15.06.2017

Interview: „NDCs sind keine Einkaufsliste, sondern ein gesellschaftliches Projekt“

Das Logo der Europäischen Klimaschutzinitiative; BMUB

Mohammed Nbou, Direktor im marokkanischen Umweltministerium, bei der Global NDC Conference; Foto: GIZ/Reinaldo Coddou

Am Rande der Global NDC Conference, die im Mai 2017 in Berlin stattfand, präsentierte Mohammed Nbou, Direktor im marokkanischen Umweltministerium, in einem Interview die jüngsten Entwicklungen bei der Umsetzung der National bestimmten Klimaschutzbeiträge (NDC, Nationally Determined Contributions) in Marokko. Dabei ging er u.a. auf Fortschritte bei der Beteiligung von Stakeholdern und dem Aufbau eines Markts für CO2-Emissionsrechte ein.

 

Was hat Marokko nach den Beschlüssen auf der COP21 bis jetzt getan, um seine NDCs umzusetzen?

Die Beteiligung der Stakeholder und gute Regierungsführung sind für die Umsetzung des Klimaschutzabkommens von Paris entscheidend. Deshalb haben wir eine innovative Institution mit dem Namen „4C Maroc“ gegründet. Dabei handelt es sich um ein nationales Kompetenzzentrum für die Minderung der Klimawandelfolgen sowie die Klimaanpassung in Marokko. 4C Maroc ist eine Plattform mit vier Fortbildungseinrichtungen (Collèges) für verschiedene Stakeholder-Gruppen: 1. den öffentlichen Sektor (u. a. Landwirtschaft, Energie, Bergbau und Wasser); 2. den privaten Sektor (mit den Finanzinstitutionen); 3. Nichtregierungsorganisationen (NROs) und 4. Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Wir sind der Meinung, dass die NROs eine wichtige Rolle spielen, wenn es darum geht, das Bewusstsein für kleinräumige Klimaschutzprojekte zu schärfen. Das vierte Collège zeigt, wie wichtig Innovationen für die Umsetzung unserer NDCs sind. 4C Maroc fördert als Plattform den Paradigmenwechsel von einer sektoralen zu einer integrierten Betrachtungsweise.

Wie geht Marokko diese Integrationsaufgabe an, wie kommen die verschiedenen Stakeholder zusammen?

Unsere NDCs sind sehr klar, denn wir nennen zwei Zahlen: Zum einen wollen wir den CO2-Ausstoß bis 2030 gegenüber einem Business-as-usual-Szenario um 34 % senken, und zum anderen wollen wir bis 2030 50 Mrd. USD mobilisieren. Zur Erreichung dieses Ziels müssen wir uns einen umfassenden Überblick über die Stakeholder verschaffen und analysieren, wo wir zurzeit stehen. Die Erfassung und Analyse der Herausforderungen für jeden Sektor stellen eine Voraussetzung für die Koordinationsmaßnahmen dar. Diese sind wiederum entscheidend, um die Synergien zu nutzen, die zwischen den Vorhaben in den verschiedenen Sektoren bestehen.

Außerdem müssen wir die Ziele gegenüber allen Stakeholdern klar kommunizieren. Für die Umsetzung der NDCs ist es sehr wichtig, dass alle Beteiligten die gleichen Zielvorstellungen haben. Dazu müssen wir alle Stakeholder ins Boot holen. Außerdem sind wir davon überzeugt, dass die einzelnen Regionen des Lands stärker in die Umsetzung der NDCs einbezogen werden müssen. Bisher besteht eine enorme Kluft zwischen den nationalen und den lokalen Stakeholdern. Einer unserer Schwerpunkte ist die Entwicklung eines differenzierten Plans für den Aufbau von Kapazitäten, der die unterschiedlichen Voraussetzungen und Ziele aller Stakeholder berücksichtigt.

Ich habe erfahren, dass vor kurzem ein Vertrag zwischen 4C Maroc und dem marokkanischen Finanzministerium geschlossen wurde. Wozu dient dieser Vertrag?

Ja, eine Studie hat ergeben, dass wir für die Umsetzung der NDCs eine Roadmap für den Finanzsektor benötigen. Diese Roadmap sieht vor, dass wir in einem ersten Schritt 4C Maroc mit dem Finanzsektor verknüpfen. Vor diesem Hintergrund wurde der Vertrag zwischen 4C Maroc und dem Finanzministerium geschlossen. Das Ministerium spielt eine zentrale Rolle bei der Regulierung, und wir brauchen für eine erfolgreiche Umsetzung geeignete Regeln und Anreize. Außerdem sind eine weitsichtige Planung und ein umfassendes Verständnis des Finanzsektors erforderlich, um die in den NDCs enthaltenen Selbstverpflichtungen in einen konkreten Investitionsplan zu überführen.

Wie wollen Sie den Finanzsektor beteiligen?

Der Finanzsektor wurde bereits einbezogen. Marokko gehört zu den führenden Ländern auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien und wir beteiligen den Privatsektor an allen Projekten im Rahmen von öffentlich-privaten Partnerschaften (PPPs). Allerdings bleibt noch viel zu tun, bis alle Tätigkeiten des öffentlichen Sektors voll integriert sind. Wir müssen noch an unserem Regulierungssystem arbeiten. Dabei spielt die Bepreisung der CO2-Emissionen eine große Rolle. Wir sollten gegenüber der Privatwirtschaft kommunizieren, dass wir etwas zu bieten haben, nämlich einen Preis für das Klima.

