30.12.2016

Interview: Neue Märkte zum Schutz des Waldes

Ein Papagei sitzt auf einem Baum

Tucan; Foto: Fabianus Fliervoet / WWF Paraguay

Lucy Aquino ist Biologin und Direktorin des WWF in Paraguay, wo sie seit 16 Jahren arbeitet. Auch Amanda Parker startete ihre Karriere beim WWF in Paraguay. Anschließend arbeitete sie als Projektleiterin bei WWF Deutschland im Fachbereich „Landwirtschaft und Landnutzungswandel“. Von Anfang an waren beide an dem Projekt Parlu („Paraguay Land Use“) beteiligt, das vor vier Jahren auf den Weg gebracht und im Dezember mit einem Workshop abgeschlossen wurde.

Frau Aquino, wie würden Sie Ihr Land jemandem beschreiben, der Paraguay nicht kennt?

Lucy Aquino und Amanda ParkerAquino: Der Binnenstaat Paraguay liegt mitten in Südamerika. Das Land gliedert sich in zwei Regionen, die sich stark voneinander unterscheiden: zum einen den Osten, der zur Ökoregion Atlantischer Regenwald gehört, die sich auch über Teile Brasiliens und Argentiniens erstreckt. Und zum anderen der Westen des Landes mit der Ökoregion Chaco und dem Pantanal. Paraguay ist durch eine enorm große biologische Vielfalt geprägt, vor allem in den Gebieten, in denen die Eingriffe durch den Menschen bislang gering sind. Gleichzeitig wird die wirtschaftliche Entwicklung des Landes durch die steigende Nachfrage auf dem Weltmarkt beschleunigt. Zu den wichtigsten Erzeugnissen Paraguays gehören Sojabohnen und Rindfleisch. Vom Atlantischen Regenwald sind in Paraguay nur noch zwischen 10 und 13 Prozent erhalten. Meistens handelt es sich dabei um verstreute kleine Waldinseln, die stark degradiert sind. In der Chaco-Region gibt es nach wie vor einen der größten Trockenwälder der Welt. Doch die Entwaldung nimmt zu und jedes Jahr gehen in dieser Region etwa 300.000 Hektar verloren. Auch im Pantanal, der ebenfalls im Westen des Landes liegt, schreitet die Entwaldung sehr schnell voran.

Worin bestehen die grössten Herausforderungen für die einheimische Bevölkerung und die Wirtschaft in diesen Regionen?

Lucy Aquino hält eine PräsentationAquino: Wirtschaftlich läuft es gerade sehr gut. Paraguay ist der viertgrößte Soja-Exporteur der Welt und der sechstgrößte Exporteur von Rindfleisch. Die Marktlage ist ausgezeichnet und die Nachfrage zieht weiter an, so dass auch die Produktion zulegen wird. Zurzeit bieten sich zahlreiche Investitionsmöglichkeiten. Doch all dies bedeutet auch, dass unsere natürlichen Ressourcen immer schneller zur Neige gehen.

Parker: Wir haben eine Studie zu den wichtigsten Rohstoffen durchgeführt, die aus Paraguay stammen. Dabei haben wir uns hauptsächlich auf Soja und Vieh konzentriert. Wir wollten herausfinden, was zu einer veränderten Flächennutzung führt. Dabei hat sich gezeigt, dass diese Rohstoffe der Hauptgrund für die Entwaldung des Landes sind. Dann haben wir uns angesehen, wo diese Erzeugnisse verkauft werden und siehe da: Eines der Abnehmerländer ist Deutschland – neben China, Russland, den USA und anderen Ländern. Als wir begannen, uns näher mit den Marktmechanismen zu befassen, stellten wir schnell fest, dass es tatsächlich die Marktkräfte sind, die die Entwaldung vorantreiben.

Ein See mit Vögeln

In den letzten vier Jahren hat der WWF in Paraguay das Parlu-Projekt durchgeführt. Können Sie uns etwas über dieses Projekt erzählen?

Aquino: Das Projekt wurde auf den Weg gebracht, um eine ganze Reihe unterschiedlicher Bedarfe abzudecken. Dabei war es als Bottom-up-Projekt gedacht, das den kleinen Gemeinschaften zugutekommen sollte, die auf ihrem Land bleiben und es nicht an Soja-Produzenten verpachten oder verkaufen wollen. Es gibt auch Erzeuger, die neben Soja auch noch andere Pflanzen anbauen, aber die Verarbeitung des Sojas war für sie zu aufwändig.  Und so baten Sie um Unterstützung.

