18.11.2016

Interview: Energiepflanzenanbau in Vietnam

Grünpflanzen auf einer Bauxittagebaufläche

Acacia auf Bauxittagebau; Foto: Brömme, CPEP

Dr. Michael Zschiesche ist Vorstandsvorsitzender vom Unabhängigen Institut für Umweltfragen (UFU e.V.) und Leiter des von der IKI geförderten Projektes  „Energiepflanzenanbau auf stillgelegten Bergbaustandorten in Vietnam- CPEP“. Das Projekt soll modellhaft demonstrieren, unter welchen Bedingungen der Anbau von Energiepflanzen auf kontaminierten Bergbaustandorten in Vietnam umsetzbar ist. Das Projekt stützt sich dabei auf eine Machbarkeitsstudie, die bereits das Potential für den Anbau nachgewiesen hat.
Dr. Michael Zschiesche
Eine Energiepflanze ist ein nachwachsender Rohstoff, der ausschließlich für seine energetische Nutzung angebaut wird. Energiepflanzen sind als Biomasse nachhaltig produzierbar und schonen so fossile Ressourcen. Damit reduzieren sie die Abhängigkeit von Energieimporten (Erdöl, Erdgas) und tragen zur Stärkung des ländlichen Raumes bei.
Im Falle von Vietnam wird auf kontaminierten Bergbauflächen, aber auch auf durch den Krieg verseuchten Flächen gearbeitet, dabei spielt das Thema Wiederherstellung von degradierten Flächen eine Rolle.

Welche Erfahrungen hat man bereits im vietnamesischen Kontext mit Energiepflanzen gesammelt, welche Vorteile und Nachteile beziehungsweise welchen Nutzen haben sie?

In Vietnam steht man noch ganz am Anfang mit dem Thema Energiepflanzen. Es gibt natürlich eine Handvoll Pilotprojekte, wozu auch unseres gehört, aber generell hat beispielsweise die Bauern in Vietnam das Thema noch nicht erreicht. Und auch bei den Entscheidungsträgern in den Ministerien, aber auch in den Provinzen muss man noch Aufklärung über den Nutzen von Energiepflanzen betreiben.  Wenn man das allerdings tut, gibt es ein großes Interesse. Das ist in Vietnam ja generell so. Das Land ist im Um- und Aufbruch und mit guten Ideen kann man viel bewegen. Wir erleben gegenwärtig in Vietnam auf allen Ebenen eine große Bereitschaft, bei dem Thema Energiepflanzen mitzumachen und Pionierarbeit zu leisten.

Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen dem Anbau von Energiepflanzen und dem Klimawandel?

Es ist ja unbestritten, dass der Anbau von Energiepflanzen positive Klimaschutzeffekte mit sich bringt. Allerdings hängt die Wirksamkeit positiver Klimaaspekte sehr stark von den Pflanzenarten, der Verwertung und den örtlichen Gegebenheiten ab, um nur mal drei wesentliche Faktoren zu nennen. Ich denke, dass es ein Erfolg wäre, wenn  nach dem Projekt mehr Menschen in Vietnam den Energiepflanzenanbau mit dem Klimawandel in Zusammenhang bringen würden. Und das sich dadurch auch bei den Verantwortlichen das Bewusstsein für mehr konkreteres Handeln für den Klimaschutz durchsetzen würde.

Sorghum auf einer Tagebaufläche

Wo setzt Ihr Vorhaben an?

In Vietnam gibt es derzeit nach Angaben der vietnamesischen Behörden etwa 4000 Bergbaustandorte. Darüber hinaus existieren viele bereits stillgelegte Flächen. Häufig sind diese logistisch gut erschlossen. Die Novelle des Berggesetzes in Vietnam sieht nun vor, stillgelegte Flächen künftig zu renaturieren. Dazu gibt es in Vietnam jedoch noch wenig Erfahrungen. Auch die zuständige Behörde, die Vietnam Environmental Agency, lernt da gerade immens dazu. Wir wollen mit dem Pilotprojekt auch hier ein Angebot machen und zeigen, dass man eine Renaturierungsmaßnahme durchführen kann, die sich im besten Fall auch noch wirtschaftlich lohnt und dem Klimaschutz zu Gute kommt.  Und wenn möglich, soll die Bevölkerung an den Standorten der Bergbauhalden davon direkt profitieren. 

Welche Wirkungen erhoffen Sie sich durch das Projekt? Sind bereits erste Ergebnisse erkennbar?

Wir – sowohl vietnamesische als auch deutsche Experten – sind mit großem Enthusiasmus auf drei Modellflächen, davon liegen zwei in Nordvietnam und eine in Südvietnam, in diesem Jahr gestartet.  Angepasste Anbausysteme sind entwickelt worden und die ersten Ernten sind inzwischen eingefahren. Wir hatten auch schon die ersten Starkregen in der Provinz Thai Nguyen zu überstehen. Man kann sicher sagen, wir werden zeigen können, dass es sich lohnt, bestimmte heimische Energiepflanzen weiter zu entwickeln. Hierzu gehört beispielsweise Sweet Sorghum.  Wir testen aber auch vietnamesische Gräser oder auch Sonnenblumen und Cashew-Nüsse.

Bauern beim aufladen von Sorghum

Wie kann Ihr Vorhaben über Vietnam hinaus in der Region als Pilotvorhaben Wirkung entfalten?

Zum einen natürlich dadurch, dass die vietnamesischen Stakeholder das Projekt gut finden und davon in ihren regionalen Zusammenhängen berichten. Im November 2016 wird beispielsweise die Vietnamesische Energieagentur in Hanoi ein Kolloquium speziell zu Energiepflanzen veranstalten. Wir wurden gebeten, einen Überblick über das CPEP Projekt zu geben. Darüber hinaus werden wir weitere Gelegenheiten in Süd-Ost-Asien  nutzen, um den Ansatz und die ersten Ergebnisse des Projektes bekannt zu machen.  Wir denken, die Idee, den Konflikt zwischen Nahrungsmittelanbau und Energiepflanzenanbau zu entschärfen, werden alle Länder der Region  gut finden. Und wiederum wollen alle Länder ihre landwirtschaftlichen und energiewirtschaftlichen Potentiale modernisieren und weiterentwickeln.  

Staatsminister Gunther Adler vom Bundesumweltministerium wird während seiner Vietnamreise im November 2016 das Projekt besuchen. Zurzeit arbeitet auch eine Stipendiatin des IKI Projekts „Internationale Klimaschutzstipendien für Nachwuchsführungskräfte aus Schwellen- und Entwicklungsländern“ aus Vietnam beim UfU e.V.  zu diesem Thema. Das Stipendienprogramm wird von der Alexander von Humboldt-Stiftung durchgeführt.