29.05.2018

Cities Fit for Climate Change

Teilnehmende der Auftaktwoche des Projekts in Leipzig; Foto: Amina Schild

Teilnehmende der Auftaktwoche des Projekts in Leipzig; Foto: Amina Schild

Städte im (Klima) Wandel

Nongcebo Hlongwa aus Durban während dem Dialogforum in Santiago; Foto: Adapt ChileDen Indischen Ozean kann Nongcebo Hlongwa von ihrem Büro aus in 15 Minuten zu Fuß erreichen. Er liegt knapp 2 Kilometer von den Gebäuden der Stadtverwaltung eThekwinis (Durban) entfernt, in der Nongcebo in der Umwelt- und Klimaschutzstelle arbeitet. Der Ozean ist stadtseitig in eine moderne, offene Strandmeile eingebettet, die als beliebter öffentlicher Raum dient. Er ist Fluch und Segen zugleich. Zum einen erzeugt er eine einzigartige Lebensqualität, zieht Touristen in die Stadt und stützt die lokale Ökonomie. Auf der anderen Seite bedroht der jährlich spürbar steigende Meeresspiegel die Infrastruktur und die 3.5 Millionen Einwohner der südafrikanischen Metropole. Bis zum Jahr 2100 könnte der Anstieg in den dramatischsten Szenarien bis zu 1 Meter betragen. Ein Großteil der Stadt stünde dann unter Wasser. Wie so viele Städte im globalen Süden ist Durban nicht nur Verursacher, sondern vor allem betroffen vom Klimawandel.

Durban, Südafrika; Foto: Amina Schild

Arun Krishnamurthy während der Launching Week des Projekts in Bonn; Foto: Amina Schild7000 Kilometer weiter östlich, 8 Flugstunden über den Indischen Ozean, steht Arun Krishnamurthy an einem der unzähligen Wasseradern der Stadt Chennai, im indischen Bundestadt Tamil Nadu. Beinahe jedes Jahr hat Chennai mit Überflutungen zu kämpfen. Die letzte verheerende Flut von Dezember 2015, die für weltweite mediale Aufmerksamkeit sorgte, forderte über 500 Todesopfer und hinterließ hunderttausende von Menschen obdachlos. Es wird oft behauptet, die drastischen Folgen der Überflutung hätten gemindert werden können, wenn sich die Stadt besser auf die absehbaren Ereignisse vorbereitet hätte. Arun, Gründer der Nichtregierungsorganisation „Environmental Foundation of India“, die sich der Säuberung und Instandhaltung von Flüssen, Seen und Tümpeln in und um Chennai verschrieben hat, sieht ein weiteres Problem: „Über Jahrzehnte hat die rapide Urbanisierung zur kompletten Verschmutzung der Wasserwege Chennais geführt, die damit ihre Funktion zur Aufnahme und dem Abtransport zusätzlichen Regenwassers nicht mehr erfüllen können.“

Chennai, Indien; Foto: Daphne Frank

Klimafreundliche Stadtentwicklung- so kann es gehen!

Als sich Nongcebo und Arun im September 2017 in Santiago de Chile in einem Dialogforum zum Thema klimafreundliche Stadtentwicklung trafen, gab es viel Diskussionsbedarf. Mögen die Umstände ihrer Städte sehr unterschiedlich sein, die Herausforderungen und Ansätze zur Bewältigung bieten reichlich Möglichkeit zum gegenseitigen voneinander lernen. Das Dialogforum wird von dem globalen Projekt „Cities Fit for Climate Change“ (CFCC) organisiert, welches im Rahmen der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI) vom Bundesumweltministerium (BMU) beauftragt ist und von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH umgesetzt wird. Der Kerngedanke des Projektes findet sich bereits in seinem Namen wieder: Städte, fit für den Klimawandel zu machen. Das heißt etwas konkreter: Die Resilienz aber auch das Einsparungspotenzial von Treibhausgasen in Städten erhöhen. Handlungsleitend ist der Ansatz des „Climate-proofing“. Das bedeutet, dass Stadtentwicklungsstrategien, städtebauliche Entwürfe, Flächennutzungs- und Bebauungspläne sowie alle damit verbundenen Investitionen gegenüber den aktuellen und zukünftigen Auswirkungen des Klimawandels resilient und anpassungsfähig sind. Ferner müssen sie dem Klimaschutz Rechnung tragen, also auf eine Dekarbonisierung abzielen. Im Stadtbild kann eine Climate-Proof Strategie ganz verschiedene Formen annehmen: Ein einfaches Beispiel ist die Ausweitung von innerstädtischem Grün. Ob auf Dachgärten, bei der Straßenrand- oder Platzbegrünung: Grünflächen verbessern die Luftqualität, binden Kohlendioxid und lassen Regenwasser im Boden versickern. Dadurch werden weniger Überschwemmungen verursacht und es entsteht ein kühleres Mikroklima.

