29.09.2017

Interview: Die Farbe des Wassers

Architektur aus Papier gemacht von Kindern und Jugendlichen; Foto: © Catherine Sarah Young

Architektur aus Papier gemacht von Kindern und Jugendlichen; Foto: © Catherine Sarah Young

Foto: © Catherine Sarah YoungCatherine Sarah Young ist eine interdisziplinäre Künstlerin, die Molekularbiologie, Kunst und Interaktionsdesign studiert hat. Im Rahmen des Projekts „Anpassung an den Klimawandel mit und für Kinder in Südostasien“, das von der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI) gefördert wird, verbindet Young die Themen Kunst, Klimawandel und Klimafolgenanpassung miteinander.

Sie arbeiten mit Kindern in Südostasien und verknüpfen Kunst mit Klimawandel und Klimaanpassung. Wie kam es dazu?

Plan International lud mich dazu ein, in den Projektgebieten der Organisation in Lewoleba (Indonesien), Chiang Mai (Thailand) und Tacloban (Philippinen) drei Kunst-Workshops durchzuführen. In diesen Regionen macht sich der Klimawandel extrem bemerkbar. Als ich dort war, wurde mir klar, dass die Dinge, die ich dem Globalen Norden vor Augen führen möchte, nämlich dass sich die Spirale des Klimawandels immer weiterdrehen und immer gravierendere Folgen haben kann, hier bereits den Alltag vieler Menschen prägt. Vor diesem Hintergrund baten mich die Projektverantwortlichen darum, Kinder und Jugendliche einzubeziehen. Daraufhin sprachen wir kleine Kinder ab einem Alter von sechs Jahren, aber auch Teenager an. Der Grundgedanke war, die Kinder ihre eigene Kunst gestalten zu lassen und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Sicht auf den Klimawandel darzustellen.

Schneekugeln mit von Kindern gemachten Skulpturen, die Dinge zeigen, die in ihren Gemeinden vom Klimawandel betroffen sind. © Foto: Catherine Sarah Young

Wie brachten Sie die Kinder dazu, Kunst zu schaffen, die im Zusammenhang mit den Themen Klimawandel und Klimafolgenanpassung steht?

Wir haben zahlreiche Aktivitäten durchgeführt. Ich ließ die Kinder Skulpturen von Dingen in ihren Gemeinden machen, die durch den Klimawandel bedroht sind. Sie formten kleine Kunstwerke aus Ton und ließen sie anschließend im Ofen aushärten. Dann haben wir die Skulpturen in Schneekugeln (engl. „Snow Globes“) gesetzt. Das Projekt trug den Titel „Storm Globes“ und war darauf angelegt, die Dinge in den Mittelpunkt zu rücken, die durch den Klimawandel gefährdet sind. Außerdem ließen wir die Kinder für das „Climatoscope“-Projekt Bilder von Orten in ihren Gemeinden aufnehmen und aus den Dingen, die wir durch den Klimawandel vielleicht verlieren werden, ihr eigenes Parfüm für den „The Ephemeral Marvels Perfume Store“ kreieren. Dieses letzte Projekt war das geheimnisvollste, weil wir normalerweise unseren Geruchssinn nicht für künstlerische Zwecke nutzen. Normalerweise beschränken wir uns auf Augen und Gehör. Doch der Geruchssinn ist besonders instinktiv und persönlich. Wenn wir über den Geruchssinn und Gerüche sprechen, bleiben die Beschreibungen oft nebulös. Aber bei einem klimawandelbedingten Extremwetterereignis verbinden wir bestimmte Orte mit bestimmten Gerüchen. Der flüchtige Charakter von Gerüchen an sich stellt bereits eine Metapher dafür dar, dass Dinge, die wir als gegeben betrachten, einfach verschwinden können. Und schließlich haben sich die Kinder unter dem Motto „Future Resilient Communities“ auch mit Modellen aus Papier befasst und ein Schattenspiel gefilmt.

Ist es Ihnen gelungen, alle Kinder in diese Aktivitäten einzubinden?

Ja; die Kinder haben viel Energie und waren begeistert bei der Sache. Es ist sinnvoll, den Kindern die Möglichkeit zu geben, mit vielen unterschiedlichen Aktivitäten mehr über den Klimawandel zu erfahren und sich auszudrücken. Bei dem Thema Klimawandel sollten zahlreiche Perspektiven berücksichtigt und unterschiedliche Medien eingesetzt werden.

Konnten Sie feststellen, dass die Kinder bereits ein Bewusstsein für den Klimawandel haben?

Ich glaube, diese Kinder haben die Auswirkungen des Klimawandels bereits wesentlich stärker zu spüren bekommen als viele Erwachsene, mit den ich in etlichen anderen Ländern gearbeitet habe. Sie waren absolut in der Lage, ihre Sichtweise auf dieses Thema zum Ausdruck zu bringen. Es war sehr aufschlussreich zu sehen, wie viele Geschichten die Kinder zu erzählen wussten, die sie ansonsten wohl für sich behalten hätten. Das gilt insbesondere für traumatisierte Kinder. Wenn man die Kinder in einer ruhigen Umgebung lässt und ihnen verschieden Werkzeuge an die Hand gibt, können sie sich in anderer Form äußern. Mithilfe der Kunst gelingt es ihnen dann, ihre Gefühle und Geschichten zum Ausdruck zu bringen. Und dann ist da noch das eigentliche Kunstwerk, das sie geschaffen haben und das im Betrachter vielleicht etwas auslöst, wenn es ausgestellt wird. Auch wenn die Kinder bei den Aktivitäten nicht nur glücklich waren, sondern auch ein paar dunkle Gedanken hatten, kann solch ein Projekt eine geradezu reinigende oder gar therapeutische Wirkung haben.

