträgt, die Resilienz der Küstengebiete des Landes zu stärken. Ein Vorbild für ganz Asien.

Die Fahrt zu dem Dorf Timbulsloko am Nordufer von Java, der bevölkerungsreichsten Insel Indonesiens, dauert lange. Zu beiden Seiten des Fahrdammes erstreckt sich Wasser, soweit das Auge reicht. Der Damm verläuft auf fünf Kilometern durch überschwemmte Felder, vorbei an zerfallenden Häusern, die durch klapprige Stege miteinander verbunden sind, sowie einem weitgehend weggespülten Dorffriedhof.

Der steigende Meeresspiegel, die Zerstörung der Mangrovenwälder sowie die großflächige Bodenabsenkung, die durch die Entnahme von Grundwasser in der nahe gelegenen Stadt Semarang verursacht wird, haben dazu geführt, dass das Meer bis weit ins Landesinnere eindringen konnte. Zwei Dörfer sind völlig verschwunden, und rund 20 Quadratkilometer des einst wohlhabenden Reisanbaugebietes Demak wurden überflutet.

Intakte Küstengebiete sichern das Überleben

Indonesien ist ein Archipel aus zahllosen Inseln mit tief gelegenen Küstengebieten, die einst von Mangroven gesäumt waren. Die natürliche Vegetation schützte die Küste vor Stürmen und verhinderte die Erosion des Bodens durch die Brandung. Inzwischen wurden 78 Prozent der Mangrovenwälder auf Java zerstört, wodurch Küstengemeinden, Häfen und Städte der See schutzlos ausgesetzt sind.

Doch die Dorfgemeinschaften von Timbulsloko und acht weiteren Dörfern haben damit begonnen, Gegenmaßnahmen zu treffen. Zusammen mit der Lokalregierung, der Zentralregierung, der gemeinnützigen Organisation Wetlands International und mit Unterstützung durch niederländische Ingenieure und Umweltschützer realisieren sie das IKI-Projekt „Naturleistungen effektiv nutzen: ökosystembasierte Anpassung in Küstenregionen Indonesiens“. Das Ziel des Projekts besteht darin, die Flussmangroven entlang von Aquakulturteichen wiederherzustellen und das Ufer mit durchlässigen Barrieren aus Reisig zu versehen. Diese sollen die Erosion stoppen und zur Wiederentstehung von Schlammbänken führen, an denen die Mangroven auf natürliche Weise nachwachsen.

Mangrovenwälder mit Membranen aus der Luft

Die Flussdeltas und Küstenstreifen Asiens, in denen mehrere hundert Millionen Menschen leben, sind stark durch Erosion und Überschwemmungen gefährdet. Der Gründe: Neben dem steigenden Meeresspiegel fehlen ihnen eine schützende Vegetationsdecke und die natürlichen Sedimentschichten. Doch gelingt es, beides wieder herzustellen, ist die Küste wieder besser vor der Brandung geschützt und kann sogar natürlich mitwachsen, wenn der Meeresspiegel steigt.

Eine Win-Win-Situation für Mensch und Natur

Für die Dorfgemeinschaften stehen die eigene Sicherheit und die Rückgewinnung von verloren gegangenen Flächen im Vordergrund. Ihre Partner sehen in den Maßnahmen darüber hinaus ein gutes Beispiel für erfolgreiche Klimaanpassung, die in den kommenden Jahrzehnten in ganz Südostasien und weltweit einen Beitrag zur Zukunftssicherheit von Städten, Küsten und Flüssen leisten kann. Die Idee wird „Bauen mit der Natur“ genannt. Dabei handelt es sich um Konzept, bei dem die Ökosystemleistungen der Natur in die Baupraxis integriert werden. „Bauen mit der Natur“ sieht vor, dass Planer und Architekten mit der Natur und nicht gegen sie arbeiten und die Bürgerinnen und Bürger in die Baumaßnahmen eingebunden werden.

