18.10.2021

Ein globaler Standard für Naturschutzgebiete

Haie

Mit Unterstützung der IKI sorgt die Weltnaturschutzunion für nachprüfbare Standards sowie ein faires und effektives Management von Schutzgebieten in aller Welt. Foto: Thomas Kotouc

Schutzgebiete sind ein zentrales Instrument des Naturschutzes. Allein die Ausweisung rettet jedoch noch keinen Quadratkilometer Ökosystem. Nur wenn die Gebiete gut gemanagwerden, können sie die Biodiversität bewahren und damit auch ihre Vorteile für die Menschen. Denn intakte Ökosysteme versorgen uns mit Wasser und Nahrung, liefern Wirkstoffe für Medikamente, dienen der Erholung und vermindern die Auswirkungen extremer Umweltereignisse.

Doch was beinhaltet gutes Management? Die Grüne Liste der Schutzgebiete der Weltnaturschutzunion (IUCN) ist der erste globale Standard für Naturschutzgebiete, der genau das definiert. Aufgenommen in die Grüne Liste wird nur, wer die Kriterien des „IUCN Green List Standard for Protected and Conserved Areas“ vollständig erfüllt. Die vier wichtigsten Kategorien: gute Führung, Design und Planung nach soliden wissenschaftlichen Prinzipien, effektives Management und erfolgreicher Naturschutz. Darüber hinaus verpflichten sich die Schutzgebiete zu einem fairen und partizipativen Management, das die Rechte indigener Völker, lokaler Gemeinschaften und anderer Stakeholder berücksichtigt. So sind die Verwaltungen der Schutzgebiete in der Lage, die Qualität und die Auswirkungen ihrer Arbeit zu messen und zu überwachen.

Globale Standards – lokale Anwendung

Die Grüne Liste von IUCN gibt zwar global gültige Standards vor, die Umsetzung kann aber an die lokalen Gegebenheiten angepasst werden. IUCN arbeitet deshalb eng mit den zuständigen Regierungen zusammen, um die Standards in die nationalen Schutzgebietssysteme einzubinden. Dadurch steigt auch die Eigenverantwortung in den Ländern, die für einen hochwertigen Naturschutz essenziell ist.

Zu Beginn der Pilotphase im Jahr 2014 erhielten 25 Schutzgebiete den vorläufigen Grüne-Liste-Status – aktuell sind es 59 Gebiete in 16 Ländern auf der ganzen Welt. IUCN geht es dabei nicht nur darum, gute Schutzgebiete auszuzeichnen, sondern den Austausch, wie ein effektives Management überall auf der Welt möglich ist, anzuregen und zu verbessern. Deshalb arbeiten Expertinnen und Experten daran, den Standard und damit die Wirksamkeit der Schutzgebiete weiter zu verbessern.

Das von der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI) geförderte Projekt „Schutzgebietsmanagement als Beitrag zum Erhalt der Biodiversität und für den Klimaschutz“ trägt seit 2015 maßgeblich zur Weiterentwicklung der Grünen Liste bei. In den Partnerländern Kenia, Kolumbien, Peru und Vietnam arbeitet das Vorhaben mit einzelnen Schutzgebieten zusammen, die in die Grüne Liste aufgenommen werden wollen. Darüber hinaus geht es darum, passende nationale Rahmenbedingungen für Schutzgebiete zu entwickeln, zu bewerten und damit ihre Qualität zu verbessern. Die Schutzgebiete demonstrieren so, wie faire und wirksame Schutzmaßnahmen erzielt werden können – und leisten einen Beitrag zur Verwirklichung des elften Aichi-Ziels zum Erhalt von Ökosystemen und biologischer Vielfalt sowie der Einrichtung von Schutzgebieten. Die Aichi-Ziele wurden 2010 bei der zehnten Vertragsstaatenkonferenz der Biodiversitätskonvention verabschiedet und sind ein ehrgeiziges Paket von 20 globalen Zielen zur Erhaltung der weltweiten biologischen Vielfalt.

Kenia: Strenger Schutz ist nicht immer am besten

In Kenia unterstützte das IKI-Projekt die IUCN dabei, drei Schutzgebiete nach den Standards der Grünen Liste zu bewerten. Eines davon ist Ol Pejeta. In dem rund 360 Quadratkilometer großen Schutzgebiet leben auch einheimische Viehzüchter. Statt ihnen das Weiden ihrer Tiere innerhalb der Schutzzone zu verbieten, wurden sie in das Konzept integriert. Mit der so gewonnenen Unterstützung der lokalen Bevölkerung, konnten Erfolge für den Schutz der Ökosysteme, etwa für das seltene Nördliche Breitmaulnashorn erzielt werden. Das Beispiel zeigt, dass ein strenges Schutzmodell nicht immer der beste Weg ist.

Darüber hinaus entwickelte die Weltnaturschutzunion mit IKI-Unterstützung nationale Indikatoren und einen Evaluationsprozess für Schutzgebiete in Kenia. Dabei arbeitete sie eng mit dem für den Erhalt der nationalen Schutzgebiete verantwortlichen Kenya Wildlife Service und anderen Partnerorganisationen zusammen. Zudem unterstützte die IUCN eine Bewertung des nationalen Rahmenwerks für Schutzgebiete und andere Arten gebietsbezogener Schutzmaßnahmen – einschließlich privater Naturschutzgebiete und solcher, die von lokalen Gemeinschaften geschützt werden.

