02.06.2016

Interview: Finanzierung für Land- und Waldschutz mobilisieren

Andrew Mitchell Während der Klimazwischenverhandlungen in Bonn haben sich internationale Experten unter anderem auch über die Finanzierung von Klima- und Naturschutz ausgetauscht. Dabei fand am Rande der offiziellen Verhandlungen auch eine Veranstaltung mit Fachpublikum statt, bei der über die Möglichkeit von emissionsarmer Landnutzung mit Einbindung des Privatsektors gesprochen wurde. Seit 2013 unterstützt ein IKI-Projekt des Bundesumweltministeriums (BMUB), die Mobilisierung öffentlicher und privater Gelder für eine nachhaltige Land- und Waldnutzung in Peru und Brasilien. Durchgeführt wird das Projekt vom Global Canopy Programme (GCP).

Andrew Mitchell, Gründer und Direktor des Think-Tank Global Canopy Programme (GCP), spricht im Interview mit der IKI über seine Erfahrungen aus dem Projekt.

Auf dem Klimagipfel im letzten Jahr in Paris haben einige Länder wie Brasilien und Deutschland in einer gemeinsamen Erklärung anerkannt, dass Wälder eine wichtige Rolle für das Klima des Planeten spielen. Es stellt sich die Frage, ob und wie sich solche Erklärungen auf die Arbeit des Global Canopy Programme (GCP) auswirken?

Verlautbarungen auf höchster Ebene wie die gemeinsame Erklärung von Brasilien und Deutschland auf dem Klimagipfel von Paris stellen eine große Unterstützung für die Arbeit des GCP dar, denn sie lenken die Aufmerksamkeit der Welt auf ein wichtiges Thema: Es müssen dringend in großem Maßstab umsetzbare Lösungen gefunden werden, um die Abholzung von Wäldern weltweit zu verringern und letztlich zu beenden. Dies kann nur gelingen, wenn in Ländern mit tropischen Regenwäldern nachhaltige Landnutzungskonzepte umgesetzt werden. Derartige Erklärungen zeigen, dass sich die Staaten dieses Zusammenhangs bewusst sind und verstärkt gegen die Zerstörung der Wälder vorgehen. Direkt damit verbunden ist die Chance, Einfluss auf Regierungen und das Verhalten der Wirtschaft zu nehmen, um die negativen Auswirkungen auf die Waldbestände zu verringern und deutlich zu machen, dass wir dringend umsteuern müssen.

Regenwald in Peru

Das Global Canopy Programme führt seit 2013 das IKI-Projekt Unlocking Forest Finance (UFF) durch. Worin sehen Sie insgesamt die wichtigsten Ergebnisse, die das Projekt erzielt hat?

Das wichtigste Ergebnis von Unlocking Forest Finance ist die Entwicklung und Einführung einer replizierbaren Roadmap, durch die drei Regionen mit tropischen Regenwaldbeständen, nämlich San Martin in Peru und Acre und Mato Grosso in Brasilien, die Möglichkeit haben, einen schnellen Übergang zu einer nachhaltigen Produktion verschiedener Agrarprodukte zu finanzieren und gleichzeitig ihren CO2-Ausstoß zu verringern, ihre Wälder zu erhalten und die Lebensgrundlagen zu verbessern. Ganz konkret lassen sich die erzielten Ergebnisse drei Hauptbereichen zuordnen:
a) Entwicklung und Demonstration von Geschäftsszenarien für einen nachhaltigen Umbau von Lieferketten. Im Allgemeinen werden ein Verzicht auf die Abholzung von Wäldern und eine nachhaltige Landwirtschaft im Vergleich zur herkömmlichen Wirtschaftsweise als kostenintensiv und ineffizient angesehen. Das ist aber nicht der Fall, denn durch Produktivitätsfortschritte im Zusammenspiel mit einer intelligenteren Landnutzungsplanung amortisiert sich die Umstellung selbst und liefert Erträge. Dies ist die wichtigste Erkenntnis, die politische Entscheider und Investoren aus dem UFF mitnehmen sollten.
b) Subnationale Gebietskörperschaften konnten dazu gebracht werden, sich zu nachhaltigen Lieferketten und einem Teilverzicht auf den Holzeinschlag zu verpflichten. Auch wenn Verbesserungen in den Lieferketten notwendigerweise von den Bauern umgesetzt werden müssen, können eine entsprechende Führung sowie politische Rahmenbedingungen und Ziele diesen Prozess durch die Institutionalisierung von Zielen und das Setzen von Anreizen im Sinne nachhaltiger Verbesserungen fördern. Beispiele dafür sind die PCI-Strategie (Produce, Conserve, Include) in Mato Grosso, deren Ziele mithilfe der Daten aus dem UFF definiert wurden, sowie die Entscheidung der Regierung von Acre, auf das UFF-Investment-Portfolio zurückzugreifen, um nach Investoren und Gebern für nachhaltige Tätigkeiten zu suchen.
c) Zusammenarbeit mit den Investoren, um grundsätzliche Bedarfe und Chancen zu erklären und über Finanzinstrumente und mögliche Innovationen für eine nachhaltigere Nutzung der Flächen in ihrem Investment-Portfolio zu diskutieren.

Baumschule

Durch die weltweite Nachfrage nach Agrarrohstoffen erhöht sich der Druck auf die Tropenwälder. Das IKI-Projekt will der Umwidmung von Waldflächen zu Agrarflächen ein Ende bereiten. Welche Alternativen können Sie den Stakeholdern bieten?

