03.05.2017

Interview: Schutz der natürlichen Küstenschutzlinie

Das Logo der Europäischen Klimaschutzinitiative; BMUB

Dr. Mike Beck von The Nature Conservancy (TNC) ist auch Dozent an der University of California Santa Cruz. Foto: Ali Habashi

Das von der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI) finanzierte und von The Nature Conservancy (TNC) durchgeführte Projekt „Ökosysteme, Risiko und Klima Anpassung“ befasst sich mit Themen an der Schnittstelle zwischen Risikominderung und Naturschutz. Im Rahmen des Projekts wird das Konzept der ökosystembasierten Anpassung (EbA) als fester Bestandteil der nationalen und globalen Maßnahmen zur Katastrophenvorsorge sowie zum Umgang mit den Auswirkungen des Klimawandels realisiert. Wichtige Partner dabei sind das Institute of Environmental Hydraulics Cantabria (IH Cantabria), das Bündnis Entwicklung Hilft, die Universität Kassel und die McGill Universität. Dr. Mike Beck ist der führende Meereswissenschaftler bei TNC und leitet ein Team, dem Ingenieure, Ökologen und Volkswirte angehören. Bei einem Besuch in Berlin sprach er mit der IKI über seine Forschungsarbeit.


Ihr IKI-Projekt startete vor einem Jahr. Was ist seitdem geschehen?

Im Laufe des letzten Jahres konnte sich unser Team alle Korallenriffe der Welt näher ansehen. Dabei haben wir genau ermittelt, welchen Nutzen sie für den Schutz von Menschen und Vermögenswerten bieten.

Collage von zwei Aufnahmen von unterschiedlichen Korallen, einmal über Wasser und einmal unter Wasser aufgenommen. Korallenriffe sind ein wichtiger Teil der ersten Küstenschutzlinie. Fotos: © Nick Hall/TNC

Korallenriffe und Mangroven-Wälder gehören zur so genannten „grünen Infrastruktur“. Was bedeutet das, vor allem im Vergleich zur „grauen Infrastruktur“?

Weltweit haben wir jahrhundertelang Trillionen Dollar in graue Infrastruktur investiert. Dazu zählt alles, was aus Beton gebaut ist: Standmauern, Wellenbrecher, Dämme, Fluss- und Seedeiche. Wir wollen das Bewusstsein dafür schärfen, dass die Natur, also die grüne Infrastruktur, ebenfalls eine wichtige Küstenschutzfunktion hat. Wir sollten diese natürlichen Vorteile wertschätzen und nutzen, anstatt diese erste, natürliche Küstenschutzlinie zu überbauen, was sehr häufig geschieht. Wer in Feuchtgebieten und Mangroven-Wäldern baut, geht hohe Risiken ein, denn diese Flächen liegen am tiefsten. Irgendwann bekommen wir alle die Quittung für diese Fehlentscheidungen.

Wie ist es inzwischen weltweit um die Mangroven-Wälder und Korallenriffe bestellt?

Es ist wirklich traurig, dass sich der Zustand einiger dieser Ökosysteme in letzter Zeit deutlich verschlechtert hat. Das gilt besonders für die Mangroven-Wälder. In den letzten Jahrzehnten wurden weltweit insbesondere durch das Wachstum der Shrimp-Aquakulturen mehrere Hunderttausend Hektar an Mangroven-Wäldern zerstört. Außerdem wurden etliche Küstenstädte in den Tropen auf Flächen errichtet, die früher von Mangroven bedeckt waren, und darin liegt das eigentliche Problem. Die Korallenriffe sind in etwas besserer Verfassung, aber durch den Klimawandel geraten sie verstärkt unter Druck.

Stichwort Klimawandel: Welchen Beitrag kann Ihre wissenschaftliche Arbeit dazu leisten, dass Menschen und Regierungen sich weltweit an den Klimawandel anpassen?

Lassen Sie mich zunächst erläutern, wie sich diese Ökosysteme durch den Klimawandel verändern. Mangroven-Wälder sind beispielsweise mit dem Anstieg des Meeresspiegels konfrontiert. Wenn wir jedoch dafür sorgen, dass die Mangroven-Wälder intakt bleiben, können sie mit dem Anstieg des Meeresspiegels wachsen. Genau dies ist ihre besondere Eigenschaft. Die Mangroven halten Sedimente zurück und wachsen darauf immer weiter. Sie bilden eine dynamische Küstenschutzlinie, wenn wir sie denn lassen.

Rote Mangroven stehen in seichtem Wasser auf den Cayman Islands, Karibik. Foto: Nancy Sefton/ TNC.

Die Korallenriffe sind durch den Klimawandel wegen der Erwärmung und Versauerung des Wassers besonderem Stress ausgesetzt. Dieser Stress führt zur Korallenbleiche – die Korallen sterben und werden weiß. Wir wissen jedoch inzwischen, dass sich die Korallenriffe an den Klimawandel anpassen können, wenn wir andere Stressfaktoren wie Überfischung und Umweltverschmutzung in den Griff bekommen. Wir wollen im Rahmen des Projekts zeigen, dass es Möglichkeiten gibt, in ein besseres Management und die Wiederherstellung dieser Ökosysteme zu investieren und sie dadurch vor den Auswirkungen des Klimawandels zu schützen. Wenn dies gelingt, können die Mangroven-Wälder und Korallenriffe auch künftig ihre wichtige Küstenschutzfunktion für den Menschen erfüllen.

