16.04.2014

Der Bär wandert früh am Morgen

Ein IKI Projekt unterstützt eine friedlichere Koexistenz zwischen Mensch und Tier im Manú Biosphärenreservat in Peru

Ein Andenbär liegt in einem Baum auf einem Ast

Der Andenbär ist vom Aussterben bedroht. Bilder: Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF)

Hilario Ccapa Huillca ist heute ein gefragter Experte im Konflikt zwischen Menschen und Bären. Das war nicht immer so. “Ich hatte 52 Rinder und habe innerhalb eines Jahres alle verloren!" Wie die meisten Dorfbewohner von Otocani, einem abgelegenen Dorf in den peruanischen Anden, glaubte auch Hilario, dass der Andenbär dafür verantwortlich sei. Die Bewohner der Dörfer im Mapachotal halten den Bären für unersättlich. “Der Bär ist stolz, er wird nicht aufhören zu essen, aber er isst nicht alles, nur das Herz und die Ohren. Er treibt das Vieh zu den Klippen” schilderte Hilario damals, als er sich im Büro des Manú Nationalparks in Cusco immer wieder beschwerte. Im Gegensatz zu den anderen Quechua sprechenden Dorfbewohnern in der Region, ist Hilario in Cusco zur Schule gegangen und wusste sofort, dass man den Andenbär nicht jagen durfte.

Dialoge und Kompromisse

Das Manú Biosphärenreservat im Südosten Perus, am Ostabhang der Anden, umfasst in der Kernzone den Manú Nationalpark mit seinem eisigen Hochland, Bergwäldern und dem tropischen Amazonas-Tiefland auf einer Fläche von rund 19.000 Quadratkilometern. Das Biosphärenreservat ist Lebensraum für unzählige Tier- und Pflanzenarten, aber auch seit jeher Heimat vieler indigener Gemeinden. Im letzten Jahrzehnt hat die Waldfläche abgenommen, denn aufgrund des Bevölkerungswachstums fällten die Bewohner immer mehr Bäume, um Anbauflächen und Weideland zu schaffen. Diese Entwicklung beunruhigte vor allem die nationale Schutzgebietsbehörde SERNANP (Servicio Nacional de Áreas naturales Protegidas por el Estado). Das von ihnen zu überwachende Gebiet ist so riesig, dass es über die Basisversorgung hinaus kaum gemanagt werden konnte. Die größte Herausforderung für SERNANP war es, sich mit den Bewohnern im Reservat zu verständigen und Kompromisse zwischen ihren Landnutzungsansprüchen und den Schutzzielen im Park zu finden. Ein fortlaufender Dialog über eine für alle Beteiligten akzeptable Nutzungsform der Schutzgebiete wurde zu ihrem Hauptziel.

Der Andenbär – Tremarctos ornatus

In der andinen Parkrandzone gibt es auch immer wieder Probleme zwischen Mensch und Tier. Die Bauern beschuldigen die unter Schutz stehenden Wildtiere, Andenbär und Puma, ihre Schafe oder Rinder zu reißen und die Maisfelder zu plündern. Ob dies tatsächlich so stimmt, konnte bislang nicht nachgewiesen werden. Die Geschichten kursieren in den Andendörfern und haben dazu geführt, dass Wildtiere geschossen wurden. “Ich habe den Bären mehr als zwanzig Mal gesehen, immer aus weiter Entfernung. Ich habe sein Nest gefunden und weiß, wo er schläft, wo er frisst. Er hinterlässt seine Reste im Buschland!“ Jedes Mal, wenn Hilario sich wieder im Büro des Nationalparks beschwerte, versuchten ihm die Mitarbeiter zu erklären, dass auch der Bär Probleme habe. Er leidet unter dem Verlust seines Lebensraums und der illegalen Jagd auf ihn. Die einzige einheimische Bärenart Südamerikas droht auszusterben. Ein dauerhaftes Problem für den Manú Nationalpark, das ohne finanzielle Mittel und gezielte Forschung kaum bewältigt werden konnte.

