31.03.2020

Erfolge zeigen, Lust auf Wandel machen

Photovoltaikanlage auf einem Dach in Indien

Typisches indisches Dach mit selbsteinspeisendem Solarsystem. Foto: BMU/expectus GmbH

Das IKI-Projekt „Integration Erneuerbarer Energien in das indische Elektrizitätssystem (I-RE)“ unterstützt das indische Ministerium für neue und erneuerbare Energie (MNRE) dabei, den Strommarkt in Indien klimaschonend weiterzuentwickeln und den Anteil erneuerbarer Energien zu vergrößern. Dazu will es unter anderem dezentrale Photovoltaikanlagen auf Gebäudedächern fördern. Wie genau, erklärt Projektleiter Jörg Gäbler von der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ).


Wie wollen Sie erneuerbare Energien im Projekt einsetzen?

Jörg Gäbler: Die Basis unseres Projekts ist eine technische Lösung, die es ermöglicht, den auf dem Dach gewonnenen Strom direkt im Haushalt ins Stromnetz einzuspeisen. Die Solaranlagen werden wie ein Kühlschrank an Steckdosen angeschlossen, genauso, wie üblicherweise Strom entnommen wird. Um den Solarstrom auch dann zu nutzen, wenn der Verbrauch am höchsten ist und die Lastspitzen im Netz vorhanden sind, werden kleine spezielle Batteriespeicher eingesetzt. Diese Unterbrechungsfreie Stromversorgung (Uninterruptible Power Supply, SUV) Systeme gibt es fast in jedem indischen Haushalt, da die Stromversorgung oft unterbrochen ist. Wir untersuchen, welche Auswirkungen so eine kleinteilige Einspeisung von Strom auf das gesamte Verteilnetz hat.

Mussten Sie viel Überzeugungsarbeit leisten? Und, vor allem, wie?

Jörg Gäbler an einem RednerpultIndien hat, obwohl es über 1,3 Milliarden Einwohner zählt, nur rund 80 im Regelfall staatliche „Energieversorger“. Diese waren gegenüber der Einspeisung von Strom aus dezentralen, kleinen Anlagen sehr skeptisch eingestellt. In ersten beispielhaften Projekten in der Metropole Delhi und der weniger zentral gelegenen Stadt Bhopal konnten wir in einer Studie zeigen, dass es sehr wohl möglich ist, auf diese Weise Strom einzuspeisen. Und wir konnten belegen, dass damit sogar das Stromnetz stabilisiert werden kann. Daraufhin hat sich die indische „Bundesnetzagentur“ dazu entschlossen, bestehende Regulierungen anzupassen und eine Obergrenze von 70 Prozent einer Trafoleistung als Standard zuzulassen. Ein wichtiger Faktor ist, dass private, wohlhabendere Haushalte in Indien viel Strom verbrauchen - wegen der Klimaanlagen, die jeden Tag, wenn die Menschen nach Hause kommen, massenweise angestellt werden. Dieser Gruppe geben wir mit unserem System PV Port & Store die Möglichkeit, selbst zu entscheiden: Sie können sich einfach ein Gerät mit Stecker und Speicher kaufen, das den Dachanlagen-Solarstrom dann direkt vor Ort einspeist. Für den Erfolg des Produkts war es wichtig, dass wir eine technisch einwandfreie Lösung vorweisen konnten – und das konnten wir mit dem in Deutschland entwickelten System erreichen.

Viele IKI-Projekte wirken verschiedenen Förderbereichen. Trifft das hier auch zu?

Unser Schwerpunkt liegt im Bereich der Minderung von klimaschädlichen Emissionen. Wir haben berechnet, dass pro Megawattstunde Solarstrom eine Tonne CO2 eingespart wird, die durch Kohlestrom entstehen würde. Unsere Arbeit ist aber auch relevant für den ganzheitlichen „Climate Smart Cities“-Ansatz, mit dem die IKI beeindruckende Arbeit in indischen Städten macht. Die Smart Cities müssen Aktivitäten in verschiedenen Bereichen vom Verkehr bis zum Schutz der biologischen Vielfalt durchführen, um die Bezeichnung tragen zu dürfen. Und da ist auch der Strom- und Energiesektor sehr relevant, in dem wir arbeiten.

Was haben Sie mit dem Projekt noch vor?

Wir planen aktuell noch eine Studie zu den Auswirkungen der Einbindung von Solarspeichern in Netze und den Vorteilen für die Energieversorger. Außerdem sehen wir gute Möglichkeiten, solche verteilten kleinen Dachanlagen in Smart Cities zu skalieren und in großem Stil einzusetzen.

Was ist die zentrale Herausforderung für Klimaschutzprojekte?

Wichtig ist, dass man Erfolge vorzeigt und damit Lust auf den Wechsel macht. Das erreicht man nur mit exemplarischen Projekten, die Mut dazu machen, Neues auch in neuen Ländern auszuprobieren. Man muss Appetit auf Change machen!