Eine Taucherin schwimmt über einem großen Korallenfeld, die Korallen sind alle weiß gefärbt durch die Korallenbleiche. Foto: Catlinseaview/ TNC

Interessieren sich Regierungen für Ihre Forschungsarbeiten?

Glücklicherweise ist das Interesse groß! Das hat viel damit zu tun, dass wir die gewonnenen Erkenntnisse in ökonomische und soziale Begriffe und Größen überführen. So untersuchen wir etwa, wie viele Menschen durch grüne Infrastruktur geschützt werden und wie hoch der wirtschaftliche Wert des geschützten Vermögens ist. Beispielsweise zeigt die Weltbank großes Interesse. Deshalb haben wir bei der Entwicklung unserer Forschungsansätze eng mit ihr zusammengearbeitet. Dafür möchte ich drei Beispiele anführen: Zum einen nutzen wir die Ergebnisse der für die IKI und die Weltbank durchgeführten Projekte, um die Regierung der Philippinen darüber zu informieren, welchen Wert die Mangroven-Wälder der Philippinen für den Küstenschutz des Inselstaats haben. Diese Ergebnisse werden analysiert und fließen in die Entwicklungspläne sowie die nationale Budgetplanung des Landes ein. Des Weiteren haben wir auf Grenada mit unserer Arbeit zeigen können, dass die Wiederherstellung der Korallenriffe für den Küstenschutz von entscheidender Bedeutung ist. Derzeit arbeiten wir an einem Demonstrationsprojekt, um neue Herangehensweise zu testen. Und als drittes Beispiel möchte ich unsere Zusammenarbeit mit der Versicherungsbranche anführen. Wir unterstützen die Versicherungswirtschaft dabei, für den Küstenschutz wichtige Ökosysteme in ihren Risikobewertungssystemen und Finanzwerkzeugen zu berücksichtigen. Dabei entwickeln wir Anreize für Investitionen in dringend erforderliche Maßnahmen zum Schutz und zur Wiederherstellung dieser Ökosysteme. In diesem Bereich arbeiten wir eng mit Lloyd’s of London und ihren Partnern zusammen.

Beamtin des Bundesumweltministeriums bei der Begutachtung von Forschungsergebnissen. Foto: GIZ/Joschka Frech.

Wenn ich der Vertreter der Regierung eines kleinen Inselstaats wäre, wie bekäme ich dann Zugang zu Ihren Forschungsergebnissen?

Wir stellen die Ergebnisse unserer Arbeit in vielen verschiedenen Formaten zur Verfügung: Erstens veröffentlichen wir wissenschaftliche Artikel. Zweitens erstellen wir Berichte über unsere Arbeit. Und drittens stellen wir alle unsere Ergebnisse im „Atlas of Ocean Wealth“ unter http://maps.oceanwealth.org online. Hier können Sie sich ganz konkret darüber informieren, welche Bedeutung der Mangroven-Wälder und Korallenriffe für Ihr Land oder Ihre Region haben.

Screenshot des „Atlas of Ocean Wealth“; Photo: maps.oceanwealth.org

Das bedeutet also, dass es für Risikominderung in Küstenbereichen keine allgemeingültigen Lösungen gibt?

Wir behaupten keinesfalls, dass die grüne Infrastruktur die einzige Lösung darstellt. Alle Risikominderungsstrategien setzen auf eine Vielzahl an Lösungen. Wir sind jedoch der Auffassung, dass der Natur beziehungsweise der grünen Infrastruktur eine wesentlich größere Bedeutung im Lösungsmix eingeräumt werden sollte. Dabei müssen solche natürlichen Lösungen mit anderen Strategien, wie Frühwarnsystemen, der Risikoübertragung von Versicherungen und Hilfsprogrammen für die Bevölkerungsgruppen, einhergehen, die durch die klimawandelbedingten Risiken in besonderer Weise sozialen Risiken ausgesetzt sind.

Wenn Sie auf die Erwartungen zurückblicken, die Sie vor einem Jahr hatten: Entsprechen die gewonnenen Erkenntnisse Ihren damaligen Erwartungen?

Es hat mich nicht überrascht, dass die Korallenriffe so wichtig sind. Ich hatte jedoch nicht erwartet, dass auch die Mangroven-Wälder einen so großen Einfluss auf die Risikominderung haben. Positiv überrascht und beeindruckt war ich auch von dem großen Interesse, das sowohl der öffentliche als auch der private Sektor unseren Ergebnissen entgegenbrachten. Viele Geber zeigten sich uns gegenüber sehr offen. Im Rahmen dieses wirklich multidisziplinären Projekts haben wir Daten aus hydrodynamischen Gleichungen und technischen Modellen mit den ökologischen Daten der Korallenriffe verknüpft und konnten daraus als Team Ergebnisse ableiten, die für die Entscheider gut nachvollziehbar sind.

Möchten Sie noch etwas ergänzen?

Ich möchte gerne noch einmal darauf hinweisen, wie wichtig die Unterstützung der IKI für unsere Arbeit ist. Dank dieser Unterstützung konnten wir sehr produktive Kooperationen aufbauen – mit der Weltbank, der Versicherungswirtschaft sowie mit Akteuren aus den Bereichen Technik und Naturschutz. Diese Unterstützung ist sehr wertvoll für unsere Arbeit.

Vielen Dank für dieses Interview.