Arun Krishnamurthy während des Dialogforums in Santiago de Chile; Foto: Adapt Chile

Cities Fit for Climate Change- die Partnerstädte gehen voran 

Doch viele Städte beginnen sich nur langsam mit dem Klimawandel und den Folgen für den urbanen Raum auseinanderzusetzen. Dabei ist der Druck enorm. Städte bedecken 2 % der Erdoberfläche und produzieren bereits heute 70 % der Treibhausgase. Wenn man zusätzlich in Betracht zieht, dass für 50% der Menschheit, die 2050 in Städten leben werden, noch gar nichts gebaut ist, dann wird klar, warum einer klimagerechten Stadtentwicklung so viel Bedeutung zukommt. Doch wo fängt man konkret an? Wie kann man angesichts der Größe der Herausforderung wirkungsvolle Impulse setzen? Das Projekt CFCC konzentriert sich in seiner dreijährigen Projektlaufzeit auf die drei Partnerstädte Santiago de Chile, Chennai und eThekwini/Durban. Sie wurden auf Basis eines umfassenden Kriterienkatalogs ausgewählt und stehen exemplarisch für die klimatischen, aber auch sozialen Herausforderungen, in vielen Ländern des globalen Südens.

CFCC Städte; Foto: GIZ

Global vernetzt- geteiltes Wissen vergrößert sich

Bei der Umsetzung des Projektes stehen drei Aspekte im Vordergrund: Erstens geht es darum, Wissen für städtische Praktiker und Entscheidungsträger aufzubereiten und zugänglich zu machen, um zielgerichtete städtische Maßnahmen für den Klimawandel zu identifizieren und umzusetzen. Gemeinsam mit den Umweltabteilungen der Stadtverwaltungen soll dafür Sorge getragen werden, dass das Wissen nicht in einer sektoralen Logik verbleibt, sondern ausreichend Eingang in andere Abteilungen findet. Allen voran in Abteilungen, die für Stadtentwicklung und bauliche Prozesse in den Städten zuständig sind. Dazu initiierte CFCC in Santiago de Chile bereits eine „Klimawandel Akademie“, die über ein Jahr relevante Abteilungen der Stadt, aber auch verschiedene Regierungsebenen zum Wissensaustausch, einer verbesserten Koordination und Zuständigkeitsklärung zusammenbrachte. Aus der Akademie ist mittlerweile eine Plattform entstanden, die im Stile eines fach- und ebenenübergreifenden Ansatzes klimasensible Maßnahmen für Santiago plant.

Dieser integrierte Ansatz in der klimafreundlichen Stadtentwicklung bildet auch das Herzstück des zweiten Projektaspekts: Unterstützung der Kommunen bei der Entwicklung klimasensibler Maßnahmen. Hier geht es jedoch nicht um die bauliche Umsetzung von Infrastrukturmaßnahmen, sondern darum die Stadtplanung, mit ihren Instrumenten und Strategien, zukünftig besser an den Herausforderungen des Klimawandels auszurichten. In Durban wurde bereits ein Klimaresilienzplan entwickelt, der in die kommunale Entwicklungsplanung integriert werden soll. Damit bezieht die Stadt, stärker als bisher, Umweltfaktoren und Anpassungsnotwendigkeiten in ihre strategische Stadtplanung und hinterlegt klimarelevante Maßnahmen mit dem nötigen Budget. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das Projekt in Santiago de Chile, wo es die Projektteams zweier Großprojekte berät. Bei den städtischen Projekten geht es um ein neues Wohnquartier und die Aufwertung einer Hauptverkehrsstraße in Santiago. Bisher wurden Aspekte des Klimawandels in beiden Projekten nur marginal berücksichtigt. Durch die Beratung ändert sich dies. Für das Wohnprojekt wurden beispielsweise Klimamodellierungen unternommen, die Hitzeentwicklungen im Quartier unter der Beachtung oder eben Nichtbeachtung von klimarelevanten Aspekten aufzeigen. Damit wird Einfluss genommen auf die Entscheidung zu mehr Grünflächen, weniger Versiegelung, alternativer Energieerzeugung oder Beachtung von natürlichen Belüftungsschneisen. In Chennai konzentrieren sich die Projektaktivitäten, neben dem kommunalen Wissensaufbau, auf die Rehabilitierung eines Kanalabschnitts, der aufgrund von fehlendem Umweltbewusstseins und Verschmutzung sinnbildlich für das fragile Ökosystem der Stadt steht. Mit einem Architekten-Wettbewerb für die Rehabilitierung des Kanalabschnitts unterstützt das Projekt die Stadt dabei, eine neue Vision im Umgang mit den wertvollen Wasseradern der Stadt zu entwickeln. Die erfolgreichen Ideen und deren mögliche Umsetzung werden partizipativ mit der betroffenen Bevölkerung diskutiert und der Stadtverwaltung vorgestellt.