Ein Andenbär sitzt auf einem Ast

Ein IKI Projekt bringt Erleichterung

Ein von der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI) gefördertes Projekt bringt nun Bewegung in den festgefahrenen Konflikt. Das von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) in Kooperation mit der peruanischen Schutzgebietsbehörde SERNANP im Dezember 2012 begonnene Projekt „ProBosque Manu“ eröffnet mit 2 Mio. € Projektmitteln endlich mehr Möglichkeiten, dringend notwendige Maßnahmen zum Schutz des Waldbestandes und zur nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen im Park zu finanzieren. Ein Gewinn für den Erhalt der Artenvielfalt, denn das Manú Biosphärenreservat ist ein weltweit einzigartiger Biodiversitäts-Hotspot mit mehr als 5000 Pflanzenarten sowie zahlreichen Säugetier- und Vogelarten, Amphibien und Reptilien.

Feldassistent im Bären – Mensch - Konflikt

Ernesto Escalante, stellvertretender Leiter des Manú Nationalparks hatte eine innovative Lösung für Hilarios Probleme. Das neue Projekt brauchte unbedingt ein neues Team, Mitarbeiter, die das Gebiet und den Bären kennen und zudem Quechua sprechen. Hilario war für diese Aufgabe genau der Richtige und zu diesem Zeitpunkt suchte er nach einer neuen Beschäftigung, denn von der Viehzucht konnte er inzwischen nicht mehr leben. Seit kurzem ist der ehemalige „Bären-Feind“ nun Feldassistent im ProBosque Manu Mensch-Bärenkonfliktprojekt. Der Schwerpunkt dieser Projektkomponente liegt auf der Vermeidung von Mensch-Wildtier-Konflikten. Um langfristig ein friedliches Zusammenleben von Menschen und Bären gewährleisten zu können, werden lokale Personen wie Hilario darin trainiert, den realen Einfluss von Bären auf Vieh und Maisfelder zu bewerten, die Bären und ihre saisonale Bewegungen zu studieren. Je mehr die Menschen über das Verhalten der Tiere, zum Beispiel ihre wiederkehrenden Wanderprofile, erfahren, desto mehr verlieren sie die Furcht vor dem vermeintlichen Feind.

Als Mitglied des Feldteams sammelt Hilario nun relevante Informationen über den Bären. “Der Bär wandert früh am Morgen”, weiß er zu erzählen. Auf Spurensuche, mit dem Motorrad unterwegs, beginnt sein Arbeitstag bereits um 5 Uhr morgens, “Ich folge dem Bären und werde dafür bezahlt.” Er sammelt alle Daten zum Aufenthaltsort des Bären und untersucht die angeblichen Angriffe auf das Vieh, ein wertvoller Beitrag zur Evaluierung der Situation. Auch besucht Hilario die Gemeinden im Park und spricht mit den dort lebenden Menschen über seine Arbeit und das Projekt. Inzwischen hat er überall Unterstützer gefunden, auch andere Dorfbewohner machen mit und geben Bescheid, wenn der Bär irgendwo auftaucht.

Waldschutz durch bessere Verständigung

Hilario erklärt Dorfbewohnern die Lebensgewohnheiten des BärenAuch das Projektziel, zu einem merklichen Rückgang der Entwaldung beizutragen, wird durch eine engere Zusammenarbeit mit den indigenen Gemeinden enorm begünstigt. Angestrebt sind verbindliche Vereinbarungen zwischen der Nationalparkbehörde und lokalen Interessensvertretern über die Nutzung von Wald- und Agrarflächen. Für die lokale Bevölkerung sollen Anreize geschaffen werden, sich auf Alternativen zu Anbau und Viehzucht einzulassen. Beispielsweise gelang es vor kurzem in der Region Tres Cruces einige Familien davon zu überzeugen, ihre Nutztiere von Flächen innerhalb des Nationalparks abzuziehen und sich zukünftig als Parkwächter zu engagieren. Das Projektteam half dabei, dass die Familien einen sehr guten Preis für ihre Rinder erhielten und somit ein Startkapital für neue einkommensschaffende Aktivitäten wie z.B. dem Kauf von Milchkühen haben.

Ein kleiner, aber wesentlicher Schritt auf einem Weg, der länger dauern wird und Beharrlichkeit erfordert. Das Projekt ProBosque Manu hat sich zur Aufgabe gemacht, Natur- und Artenschutz mit einer sozialen und demokratischen Entwicklung sinnvoll zu verknüpfen.