Kolumbien: Grüne-Liste-Standards werden Teil des nationalen Schutzsystems

In Kolumbien, einem Pionierland der Grünen Liste, trug das IKI-Projekt dazu bei, den IUCN-Standard in das nationale Berichterstattungssystem für Schutzgebiete zu integrieren. Fünf Schutzgebiete arbeiteten mit daran, bestehende Probleme zu ermitteln, zusätzliche Interessengruppen einzubeziehen und die Verwaltung der Gebiete zu verbessern. Alle fünf wurden erfolgreich in die Grüne Liste aufgenommen, zuletzt der Chingaza-Nationalpark, ein wichtiges Wassereinzugsgebiet für die kolumbianische Hauptstadt Bogotá, und Malpelo, ein artenreiches Meeresschutzgebiet, das für seine Haifischvorkommen bekannt ist.

Peru: Fokus auf indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften

In Peru liegt ein Fokus des IKI-Vorhabens auf der Zusammenarbeit mit indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften. Dazu arbeitet es mit dem Kommunalen Schutzgebiet Amarakaeri zusammen – eines der ersten von Indigenen verwalteten Schutzgebiete, das in die Grüne Liste aufgenommen wurde. Es gilt als Vorzeigegebiet für eine Verwaltung, die die Rechte indigener und lokaler Gemeinschaften berücksichtigt und wirksamen Naturschutz ermöglicht. Das IKI-Vorhaben unterstützt zudem die Verhandlungen über die Anerkennung und Rechte der indigenen Runakuna-Gemeinschaften im Cordillera-Azul-Nationalpark. Die Ergebnisse der Arbeit in beiden Gebieten fließen in das peruanische Schutzgebietssystem ein.

IKI-Corona-Response-Paket unterstützt Naturschutzgebiete

In Vietnam arbeitete das IKI-Projekt mit der Naturschutzbehörde zusammen, um eine nationale Initiative für die Grüne Liste ins Leben zu rufen und eine Reihe von Nationalparks und Naturschutzgebieten einzubeziehen. Das Van Long Nature Reserve wurde als erstes Schutzgebiet Südostasiens in die Grüne Liste aufgenommen. Auch hier sind die Schlüssel des Erfolgs die gute Verwaltung und das Engagement der lokalen Bevölkerung.

Das Van Long Nature Reserve ist aber ebenso ein Beispiel für die Herausforderungen, die sich aus der Covid-19-Pandemie für das Management von Schutzgebieten ergeben: Mit dem Ausbleiben der Touristen infolge der weltweiten Beschränkungen brach eine wichtige Einnahmequelle der lokalen Bevölkerung weg.

Im Rahmen des Corona-Response-Paketes unterstützt die IKI Schutzgebiete bei der Suche nach Wegen, um diese Herausforderungen zu bewältigen. Hierzu erhielt das IKI-Projekt zusätzliche Fördermittel in Höhe von einer Million Euro. Auch im Van Long Nature Reserve konnten die Auswirkungen der Pandemie damit abgefedert werden. Zusätzlich wurden Präventivmaßnahmen entwickelt, um die Risiken und Auswirkungen künftiger Pandemien zu verringern.

Durch die Arbeit des Vorhabens wurden zudem spezielle Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung und -prävention in die Standards der Grünen Liste integriert. Auch in die Beratung der Schutzgebiete wurde das Thema aufgenommen. Die Weltnaturschutzunion arbeitet hierbei eng mit der EcoHealth Alliance und internationalen Gesundheitsexpertinnen und -experten zusammen.

Beitrag zum nächsten Rahmenwerk der Biodiversitätskonvention

2022 soll das nächste Rahmenwerk der Biodiversitätskonvention verabschiedet werden. Es wird die internationalen Ziele für den Schutz der biologischen Vielfalt bis 2030 festlegen. Die Projektpartnerinnen und -partner haben gemeinsam dazu beigetragen, die Wirksamkeit von Schutzgebieten im Entwurf des neuen Biodiversitätsrahmens stärker in den Mittelpunkt zu rücken und den IUCN-Standard der Grünen Liste als möglichen Indikator zu benennen.

Die Grüne Liste selbst entwickelt sich ebenfalls weiter. Ein neuer Entwicklungsplan soll einen fortschrittlichen Standard gewährleisten und eine internationale Partnerschaft für faire und effektive Schutz- und Erhaltungsgebiete vorantreiben. Der Plan entstand auf der umfangreichen und detaillierten Wissensbasis der IKI-Projekterfahrungen und -ergebnisse. Eine Sammlung erfolgreicher Fallstudien ist unter anderem auf der PANORAMA-Plattform zu finden.

 

Dieser Beitrag ist Bestandteil des IKI-Jahresberichtes 2020 – Aktiv für den internationalen Klimaschutz. Weitere Informationen finden Sie auf der Sonderseite zum IKI-Jahresbericht 2020.