31.05.2019

Eine solide Datengrundlage für die Klimapolitik in Vietnam und Kenia

Foto: ©GIZ

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Eine gemeinsame Herausforderung: ungebremst steigende Treibhausgasemissionen

Vietnam und Kenia liegen meilenweit auseinander, und zwar sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne. Die beiden Länder befinden sich auf verschiedenen Kontinenten und unterscheiden sich im Hinblick auf Gesellschaft, Kultur und die natürliche Umgebung. Der Klimawandel ist jedoch ein weltweites Phänomen, das vor nationalen oder kontinentalen Grenzen nicht Halt macht. Vor diesem Hintergrund bündeln die Länder der Welt zunehmend ihre Kräfte, um gegen den Klimawandel vorzugehen und ihren Treibhausgasausstoß zu senken. Dies gilt auch für Vietnam und Kenia.

In Vietnam haben Urbanisierung und Wirtschaftswachstum zu einem starken Anstieg der Treibhausgasemissionen aus dem Verkehrssektor geführt. Bei einer Bevölkerung von 93 Mio. Menschen sind mehr als 46 Mio. Motorräder registriert - Tendenz steigend. Bei einem Business-As-Usual-(BAU)-Szenario dürften sich die Treibhausgasemissionen von 32,2 Mio. Tonnen im Jahr 2014 auf 89,1 Mio. Tonnen im Jahr 2030 praktisch verdreifachen. Auch in Kenia sind immer mehr Menschen motorisiert unterwegs, wodurch die Treibhausgasemissionen des Landes von insgesamt 11,5 Mio. Tonnen im Jahr 2015 bis 2030 voraussichtlich ebenfalls stark ansteigen werden.

Um zu verhindern, dass diese alarmierenden Szenarien Realität werden, haben die Regierungen beider Länder im Rahmen ihrer Aktionspläne gegen den Klimawandel verschiedene Strategien zur Verringerung der Treibhausgasemissionen entwickelt. Bei deren Umsetzung erweist sich das Fehlen von evidenzbasierten Daten jedoch als ein großes Hindernis.

"Die Behörden können nur dann wirksame Minderungsmaßnahmen festlegen, wenn sie den Energieverbrauch und die Treibhausgasemissionen genau berechnen und die Ergebnisse der Minderungsmaßnahmen überwachen können", so Vu Hai Luu, ein Beamter aus dem vietnamesischen Verkehrsministerium.

Seit seinem Abschluss als Maschinenbauingenieur vor 25 Jahren arbeitet Luu an der Verringerung der Umweltbelastung und Emissionen aus dem Verkehrssektor. Derzeit ist er Mitglied der Arbeitsgruppe "Treibhausgasinventare" des Verkehrsministeriums und arbeitet eng mit dem Projekt Advancing Transport Climate Strategies (TraCS) zusammen, das vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) gefördert und von der GIZ in Vietnam und Kenia umgesetzt wird. Das Ziel des Projekts besteht darin, die systematische Erfassung und Verringerung der Emissionen in den jeweiligen Verkehrssektoren der beiden Länder zu unterstützen. Die Projektmaßnahmen sollen dazu beitragen, dass Kenia und Vietnam ihre im Rahmen des Klimaschutzabkommens von Paris zugesagten nationalen Beiträge erreichen.

Martin Eshiwani, Director of Road and Rail Transport Services im kenianischen Verkehrsministerium, hat viel mit Luu gemeinsam: Beiden Beamten ist bewusst, wie wichtig ein umweltfreundlicher Verkehrssektor ist, und als Koordinator der Climate Change Coordination Unit für den Verkehrssektor ist Eshiwani ebenfalls ein wichtiger Mitarbeiter des TraCS-Projekts.

Zuverlässige Daten für realistische Ziele

Im Hinblick auf die Beschaffung von Daten hat das TraCS-Projekt aus Sicht von Eshiwani einen wesentlichen Beitrag geleistet: "Die Koordinierungsstelle für den Klimawandel verfügt inzwischen über mehr Informationen und kann dadurch besser über die Treibhausgasemissionen berichten", so Eshiwani. "Als Sektor ist es uns gelungen, konkrete Ziele zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen festzulegen." So bieten beispielsweise Effizienzsteigerungen im Lkw-Güterverkehr nach Berechnungen des Projekts die Chance, den Treibhausgasausstoß bis 2030 im Vergleich zu einem BAU-Szenario um 0,91 Mio. Tonnen zu verringern. Kenya Railways wiederum hat ermittelt, dass die jüngste Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene zwischen Mombasa und Nairobi dafür gesorgt hat, dass auf dieser Strecke jeden Tag 700 Lastkraftwagen weniger unterwegs sind.