Die dritte Projektkomponente fußt auf globalen Wissensaustausch und dem gemeinsamen Arbeiten an Lösungsansätzen. Der Klimawandel ist vor allem auch ein globales Phänomen und unterscheidet nicht zwischen Verursacher und Betroffenem. Das Projekt sieht sich Sprachrohr und Laboratorium zugleich für die drei Partnerstädte und alle weiteren beteiligten Städte. Einerseits bietet das Projekt immer wieder Plattformen, um die Bedürfnisse, aber auch die Erfahrungen der Städte in die internationale Debatte einzubringen- sei es bei den Klimakonferenzen, wie der COP 23 in Bonn oder den internationalen Veranstaltungen im Bereich Urbanisierung, wie der Habitat III- Konferenz in Quito.  Zeitgleich fördert CFCC einen kollektiven Lern- und Gestaltungsprozess durch das Zusammenbringen der Partnerstädte in Präsenzworkshops, den so genannten Dialogforen. Die Präsenzformate werden durch virtuelle Möglichkeiten, wie Webinare, ergänzt, um Themen zu vertiefen. Besonderheit der Dialogforen ist die Teilnahme von deutschen Vorreiter-Städten, die eingeladen sind, um gute kommunale Praxis aus Deutschland einzubringen. Diese zusätzliche Komponente des Nord-Süd Lernens wird von den internationalen sowie deutschen Städten als Bereicherung empfunden. Es ermöglicht neben dem Export von deutschen Errungenschaften auch den Import neuer Ideen aus dem Ausland. Speziell im Bereich Anpassung an den Klimawandel können deutsche Städte von dem Praxiswissen im Ausland lernen, denn Extremwettereignisse treten dort bereits häufiger und mit stärkerer Intensität auf. Es ist aber nicht der Austausch alleine, der den Mehrwert eines global ausgerichteten Projekts definiert.

Dialogforum in Santiago de Chile; Foto: Adapt Chile

Gemeinsam stark- eine Vision für die Stadt der Zukunft

Gemeinsam wird auch an neuen Lösungsansätzen gearbeitet, die sich aus der Erfahrung des Projekts sowie guter, klimafreundlicher Praxis weltweit speisen. Im Fokus steht dabei die Entwicklung eines klimafreundlichen Stadtentwicklungsansatzes, der kommunalen Praktikern einen Handlungsrahmen zur Planung und Umsetzung von resilienter und emissionsarmer Stadtentwicklung anbietet. Dieser aus der kollektiven Arbeit des Projekts entwickelte Ansatz wird bis zum Projektende in einem digitalen Sourcebook aufgearbeitet und den Partnerstädten sowie vielen weiteren Städten zur Verfügung gestellt. Das nächste Dialogforum, findet im August 2018 in Chennai statt und wird für alle Projektpartner vor der Fertigstellung des Sourcebooks eine Möglichkeit bieten, den entwickelten Ansatz zur klimafreundlichen Stadtentwicklung auf den Prüfstand zu stellen. Danach soll er mit Hilfe von nationalen und internationalen Städtenetzwerken verbreitet werden. Bei diesem Dialogforum werden auch Arun aus Chennai und Nongcebo aus Durban wieder aufeinandertreffen. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus Santiago de Chile sowie den deutschen Kommunen werden Sie leidenschaftlich über Grenzen und Möglichkeiten nachhaltiger, integrierter Stadtentwicklung diskutieren. Das Forum in Indien, einem Land mit krassen sozialen Gegensätzen, wird allen Projektpartnern auch wieder vor Augen führen, wie mühsam Ziele des Klimaschutzes gegenüber anderen Entwicklungszielen verhandelt werden müssen. Eine sozial inklusive Stadtentwicklung und Anstrengungen für den Klimaschutz bilden dabei jedoch kein Gegensatzpaar. Vielmehr hat das Projekt in den letzten drei Jahren gezeigt, dass an der Schnittstelle beider Themen, in einer integrierten Betrachtungsweise, enormes Potenzial für positive, wechselseitige Effekte liegt. Städte müssen in Zukunft anders aussehen als heute. Wie? Davon können Arun und Nongcebo sowie viele weitere Partner des CFCC Projekts berichten.


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