Aus Knete bebaute Skulturen und Klimawandel-Perfum (im Hintergrund); Foto: © Catherine Sarah Young

Gab es einen besonders berührenden Moment während Ihres Workshops?

In einer der Gruppen gab es ein zwölfjähriges Mädchen. Sie sagte einmal, dass Kinder wie sie in der Zukunft wohl nicht mehr wissen werden, welche natürliche Farbe Wasser hat. Vielleicht würden sie denken, dass Wasser braun sei, wegen eines Sturms; auf jeden Fall würden sie nicht wissen, dass Wasser blau ist. Da war ich sprachlos. Ich habe schon viele Workshops durchgeführt, aber solche wie dieser gehen mir sehr nahe. Tatsächlich habe ich viel von den Kindern gelernt, und ich bin dankbar dafür, dass ich ihre Arbeiten präsentieren kann. Es wird sicher nicht die einzige Ausstellung bleiben, in der ihre Kreativität zum Ausdruck kommt. Normalerweise arbeite ich mit Wissenschaftlern und Denkfabriken zusammen. Durch all diese neuen Erfahrungen, hat sich der Kreis für mich geschlossen. Es fühlte sich wieder so an wie am Anfang im Jahr 2013, als ich mich in meiner Arbeit erstmals mit dem Klimawandel befasste.

Was geschieht nach dem Workshop mit den Werken der Kinder?

Die Ausstellung auf der Konferenz über gemeindebasierte Anpassungsmaßnahmen ist die erste Ausstellung des Werks unter dem Titel „The Apocalypse Project: Child's Play“. Es ist das vierte Mal, dass ich mich dem Klimawandel von der Seite der Kunst nähere, und zwar aus unterschiedlichen Perspektiven. Ich dokumentiere alles und stelle es online. Ich möchte, dass die Gemeinden wissen, dass ihre Kreativität nicht unbeachtet bleibt und dass diese Arbeiten andere Menschen verändern können. Wir werden wahrscheinlich weitere Ausstellungen in anderen Ländern durchführen. Jedes Jahr denke ich: „Dieses Jahr mache ich zum letzten Mal Kunst über den Klimawandel.“ Doch dann werde ich immer wieder darum gebeten weiterzumachen. Durchaus möglich also, dass ich den Rest meines Lebens diesem Thema widmen werde. Aber ich bin sehr, sehr zufrieden damit.

Catherine Sarah Young beim Workshop zu Klimafolgenanpassung und Kunst in Chiang Mai; Foto: © Plan International Thailand

Ich denke jeder von uns, wird für den Rest seines Lebens mit dem Klimawandel zu tun haben…

Das stimmt wohl, und ich glaube, dass es nur allzu leicht ist, angesichts des Klimawandels in Pessimismus zu verfallen. Als jemand, der ein Projekt mit dem Titel „The Apocalypse Project“ ins Leben gerufen hat, sagen mir die Leute häufig „Sie sind ja eine Pessimistin!“* Aber der Klimawandel ist kein Spaß! Ich denke aber, dass die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Klimawandel durchaus Spaß machen darf, denn das ganze Thema ist normalerweise sehr stark politisch geprägt, mit einer Rhetorik, die spaltet. Im Rahmen der Kunst können wir den Klimawandel als etwas sehen, das uns als Menschen beeinflusst. Wir alle wissen, dass wir eines Tages sterben werden. Doch wenn ich schon sterben muss, dann möchte ich wenigstens sagen können, dass ich etwas Sinnvolles getan habe. [*Hinweis: Das griechische Wort „Apocalypse“” bedeutet „Offenbarung“ oder „Entschleierung“. Ich verwende das Wort nicht in seiner pessimistischen Bedeutung.]

Die Kinder gingen also zuversichtlich gestimmt aus Ihrem Workshop?

Ich hoffe es. Ich glaube, dass ihnen die Aktivitäten viel Spaß gemacht haben. Da sie vorher Schlimmes durchgemacht hatten, war es für mich sehr schön, mit ihnen Kunst zu schaffen. Kreative Ausdrucksformen an sich sind bereits etwas Wunderschönes. Da die Kunst unser gemeinsames Menschsein anspricht, kann sie Veränderungen bewirken. Künstler zu sein, bedeutet also, sein Leben lang mit Menschen in Kontakt zu treten, sie einzubeziehen. Deshalb ist es so wichtig, die Werke der Kinder auszustellen und ihnen zu vermitteln, dass sie etwas bewirkt haben. Außerdem ist es fantastisch, dass ich die Ausstellungen nicht kommentieren muss. Denn die Werke sprechen für sich.

Foto: © Catherine Sarah Young

Catherine Sarah Young bedankt sich bei den Mitarbeitenden von Plan International in Indonesien, Thailand und den Philippinen, insbesondere bei Kimberly Junmookda, der Spezialisting für regionale Anpassung an den Klimawandel. Sie sind es, die ihre Arbeit möglich gemacht haben.

Website: www.apocalypse.cc