Frau Parker, wie kam es, dass sich WWF Deutschland an dem Projekt beteiligt hat?

Parker: Paraguay gehört zu den kleineren Niederlassungen des WWF, denn Paraguay ist ein kleines Land mit nur 6,5 Millionen Einwohnern. Ein großer Teil der Bevölkerung gehört indigenen Völkern an, und die verschiedenen Ethnien haben tief verwurzelte Traditionen und Bräuche und eine reiche Geschichte. Außerdem besitzt das Land eine einzigartige biologische Vielfalt und wichtige Ökosystemdienstleistungen. Doch die Entwaldung schreitet in Paraguay so schnell voran wie in kaum einem anderen Land der Welt und ist in keiner Weise nachhaltig. Deutschland wiederum gehört zu den größten Abnehmern von Produkten aus Paraguay. So ist Deutschland der zweitgrößte Abnehmer von Soja. Als Abnehmer müssen wir verantwortlich einkaufen und wissen, woher die Produkte stammen, die wir beziehen, und wie wir zu einer nachhaltigeren Produktion beitragen können.

Frau Aquino, wie unterstützen Sie die lokalen Gemeinschaften in Paraguay konkret?

Drei Frauen arbeiten im GartenAquino: Wir zeigen ihnen Alternativen zum Verkauf oder zur Verpachtung ihres Landes auf. Dazu gehören beispielsweise der Anbau von Heilpflanzen oder Mate (eine in Paraguay heimische Pflanze, aus deren Blättern ein Aufgussgetränk zubereitet wird)  und andere Formen des Ökolandbaus. Wir stellen den Menschen Material für die Gründung eines eigenen kleinen landwirtschaftlichen Betriebs oder einer Baumschule für die Aufforstung degradierter Flächen zur Verfügung. Einige der indigenen Bevölkerungsgruppen haben eine sehr enge Beziehung zum Wald. Sie sind auf den Wald angewiesen, benötigen darüber hinaus jedoch ein zusätzliches Einkommen, weil sie mehr Kinder bekommen und das ihnen zur Verfügung stehende Land für die Gemeinschaft allmählich zu klein wird. Es ist sehr wichtig, dass wir die indigenen Gemeinschaften in den Blick nehmen, denn sie sind es, die am stärksten unter dem Klimawandel, der fortschreitenden Entwaldung und der Degradierung der Wälder leiden. Deshalb haben wir vor allem mit den indigenen Gemeinschaften gearbeitet und Konzepte entwickelt, mit denen sie ihr Land behalten können. Gleichzeitig unterstützen wir sie bei der Verbesserung ihrer Produkte, damit sie sie besser vermarkten können, und zwar nicht nur in Paraguay, sondern auch im Ausland.

Parker: Aus diesem Grund arbeiten wir als Organisation auch in Deutschland. Wir versuchen beispielsweise das Verbraucherverhalten zu beeinflussen und die Menschen dafür zu sensibilisieren, woher die Produkte stammen, die sie kaufen, und welche Auswirkungen ihre Kaufentscheidung hat. Wir sehen diese Auswirkungen bereits, doch die Änderung der Konsumgewohnheiten ist ein langwieriger Prozess. Erst wenn die Menschen wissen, was es bedeutet, verantwortungsbewusst zu konsumieren, wenn sie wissen, dass ihre Kaufentscheidung einen Unterschied machen kann, sind sie zu Veränderungen bereit.

Aquino: Rohstoffe haben große Auswirkungen. Denn ein Teil des Markts hat sich bereits dazu verpflichtet, Rohstoffe herzustellen, ohne dazu Wälder zu zerstören. Wir brauchen den Markt und die Finanzinstitutionen, um etwas zu bewirken, denn: Die Produktion von Rohstoffen hängt vom Markt und von den Finanzinstitutionen ab, die den Erzeugern die Mittel zur Verfügung stellen, um größere Mengen immer schneller zu produzieren. Damit sind sie ebenfalls Teil der Gleichung.

Das Projekt verfolgt einen Mehr-Ebenen-Ansatz. Arbeiten Sie auch mit der Zentralregierung zusammen?