Im Rahmen des UFF haben wir Geschäftsszenarien entwickelt, die zeigen, dass eine nachhaltige Landnutzung und die Produktion landwirtschaftlicher Rohstoffe unter Verzicht auf die Abholzung von Wäldern allen Beteiligten, nämlich Landbesitzern, Investoren und der Gesellschaft insgesamt soziale, ökologische und wirtschaftliche Vorteile bietet. In San Martin (Peru) arbeiten wir beispielsweise mit Kaffee- und Kakaobauern an einer verbesserten Bewirtschaftung der Anbauflächen sowie effektiveren Methoden, damit die Bauern ihren Kaffee und Kakao künftig nachhaltiger anbauen und dadurch den Druck von den Wäldern nehmen können. Außerdem arbeiten wir mit kleineren Lieferketten (z. B. Inkanuss, Reis und Aquakulturen) an der Minimierung des Holzeinschlags, wovon nicht nur die Umwelt sondern auch Kleinbauern profitieren.

Das Projekt strebt Investitionen in waldschonende Produktionsmethoden an. Können Sie uns Beispiele für solche Praktiken in den drei Pilotregionen San Martin (Peru), Acre und Mato Grosso (Brasilien) nennen?

In San Martin arbeiten wir unter anderem mit der Wertschöpfungskette Kakao. Dabei erreicht UFF über einen Zeitraum von zehn Jahren 12.650 Kleinbauern mit Schulungen und gibt ihnen verbesserte Bewirtschaftungssysteme an die Hand. Durch diese Maßnahmen und die Einführung von agroforstwirtschaftlichen Systemen sollen die Ernten von 750 kg pro Hektar auf 2.200 kg pro Hektar gesteigert werden. Aus der Umstellung ergibt sich ein sozialer Nutzen in Form von knapp 6.500 neuen Arbeitsplätzen und einer Steigerung der Einkommen um mehr als 21 Millionen US-Dollar. Ferner haben die verbesserten Bewirtschaftungssysteme positive Wirkungen auf die lokalen Ökosystemdienstleistungen, da agroforstwirtschaftliche Systeme mehr CO2 binden, die Bodenfertilität verbessern und dafür sorgen, dass sich weniger Pflanzenschutzmittel anreichern.
Der Soya-Anbau hat den größten Stellenwert in der Landwirtschaft von Mato Grosso und belegt 8,3 Millionen Hektar Ackerland. Die PCI-Strategie sieht vor, die Soya-Anbauflächen unter Beachtung des Waldgesetzes auf degradierte Weideflächen zu erweitern (3 Millionen Hektar) und die Soya-Produktion auf diese Weise bis 2030 von 50 auf 92 Millionen Tonnen zu steigern. Das UFF-Projekt unterstützt diese Ziele durch Fort- und Weiterbildungen zur Verbesserung der Bewirtschaftungssysteme für die Hälfte der mittelständischen Erzeuger, auf die die Hälfte der Soya-Anbauflächen entfallen. Dadurch sollen der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verringert, die Produktivität gesteigert und die Einhaltung des Waldgesetzes gefördert werden. Das UFF-Projekt hat Mato Grosso eine Kapitalbedarfsprognose für die Umsetzung der Maßnahmen in Bezug auf die mittelständischen Erzeuger vorgelegt; der veranschlagte Bedarf beläuft sich auf 31 Millionen US-Dollar1 über einen Zeitraum von 15 Jahren. Darin enthalten sind 7 Millionen US-Dollar1 für technische Unterstützung/Beratungsleistungen.

Kakaoplantage

Wie bindet das GCP peruanische und brasilianische Gemeinden, deren Lebensgrundlage der Wald ist, in seine Pläne zur Erhaltung der Wälder ein?

Das von UFF geplante Investment-Portfolio umfasst Rohstoff-Lieferketten, die Lebensgrundlagen von Gemeinden, die auf die Wälder angewiesen sind, sowie Maßnahmen zur Erhaltung der Wälder. Den Gemeinden, deren Lebensgrundlage der Wald ist, hat das UFF-Projekt des GCP in seinen Plänen zum Schutz der Wälder eine zentrale Rolle zugedacht. Besonders in Mato Grosso hat das GCP einen nachhaltigen Flächenumnutzungsplan entwickelt, der die Umsetzung des Plans für die finanzielle Nachhaltigkeit indigener Gebiete (PNGATI) unterstützt, mit dem 35.369 Indigene und 20.487.666 Hektar erreicht werden. Darüber hinaus wurden im Rahmen dieser Arbeit zuverlässige Vorkehrungen zum Schutz vor sozialen und ökologischen Verwerfungen eingeführt, wie beispielsweise ein detailliertes Stakeholder-Konsultationsverfahren, durch das Waldbewohner und indigene Gemeinschaften vor Beginn jeder Maßnahme beteiligt werden.

Worin besteht Ihrer Erfahrung nach die Motivation der Privatwirtschaft, den CO2-Ausstoss zu senken?

Aus unseren Erfahrungen mit der Privatwirtschaft können wir sagen, dass die Unternehmen eine Minderung des CO2-Ausstoßes in der Regel aus folgenden Gründen anstreben:

  • Sie wollen ihr Geschäftsmodell zukunftssicher machen oder die Kosten ihrer Betriebsprozesse senken.
  • Sie sehen wirtschaftliche Chancen, beispielsweise im Handel mit Emissionsrechten.
  • Sie sehen eine Gefährdung ihres guten Rufs und ihrer Marke, wenn sie nicht handeln.

1 Zahlen sind nicht diskontierte Schätzwerte und Angaben ohne Gewähr


Weitere Informationen