14.04.2020

„Jede Stadt muss ihren eigenen Weg gehen“

Solaranlage mit einer Stadt im Hintergrund

Für die Minderung der Treibhausgasemissionen muss auf Erneuerbare Energien umgestellt werden. Das gilt auch für die Städte. Foto: Shutterstock.

Der Klimawandel ist nicht nur eine ökologische, sondern auch eine sozioökonomische und Sicherheitskrise. Die Bewältigung dieser Krise erfordert eine beispiellose Transformation der Energiesysteme und einen sofortigen Übergang auf erneuerbare Energien in allen Sektoren.

Um zu erfahren, warum Städte und Regionen auf Erneuerbare Energien umsteigen und wie ein Fahrplan für eine vollständige Energiewende auf subnationaler Ebene aussehen kann, haben wir mit Rohit Sen gesprochen. Sen ist Senior Officer für Erneuerbare Energien bei ICLEI – Local Governments for Sustainability.

In diesem Interview erläutert Sen, welche Voraussetzungen für eine Initialzündung der Energiewende gegeben sein müssen und inwiefern das Projekt „100% Erneuerbare Energie in Städten und Regionen für eine Abschwächung des Klimawandels“ dabei den Weg weisen kann, vor allem im Globalen Süden.

Weshalb ist der Übergang zu Erneuerbaren Energien so wichtig?

Rohit Sen: Wenn man sich umschaut, gibt es praktisch keinen Bereich, in dem wir nicht auf Strom angewiesen sind: Bildung, Gesundheitsversorgung, Produktion - nichts davon ist ohne Strom möglich. Der schnelle Übergang zu Erneuerbaren Energien ist ein Muss, um eine nachhaltige Zukunft zu sichern. Angesichts der aktuellen Klimakrise muss jeder Staat, jede Stadt, jede Region und jeder Einzelne das Ruder herumreißen und klimaneutral werden bzw. die Treibhausgasemissionen sukzessive auf Null zurückführen. Ohne Erneuerbare Energien ist dieses Ziel nicht zu erreichen. Es gilt, die Energieversorgung zu 100 Prozent auf Erneuerbare Energien umzustellen. Diese Transformation ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Umsetzung des Pariser Klimaschutzabkommens und um den Treibhausgasausstoß auf Null zurückzufahren, um eine lebenswerte Zukunft zu sichern.

Wie kann die Initialzündung aussehen, um diesen Transformationsprozess weltweit einzuleiten?

Zur Bewältigung der Klimakrise müssen alle Sektoren und Ebenen im Staatsaufbau gemeinsam handeln und sich eng miteinander abstimmen. Wenige Länder, Städte und Regionen reichen für eine Initialzündung aus, mit der ein Prozess der systematischen Dekarbonisierung eingeleitet wird. Die wichtigsten Voraussetzungen dafür sind ein starker politischer Wille und entschlossenes Handeln der Regierung. Nur so lassen sich die Veränderungen anstoßen, die notwendig sind, um das im Klimaschutzabkommen festgelegte Ziel zu erreichen und den Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur auf 2 Grad Celsius und im Idealfall sogar auf 1,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen.

Rohit Sen, Senior Officer Erneuerbare Energien, vom ICLEI - Local Governments for Sustainability e.V. Foto: ICLEI - Local Governments for SustainabilityEinige Städte und Regionen haben sich bereits dazu verpflichtet, vollständig auf Erneuerbare Energien umzusteigen. Diese Städte und Regionen können anderen subnationalen Regierungen ein Beispiel geben. Allerdings sind die Energieversorgungssysteme international sehr vielfältig, so dass jede Stadt und jede Region bei der kompletten Umstellung ihrer Energieversorgung auf Erneuerbare Energien ihren eigenen Weg finden und gehen muss. So heißt es in der Definition des Konzepts „100 Prozent Eneuerbare Energien“ der IRENA Coalition for Action, dass „Erneuerbare Energien entweder vor Ort erzeugt werden können, um den gesamten lokalen Energiebedarf der Endverbraucher zu decken ... oder unter Einsatz von technischen Hilfsmitteln und Anlagen von außerhalb der Region importiert werden können.“ Der Weg zur kompletten Umstellung der Energieversorgung auf Erneuerbare Energien sieht in jeder Stadt oder Region anders aus. Deshalb arbeiten wir mit neun Städten zusammen – jeweils drei in Argentinien, Indonesien und Kenia –, um eine Strategie und entsprechende Aktionspläne zu entwickeln, die das vor Ort vorhandene Potenzial für Erneuerbare Energien aufzeigen. Auf dieser Grundlage kann dann ein Fahrplan erarbeitet werden, der die örtlichen Bedürfnisse und Möglichkeiten berücksichtigt.