Nach zögerlichen Anfängen in Demak hat die Regierung das Konzept inzwischen uneingeschränkt angenommen und beschlossen, es zügig und auf breiter Basis einzuführen. So wurden entlang der Küste von Java und auf den Inseln Lombok und Sulawesi auf einer Länge von fast 30 Kilometern durchlässige Barrieren errichtet, um nach einem verheerenden Tsunami im Jahr 2018 die Mangovenwälder zum Schutz der Bucht von Palu wiederherzustellen. Und die Methode funktioniert: Hinter den durchlässigen Barrieren haben sich umfangreiche Sedimente angesammelt und überall wachsen junge Mangroven.

In Timbulsloko und den Nachbardörfern wurden die Gemeinden für ihre Arbeit beim Bau der durchlässigen Barrieren nicht bezahlt. Stattdessen erhielten sie Kredite für Entwicklungsprojekte, bei denen die Ressourcen der Küste genutzt werden, beispielsweise zur Steigerung der Produktivität von Fischteichen oder zum Bau von touristischen Einrichtungen. Außerdem lernen Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohnern in Küstenfeldschulen, wie sie ihr Einkommen aus den Fischteichen steigern und gleichzeitig die Küste schützen können. Dies wird vielfach durch die Wiederherstellung von Mangrovenwäldern am Rand der Teiche und entlang der Küsten und Flüsse erreicht.

Membran zur Sedimentanhäufung vor der Küste Indonesiens

Inzwischen ist in den Gemeinden das Bewusstsein für die Bedeutung des Mangrovenschutzes gewachsen, und die Menschen haben damit begonnen, entlang der Küste und der Flüsse einen Streifen Land für die Wiederherstellung der Mangrovenwälder zu reservieren. Unabhängige Studien haben gezeigt, dass die Betreiber von Aquakulturen, die auf einer Fläche von 400 Hektar bewährte Praktiken und Methoden umgesetzt hatten, ihre Erträge verdreifachen und ihr Einkommen verdoppeln konnten.

Obwohl die Landabsenkung die Wiederherstellung der Mangrovenwälder in den Dörfern in der Nähe von Semarang deutlich erschwert hat, konnte mithilfe der durchlässigen Barrieren die Erosion gestoppt werden. Dies ist ein großer Gewinn für die Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner und ein ermutigendes Zeichen für die anderen Dörfer entlang der Deltaküste von Nordjava, an der auf lange Sicht Millionen von Menschen von der Küstenerosion betroffen sein dürften.

Das Bauen mit der Natur hilft auch den Städten

Zwar eignet sich das Konzept „Bauen mit der Natur“ vor allem für den Schutz von ländlichen Gebieten, doch kann es auch in Städten erfolgreich umgesetzt werden. Direkt an der Küste von Timbulsloko liegt die boomende Stadt Semarang. Leider stellt diese Stadt eine Bedrohung für sich selbst dar: Die neu entstandenen Industriebetriebe nutzen Wasser, das sie aus den schlammigen Sedimenten unter der Stadt abpumpen. Dadurch hat sich der Boden massiv abgesenkt, und zwar nicht nur im Stadtgebiet sondern auch entlang der Küste. Einige der Organisationen, die sich mit der Wiederherstellung der Mangrovenwäldern in den Dörfern befassen, haben aufgezeigt, mit welchen Methoden des „Bauen mit der Natur“-Konzepts die Hydrologie der Stadt wiederhergestellt werden kann. Die Vorschläge sehen eine Umstellung der Wasserversorgung auf die Nutzung von Oberflächenwasser vor, sodass auf die Grundwasserförderung verzichtet werden kann. Außerdem wird empfohlen, Niederschlagswasser effektiver zu nutzen und die geplante Küstenstraße in ein Küstenschutzkonzept mit einem 2000 Hektar großen Mangroven- und Fischereipark einzubinden.