17.03.2021

Das Klimaaktionsbündnis Salpetersäure (NACAG)

Düngemittelfabrik

Bei der Produktion von Düngemitteln entsteht klimaschädliches Lachgas. Foto: GIZ, colos / Fotolia

Der Klimawandel ist unbestritten eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Die Düngemittelindustrie ist weltweit eine der Hauptquellen für Treibhausgasemissionen. Der größte Teil der Emissionen dieses Sektors wird durch die Anwendung und den Einsatz von synthetischen Düngemitteln verursacht, aber auch die Produktionsprozesse von Ammoniak und Salpetersäure tragen wesentlich dazu bei.

Salpetersäure ist eine Stickstoffverbindung, die weltweit als Rohstoff zur Herstellung von Düngemitteln verwendet wird. Ein unerwünschtes Nebenprodukt des Produktionsprozesses ist Lachgas (N2O), ein die Ozonschicht schädigendes Treibhausgas mit einem im Vergleich zu CO2 265-fachen globalen Erwärmungspotenzial. Obwohl eine weitgehende Verringerung weder technisch schwierig noch teuer ist, wird dieses schädliche Treibhausgas von den meisten Produktionsanlagen weltweit unvermindert in die Atmosphäre ausgestoßen. In der Europäischen Union (EU) wird eine Minderungstechnologie angewandt, deren Einsatz über das Europäische Emissionshandelssystem (EU-ETS) durch Anreize stark gefördert wird. Außerhalb der EU haben nur wenige Länder oder Regionen vergleichbare Anreizsysteme implementiert, zudem oft mit einer begrenzten Reichweite. Daneben gibt es eine kleine Anzahl von Salpetersäure-Anlagen, die eine N2O-Minderungstechnologie einsetzen, da sie noch gültige Verträge für den Verkauf von Emissionsminderungszertifikaten über den Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung (CDM) besitzen, entweder durch individuelle Kaufverträge oder Optionsrechte aus der Pilot Auction Facility (PAF).

Während die Minderung von Treibhausgasen in vielen Sektoren schwierig oder teuer sein kann, ist die bewährte N2O-Minderungstechnologie für Salpetersäure-Anlagen leicht verfügbar, und eine Verringerung zu vergleichsweise geringen Kosten von ca. 1 bis 5 US-Dollar pro Tonne CO2-Äquivalent möglich. Darüber hinaus lässt sich die Technologie relativ einfach in bestehenden Anlagen installieren und erreicht mit bis zu 98 Prozent sehr hohe Wirkungsgrade in der Verringerung von Emissionen. Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit ein zusätzliches Minderungspotenzial von bis zu 180 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr besteht. Angesichts der anhaltenden Herausforderungen durch den Klimawandel ist es unsere Pflicht, dieses kostengünstige Minderungspotenzial auszuschöpfen.

Einführung und Angebot der NACAG

Aus diesem Grund hat das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) anlässlich der 21. Konferenz der Vertragsparteien (COP 21) der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) in Paris das Klimaaktionsbündnis Salpetersäure (Nitrid Acid Cliamte Action Group, NACAG) ins Leben gerufen. Die ehrgeizige Vision dieses globalen Aktionsbündnisses ist es, dass alle Salpetersäure-Produktionsanlagen weltweit wirksame N2O-Minderungsmaßnahmen implementieren und dauerhaft betreiben. Mit anderen Worten: Das Ziel ist die Transformation des gesamten Industriesektors hin zu einer umweltfreundlichen Produktion.

Zu diesem Zweck unterstützt die NACAG seine Partnerländer sowohl bei den technischen Aspekten als auch in der Ausgestaltung wirksamer Richtlinien, um die dauerhafte Minderung dieser Emissionen zu gewährleisten. Zusätzlich bietet das Aktionsbündnis Anlagenbetreibern in Ländern, die nicht über die ausreichenden Ressourcen verfügen, um diese Aktivitäten umzusetzen, finanzielle Unterstützung für N2O-Minderungsmaßnahmen.