Wie wollen Sie mit den beteiligten Städten und Regionen zusammenarbeiten, um dieses ambitionierte Ziel zu erreichen?

Die die Kommunen und Regionen übernehmen bei der Festlegung von ehrgeizigen Zielen und der Umsetzung einer nachhaltigen, emissionsarmen und resilienten Entwicklung zunehmend die Federführung. Die nationalen Regierungen wiederum haben die wichtige Aufgabe, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, die die Initiativen der Kommunen und Regionen unterstützen. Tragfähige Partnerschaften und koordinierte Maßnahmen sind entscheidend, im die Energieversorgung zügig auf Erneuerbare Energien umzustellen.

Natürlich lässt sich dieses Ziel nicht über Nacht erreichen. Deshalb bedarf es einer intensiven strategischen Planung und einer engen Abstimmung zwischen den verschiedenen Regierungsebenen und den relevanten Stakeholdergruppen. Der Fahrplan zur vollständigen Umstellung der Energieversorgung auf Erneuerbare Energien wird im Laufe der nächsten Jahre schrittweise umgesetzt werden. Dazu werden wir auf einen Mix aus Erneuerbaren Energiequellen, Energiesparmaßnahmen, Energiespeicherlösungen und Finanzmitteln zur Realisierung von bankfähigen Projekten setzen.

Darüber hinaus unterstützen transparente und klar definierte Ziele sowie deren effektive Umsetzung die vollständige Umstellung der Energieversorgung auf Erneuerbare Energien. Mit Transparenz und Effektivität lässt sich erreichen, dass die Bereitschaft steigt, in Erneuerbare Energien zu investieren. Die Integration von Erneuerbaren Energien und Energiesparsystemen kann den Umbau der Energieversorgung beschleunigen.

Welche Möglichkeiten und Vorteile haben Erneuerbare Energien für diese Städte und Regionen?

Die Tatsache, dass die Erneuerbaren Energien im Hinblick auf die Stromgestehungskosten wettbewerbsfähig sind, und die mit Erneuerbaren Energien verbundenen sozioökonomischen und ökologischen Vorteile gehören zu den wichtigsten Gründen für die Energiewende in Städten und Regionen und sind auch die Motivation hinter dem Fahrplan zur vollständigen Umstellung der Energieversorgung auf Erneuerbare Energien.

Das Projekt bietet Städten und Regionen die Möglichkeit, die Treibhausgas-Minderungslösungen mit dem größten Wirkungspotenzial zu nutzen und den Weg in Richtung Klimaneutralität und nachhaltiges Wirtschaftswachstum einzuschlagen. Dies gelingt durch eine Verringerung der Öl- und Gasimporte und damit der Haushaltsdefizite. Gleichzeitig steigen die Devisenreserven und vor Ort entstehen neue Arbeitsplätze. Außerdem können Regionen und Kommunen die Sicherheit ihrer Energieversorgung erhöhen und in den Bereichen Soziales, Gesundheit und Governance Fortschritte erzielen.

Inwiefern unterstützt das Projekt „100% Renewables Roadmap Cities and Regions“ die vollständige Umstellung der Energieversorgung auf Erneuerbare Energien?

Das Projekt erleichtert die Umstellung der Energieversorgung, denn es schärft in den Kommunen und Regionen das Bewusstsein für die Chancen, die die Erneuerbaren Energien bieten. Gleichzeitig zeigt das Projekt auf, wie Zentral- und Lokalregierungen aufeinander abgestimmte Rahmenbedingungen und Strategien zur Förderung der Energiewende entwickeln können. Außerdem bietet das Projekt einen Zugang zu öffentlichen und privaten Finanzmitteln und entwickelt vor Ort Maßnahmen in den Bereichen Stromversorgung sowie Heizen und Kühlen.

Das Projekt soll zeigen, wie wichtig die vertikale Integration ist – von der zentralstaatlichen über die regionale bis hin zur kommunalen Ebene. Außerdem soll dargestellt werden, wie in den Kommunen definierte Ziele in die nationalen Klimaziele bzw. die nationalen Klimaschutzbeiträge (NDCs) einfließen können. Wir hoffen, dass das Projekt die Governance auf den verschiedenen Ebenen des Staatsapparats fördert und die Zusammenarbeit zwischen diesen Ebenen in den Mittelpunkt einer nachhaltigen Energiewende rückt.

Dieses Interview erschien zuerst auf dem ICLEI-CityTalk-Blog.


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