Aquino: Ja, durchaus! Auf nationaler Ebene arbeiten wir mit dem öffentlichen Sektor zusammen. Wir tauschen Wissen und Erfahrungen aus und bereiten viele Mitarbeiter des öffentlichen Sektors auf die Arbeit in internationalen Foren vor. Außerdem haben wir die indigenen Bevölkerungsgruppen, die ihre Rechte und Ansprüche auf das Land und ihre Wälder geltend machen, dazu gebracht, Vertreter in diese internationalen Foren zu entsenden. Und wir arbeiten nicht nur mit dem öffentlichen Sektor, den indigenen Bevölkerungsgruppen und den Gemeinschaften, sondern auch mit NROs, Hochschulen und anderen relevanten Akteuren.

Sitzungssaal während eines VortragsParker: Außerdem kooperieren wir eng mit Argentinien, Bolivien, Brasilien, Paraguay sowie anderen Büros, die sich in der Region engagieren, beispielsweise mit den Büros aus den Niederlanden, Deutschland und der Schweiz, die einen regionalen Dialog fördern. Diese übergreifende Kooperation soll gewährleisten, dass die Projektziele nicht nur auf ein bestimmtes Land ausgerichtet sind. Wir arbeiten auf regionaler Ebene und fördern den Austausch und den Dialog zwischen den verschiedenen Ländern, um nachhaltige Lösungen zu entwickeln.

Wir würden Sie die Wirkungen des Projekts zusammenfassend beschreiben?

Aquino: Es ist uns gelungen, einige Türen aufzustoßen. Paraguay war das erste Land Lateinamerikas, das das Pariser Klimaschutzabkommen ratifiziert hat. Jetzt haben wir viele Möglichkeiten und entsprechende Selbstverpflichtungen der Regierung zur Sanierung zerstörter Waldflächen, vor allem im Gebiet des Atlantischen Regenwalds. Diese Selbstverpflichtungen sehen die Sanierung von 900.000 Hektar Wald sowie die Wiederherstellung der entsprechenden Ökosystemdienstleistungen vor.

Welche Herausforderungen kommen als nächstes auf Sie zu?

Aquino: Der Atlantische Regenwald im Osten des Landes ist beinahe verschwunden. Wir haben hier nur wenige Schutzgebiete und diese sind durch illegalen Holzeinschlag und Umnutzung in ihrem Bestand bedroht. Zwar wurde 2004 ein Gesetz zum Verbot des Holzeinschlags ratifiziert und bis 2018 verlängert – auch dank unseres Projekts. Doch das Gesetz wird nicht konsequent durchgesetzt und es wird zu wenig getan, um die Entwaldung einzudämmen bzw. zu stoppen. Wir müssen dringend neue Mechanismen entwickeln, um eine weitere Zerstörung der Wälder zu verhindern. Die wenigen Wälder, die noch übrig sind, haben eine enorme Bedeutung. Wenn diese Flächen auch noch verschwinden, haben wir nicht einmal mehr Setzlinge für die Wiederaufforstung. Deshalb ist es sehr wichtig, dass das Gesetz gegen den Holzeinschlag auch über 2018 hinaus verlängert wird.

Ausblick auf Wald in der Dämmerung

Wir haben gerade erfahren, dass der WWF für ein weiteres Projekt Fördermittel von der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI) erhält. Worum geht es bei dem Projekt?

Parker: Bei diesem neuen von der IKI geförderten Vorhaben geht es um das Grasland und die Savannen am Orinoco in Kolumbien und im Pantanal in Paraguay. Das Projekt arbeitet an der Minderung der Faktoren, die am stärksten zu einer veränderten Landnutzung beitragen. Auch hier geht es um die Produktion von Rohstoffen wie Rindfleisch, Soja und Palmöl, wobei Palmöl vor allem in Kolumbien erzeugt wird. Auch hier greifen wir auf einen Mehr-Ebenen-Ansatz zurück und arbeiten mit Kleinbauern, dem öffentlichen Sektor, Runden Tischen für nachhaltige Finanzierungslösungen und zahlreichen anderen Akteuren zusammen.

Aquino: Wir wollen den Menschen bewusst zu machen, wie schön und wertvoll das Grasland und die Savannen und Feuchtgebiete sind. Diejenigen, die wirklich auf Unterstützung angewiesen sind, vor allem bei der Anpassung an den Klimawandel, sind die indigenen Gemeinschaften. Der Klimawandel ist bereits Realität und beschleunigt sich massiv. Deshalb müssen wir neue Konzepte entwickeln, die es den indigenen Gemeinschaften erlauben, sich an den Klimawandel anzupassen. 



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