Haben Sie bereits ein solches Preisgestaltungssystem eingeführt, und falls ja, wie funktioniert es?

Marokko arbeitet zusammen mit der Weltbank an einem großen Projekt mit der Bezeichnung Partnership for Market Readiness (PMR, Partnerschaft für die Marktreife). Wir wollen in Marokko einen Markt für CO2-Emissionen aufbauen, der den Kapazitäten unseres Marktes und unseren NDCs entspricht. Wir haben gerade eine Studie zu vier Fragestellungen bzw. Themen durchgeführt: Die erste zielt auf frühere Klimaschutzmaßnahmen in Marokko und die zweite auf das Potenzial für Capacity Building durch Regulierung. Beim dritten Thema geht es um die Schaffung eines MRV-Systems mit einer Datenbank, die für die Bepreisung von CO2-Emissionen ganz wesentlich ist. Das vierte und letzte Thema ist technischer Art; hier geht es um die Integration der CO2-Emissionsbepreiszung in technische Daten.

Außerdem planen wir die Bildung einer marokkanischen „G20“-Gruppe, der 20 Persönlichkeiten des Landes angehören sollen, die das System der Preisgestaltung beeinflussen können, von den Geschäftsführern bzw. Vorständen großer Unternehmen bis hin zu Führungskräften aus dem Finanz- und Verwaltungssektor. Dabei sind Abendessen und zwei Sitzungen pro Jahr geplant. Die marokkanische G20-Gruppe soll sich zu einem Forum entwickeln, das den operativen Rahmen des CO2-Emissionspreissystems bedarfsgerecht anpasst und abstimmt.

Außerdem wollen wir im Rahmen der Carbon Pricing Leadership Coalition einen Beitrag zur COP23 in Bonn leisten. Dieser internationale Zusammenschluss bietet uns die Chance, die Ergebnisse unserer Studien vorzustellen und von den Klimaschutzinitiativen anderer Länder zu lernen. So können wir unsere Konzepte und den operativen Rahmen in Marokko systematisch verbessern.

Wie gehen Sie vor, um den Preis für CO2-Emissionen festzulegen?

Zunächst mussten wir die drei größten Branchen auswählen: Dies sind für Marokko der Bergbau (hauptsächlich der Abbau von Phosphat), die Zementindustrie und der Energiesektor. Diese drei Branchen bilden das Rückgrat der marokkanischen Wirtschaft, deshalb wird das neue System der Emissionspreisfindung zuerst in diesen Branchen eingeführt. Anschließend soll das System auch in andere Branchen Einzug halten.

Gibt es eine besondere Herausforderung, vor der Ihr Land in Bezug auf die Klimapolitik steht?

Momentan stimmt das Verhältnis zwischen Minderungs- und Anpassungsmaßnahmen noch nicht, denn wir haben keine Indikatoren für Anpassungsprojekte. Wir befassen uns gerade mit der Frage, wie sich entsprechende Daten für Anpassungsprojekte erheben lassen. Mit solchen Daten ist es beispielsweise einfacher, Fördermittel aus dem GCF (Green Climate Fund) zu erhalten.

Wir haben in diesem Interview über etliche Aspekte gesprochen. Wie würden Sie die wichtigsten Schwerpunkte Ihres Landes zusammenfassen, und welche Schritte kommen Ihrer Meinung nach als nächste?

Wir haben drei Bereiche: die Regierungsführung mit der Management-Infrastruktur für die Umsetzung der NDCs, den operativen Rahmen und den finanziellen Rahmen. Auf der Global NDC Conference konnten wir uns über die positiven und negativen Erfahrungen informieren, die andere Länder bei der Realisierung der NDCs gesammelt haben. Anhand dieser Erfahrungen können wir unser Modell gezielt anpassen.

Die NDCs sind keine Einkaufsliste, sondern ein gesellschaftliches Projekt und somit eine anspruchsvolle Aufgabe. Wenn ich den Begriff „gesellschaftliches Projekt“ verwende, dann deshalb, weil es darum geht, die gesamte Gesellschaft an der Umsetzung der NDCs zu beteiligen. Momentan stehen verschiedene technische Aufgaben an, aber unser Ziel ist es, diese technischen Aspekte so zu transformieren, dass jeder sie versteht. Wir wollen nicht, dass die Menschen sich fragen: „Was ist denn mit NDC gemeint?“ Wir wollen, dass die NDC ein gesellschaftliches Projekt sind, das Arbeitsplätze schafft, die Gesellschaft verändert und gegen Exklusion wirkt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Teilnehmende der Global NDC Conference 2017 in Berlin stehen an Stehtischen zum Austausch zusammen. Foto: GIZ/Reinaldo Coddou

Die Global NDC Conference 2017 wurde gemeinsam von den Projekten Unterstützungsvorhaben für die Umsetzung des Paris-Abkommens (SPA), dem Low Emission Capacity Building (LECB) Programme und der LEDS Global Partnership (LEDS GP) in Zusammenarbeit mit der NDC-Partnership organisiert. Über 250 Teilnehmende von 80 Ländern und mehrere internationale Organisationen teilten ihre Perspektiven und Erfahrungen in den Gebieten der integrierten Governance, Finanzierung und Transparenz für die Erreichung von Klimazielen.