In Vietnam arbeitet das TraCS-Projekt mit der Arbeitsgruppe "Treibhausgasinventare" des Verkehrsministeriums zusammen, um die Treibhausgasemissionen des Verkehrssektors zu quantifizieren und zu ermitteln, welche Klimaminderungsmaßnahmen den größten Effekt versprechen. Die Arbeitsgruppe hat festgestellt, dass bei den Verkehrsdaten etliche Lücken bestehen und hat um Unterstützung bei der Datenerhebung aus allen Teilsektoren (Straße, Wasser, Schiene und Luft) gebeten. Vor diesem Hintergrund hat das Ministerium sein Datenerfassungssystem überprüft und festgestellt, wie viele Kraftfahrzeuge auf den Straßen des Landes unterwegs sind und wie hoch der durchschnittliche Kraftstoffverbrauch von Personenkraftwagen ist. Außerdem hat das Ministerium eine Stichprobe von mehr als 2.200 Kilometerständen erhoben; diese hat wichtige Erkenntnisse über die durchschnittlichen Entfernungen geliefert, die auf der Straße zurückgelegt werden. Die auf diese Weise gewonnenen Daten wurden zusammen mit Daten zu anderen Emissionsquellen zur Berechnung verschiedener Szenarien herangezogen. Diese Szenarien wurden anschließend in einem einjährigen Konsultationsprozess mit den verschiedenen Stakeholdern diskutiert und geprüft. Anhand der Berechnungen konnten mehrere vielversprechende Strategien zur Verringerung des Treibhausgasausstoßes identifiziert werden. Dazu zählen kraftstoffsparende Maßnahmen, strengere Emissionsnormen, die Förderung von öffentlichen Verkehrsmitteln, eine Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf Wasserwege und Schiene, die Förderung von Bioethanol (E5/ E10) sowie die Förderung von elektrisch angetriebenen Autos, Bussen und Motorrädern.

Die von TraCS unterstützten Ergebnisse zeigen, dass der Treibhausgasausstoß im vietnamesischen Verkehrssektor bis 2030 gegenüber einem BAU-Szenario um bis zu 20 Mio. Tonnen (20 %) verringert werden kann. Zur Nutzung dieses Potenzials müssen jedoch mit internationaler Unterstützung wichtige Klimaminderungsmaßnahmen realisiert werden. Die im Rahmen von TraCS gewonnenen Erkenntnisse fließen jetzt in den Aktionsplan für Verkehr, Klimaschutz und ökologisches Wachstum ein, der für den Zeitraum 2021-2030 entwickelt wird. Laut Luu sind die im Rahmen der Zusammenarbeit mit dem TraCS-Projekt gewonnenen Daten von zentraler Bedeutung: "Damit lässt sich jede Minderungsmaßnahme quantifizieren. Gleichzeitig haben wir jetzt evidenzbasierte Daten, auf deren Grundlage wir den Aktionsplan des Ministeriums zum Klimawandel" entwickeln können", so Luu.

Die Gewinnung von zuverlässigen Daten ist nicht nur eine politisch-strategische Frage. Denn erst eine solide Datengrundlage zeigt, was überhaupt erreichbar ist und schafft damit die Voraussetzungen dafür, dass Staat und Behörden ehrgeizige und dabei realistische Ziele zur Verringerung der Treibhausgasemissionen festlegen können. Zuverlässige Daten weisen somit den Weg in die Zukunft.

Gerade dieser Punkt ist Eshiwani besonders wichtig: "Im Rahmen des TraCS-Projekts standen das Thema Verkehr und Klimawandel im Vordergrund. Wichtig waren vor allem die Workshops und Studienreisen, denn dadurch wurde ein Verständnis dafür vermittelt, was überhaupt zur Verringerung der Treibhausgasemissionen getan werden kann."

Zwar hat die Erhebung von zuverlässigen Daten den politischen Entscheidungsprozess in beiden Ländern verbessert, doch stellt diese Maßnahme nicht mehr als einen ersten Schritt dar. So soll das TraCS-Projekt das kenianische Verkehrsministerium noch bis 2021 unterstützen und seinen Schwerpunkt auf eine noch konkretere Politikberatung legen, z. B. im Hinblick auf die Förderung der Elektromobilität und die Institutionalisierung der Datenerfassung und Datenberichterstattung. In Vietnam wiederum werden die berechneten Szenarien für die Entwicklung des Aktionsplans für den Klimaschutz im Verkehrssektor sowie als Datengrundlage zur Aktualisierung des nationalen Klimaschutzbeitrags des Landes verwendet. Da Kenia und Vietnam in den kommenden Jahren ihre Maßnahmen zur Minderung des Klimawandels fortführen wollen, dürfte die Bedeutung einer tragfähigen Datengrundlage für die Gestaltung einer erfolgreichen Verkehrspolitik immer wichtiger werden.