Diese finanzielle Unterstützung wird über zwei unterschiedliche Mechanismen zur Verfügung gestellt. Für Anlagenbetreiber, die in den vergangenen Jahren keine N2O-Minderungstechnologie eingesetzt haben, gewährt die NACAG Direktzuschüsse für den Kauf und die Installation von Anlagen zur Reduzierung von Lachgas und Ausrüstung zur Überwachung von Emissionen. Für Anlagebetreiber, die seit kurzem – in der Regel dank Anreizen durch den CDM – produktionsbedingte N2O-Emissionen mindern, bietet die NACAG die Teilnahme an einer Klimaauktion für Preisgarantien auf Emissionsminderungszertifikate an. Dieses zweite Finanzierungsprogramm basiert auf der Pilot Auction Facility der Weltbank und wird im Rahmen des Salpetersäure-Klimaauktionsprogramms (NACAP) betrieben.

Finanzielle Unterstützung in Verbindung mit der Verpflichtung des Partnerlandes

Alle Länder weltweit sind eingeladen, der NACAG beizutreten, indem sie die NACAG-Erklärung unterzeichnen, ein unverbindlicher Ausdruck der Unterstützung für die Ziele des Aktionsbündnisses. Um sich für die Finanzierung durch die NACAG zu qualifizieren, müssen sich die Partnerländer formell dazu verpflichten, wirksame politische Maßnahmen umzusetzen, die ein Engagement zur Minderung von N2O in der Salpetersäureproduktion nach 2023 garantieren. Alle Länder werden dazu ermutigt, dieses leicht auszuschöpfende Potenzial auf ihre eigenen national bestimmten Klimaschutzbeiträge (NDC) zum Pariser Klimaschutzabkommen anzurechnen und damit ihre Ambitionen zu erhöhen. Aus Sicht der Partnerländer macht es Sinn, diese „tief hängenden Früchte" der Emissionsminderung eher für ihre eigenen Klimaschutzverpflichtungen als für eine Form des internationalen Handels mit Minderungsergebnissen durch bestehende Systeme oder mögliche zukünftige Einrichtungen unter Artikel 6 des Pariser Klimaschutzabkommens zu nutzen.

Diese verbindliche Zusage wird von der Regierung des Partnerlandes durch eine unilaterale Verpflichtungserklärung (Statement of Understanding, SoU) ausgedrückt, die sicherstellt, dass eine einmalige Investition in eine dauerhafte Minderung umgewandelt wird.

Die Initiative befindet sich in engen Gesprächen mit mehr als 30 Ländern, um technische und finanzielle Unterstützung anzubieten. Bislang haben sich 14 Länder durch die Unterzeichnung der Erklärung angeschlossen, und damit ihre Unterstützung für die Ziele der Initiative zum Ausdruck gebracht. Darüber hinaus haben fünf Länder (Georgien, Mexiko, Tunesien, Usbekistan und Simbabwe) bereits die formelle politische Verpflichtung (SoU) unterzeichnet und qualifizieren sich damit für eine finanzielle Unterstützung.

Anfang März 2021 haben der tunesische Düngemittelhersteller Groupe Chimique Tunisien (GCT) und die NACAG den ersten Zuschussvertrag im Rahmen des Förderprogramms der NACAG unterzeichnet. Damit wird der Kauf und die Installation von Treibhausgasminderungstechnologie und Überwachungsgeräten für die Produktionsanlage von GCT in Gabès, Tunesien, möglich. Es wird geschätzt, dass durch die Umsetzung dieser Maßnahme jährlich etwa 400.000 Tonnen CO2-Äquivalente eingespart werden können. Der Abschluss dieser Zuschussvereinbarung folgt der Verpflichtung der tunesischen Regierung, sicherzustellen, dass die Lachgasemissionen aus der Salpetersäureproduktion in Tunesien in Zukunft effektiv und dauerhaft gemindert werden.

Ausblick

Bei der Verwirklichung der Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens, die globale Erwärmung deutlich unter 2 °C zu halten, kann ein Sektor, der beträchtliche Mengen an Treibhausgasemissionen erzeugt, die sich zu vergleichsweise geringen Kosten verringern lassen, nicht vernachlässigt werden. Mexiko und Kolumbien haben den Sektor in ihre aktuellen NDCs aufgenommen und es gibt positive Anzeichen, dass viele Länder weltweit diesem Beispiel folgen werden.


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