12.02.2021

Die Kraft eines integrierten Klimaschutzes freisetzen

Kohlekraftwerk in Zentral-Kasachstan. Foto: Alexandr Yermolyonok

Kohlekraftwerk in Zentral-Kasachstan. Foto: Alexandr Yermolyonok

Die Silomentalität ist eine Denkweise, die der Vergangenheit angehört. Dies gilt insbesondere für Klimastrategien, wie ein virtueller Brown Bag Lunch der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI BBL) am 12. Februar gezeigt hat. Die virtuelle Veranstaltung unter dem Titel „Die Macht des ganzheitlichen Ansatzes: Verknüpfung von Anpassung und Minderung in langfristigen Klimastrategien“ bildete den Ausgangspunkt für eine lebhafte Diskussion über den Zusammenhang zwischen Anpassung und Minderung sowie ihre Bedeutung für die Förderung einer nachhaltigen Entwicklung in den IKI-Partnerländern durch langfristige Klimastrategien (Long term strategies, LTS). Der IKI BBL ist Teil einer Reihe von Veranstaltungen zur Präsentation von Projekten, die vom IKI-Sekretariat, der Zukunft – Umwelt – Gesellschaft (ZUG) gGmbH organisiert wurde. Unter den Teilnehmenden wurde eine Online-Umfrage zu vorhandenem Wissen und Erfahrungen durchgeführt, um eine Folgedokumentation als Grundlage für die weitere Diskussion zu erstellen.

Forschende, politische Entscheidungstragende und in der Praxis Arbeitende erkennen zunehmend an, dass Klimaschutz und Anpassung an die Folgen des Klimawandels nicht getrennt, sondern mit einem integrierten Ansatz betrachtet und angegangen werden müssen. Eine kürzlich erschienene Veröffentlichung der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) unterstreicht die Aktualität dieses Themas. Das OECD Environment Policy Paper betont, dass die OECD-Mitglieds- und Partnerländer die Bedeutung der Verknüpfung von Anpassung und Minderung weitgehend anerkennen. Dies gilt umso mehr vor dem Hintergrund der laufenden Diskussionen über den Entwurf von Green-Recovery-Maßnahmen in Reaktion auf die COVID-19-Pandemie. Catherine Gamper, die die OECD-Taskforce zur Anpassung an den Klimawandel leitet, präsentierte in der Eröffnungssitzung des BBL die Ergebnisse des Berichts. Sie wies darauf hin, dass beispielsweise Synergieeffekte zwischen zwei politischen Agenden wie Landwirtschaft oder der Stadtplanung identifiziert wurden, wenn flussabwärts Wasserkraftwerke gebaut werden, um kohlenstofffreie Energie zu erzeugen. Nun werden Instrumente benötigt, um den integrierten Ansatz effektiv in der strategischen Planung zu operationalisieren.

Kasachstans Wirtschaft ist immer noch hauptsächlich von der fossilen Rohstoffindustrie geprägt. Die Infrastruktur des Landes ist sehr anfällig für die Auswirkungen des Klimawandels. Foto: Alexandr Yermolyonok

Florian Eickhold, Senior Consultant bei Factor, stellte ein neues Narrativ für integrierten Klimaschutz sowie praktische Instrumente für seine Umsetzung vor. Seine Botschaft war klar: Der ganzheitliche Ansatz spielt eine entscheidende Rolle dabei, die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens sowie die Agenda 2030 in den IKI-Partnerländern zu erreichen. Er stellte ein „allgemeines“ und ein spezifischeres „Experten“-Informationstool über die Ausarbeitung von koordinierten langfristigen Anpassungs- und Minderungsstrategien vor und plädierte für „Mehrfachnutzen-Strategien“. Dies ist einen Paradigmenwechsel gegenüber der gängigen Vorstellung von eher zufällig eintretenden „Zusatznutzen“ bei der Anpassung hin zu einer auf Minderung ausgerichteten Strategie. Im Gegensatz dazu werden „Mehrfachnutzen“ bewusst im Vorfeld des Planungsprozesses identifiziert, wobei Minderungs- und Anpassungsziele sowie sozioökonomische Entwicklungsziele von Anfang an berücksichtigt werden und effektiver dazu beitragen können, die nachhaltigen Entwicklungsziele zu realisieren.

Sebastian Homm, Berater beim IKI-Projekt „Politikberatung für eine klimaresistente Wirtschaftsentwicklung (CRED)”, das von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) durchgeführt wird, beschrieb die Funktion einer langfristigen Klimastrategie als zukünftiges „Geschäftsmodell“ für ein Land. Dieses beinhaltet sowohl Anpassung als auch Minderung. Damit trägt es dazu bei, ein tragfähiges Fundament für mehr Klimaschutz zu schaffen und die übergreifende Entwicklungsagenda nach vorne zu bringen. Homm stellte die integrierte wirtschaftliche Modellierung als ein schlagkräftiges Tool zur Entwicklung von langfristigen Klimastrategien mit der Aussicht auf mehrfachen Nutzen vor. Minderungs- und Anpassungsszenarien sollten auf dasselbe ökonomische Modell angewendet werden, um informierte Entscheidungen der politischen Entscheidungstragenden zu ermöglichen.

Ein praktisches Beispiel ergänzte die theoretischen Überlegungen beim BBL. Die von der GIZ durchgeführten IKI -Projekte „Unterstützung der Green Economy in Kasachstan und Zentralasien für eine emissionsarme Wirtschaftsentwicklung (GE Kazakhstan)“ und CRED leisteten gemeinsam Pionierarbeit bei der Verknüpfung von Klimaschutz und Anpassung bei der Ausarbeitung der kasachischen Niedrigemissionsstrategien (Low Emission Development Strategies, LEDS). Die Vorhaben zeigten, wie durch die Kombination von makroökonomischen Modellen mit Klimafolgen- und Treibhausgasemissionsmodellen Synergien gefördert und Trade-offs genutzt werden können. Im März 2021 wird die ökonomische Modellierung von Anpassungs- und Minderungsszenarien in die Finalisierung der kasachischen LTS einfließen und so einen Mehrfachnutzen-Ansatz ermöglichen.

Dana Yermolyonok, Beraterin des Projekts in Kasachstan, betonte, wie wichtig es sei, die Instrumente zur Integration von Anpassung und Minderung in strategische Planungsprozesse weiterzuentwickeln. Sie wies auch auf die Notwendigkeit hin, den neuen ganzheitlichen Ansatz für Klimaschutzmaßnahmen klar zu kommunizieren. Auch wenn es so scheinen mag, dass das ein bereits komplexes Feld noch komplexer macht, ist das der einzige Weg nach vorne – um einen nachhaltigen Entwicklungspfad einzuschlagen. 

Ein maßgeschneidertes System Dynamics Modell, das zur Unterstützung der Erstellung des LT-LEDS von Kasachstan entwickelt wurde und eine Reihe von komplexen Wechselwirkungen zwischen den wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Aspekten der Volkswirtschaft erfasst. Diagramm: Andrea Bassi