03.09.2019

Mali: Schafe und Ziegen helfen nach Missernten

Verteilung von Schafen und Ziegen an Kleinbauern in Mail; Foto: Pacindha

Verteilung von Schafen und Ziegen an Kleinbauern in Mail; Foto: Pacindha

Der Regen wird dünner, die Felder tragen weniger Erdnüsse und Hirse. In Mali spüren die Bauernfamilien die Folgen der Erderwärmung schon deutlich. Die zunehmende Trockenheit ist auch eine Ursache für Konflikte zwischen Viehhirten und Ackerbauern.

Die Bäuerin Woiri Diarra sitzt im Schatten vor ihrem Haus im Dorf Didiéni in Mali, etwa 170 Kilometer nördlich der Hauptstadt Bamako. Die Erde ist staubtrocken, die Felder liegen brach. Der Blick auf die Natur beunruhigt Diarra. "Diese Trockenheit ist eine Folge des Klimawandels", ist die achtfache Mutter überzeugt. Sie kennt ihr Alter nicht, ist aber wohl Ende 40. "Natürlich macht mir der Klimawandel Angst. Sehr sogar."

Diarra beobachtet seit zwei Jahrzehnten, wie die Natur sich verändert. Das könne sie unter anderem an den Erträgen ihrer Felder ablesen, erzählt sie. Diarra baut auf zwei Hektar Erdnüsse an, auf einem halben Hektar Hirse, und während der Regenzeit Gemüse. Vor 20 Jahren habe sie 15 Sack Erdnüsse geerntet, zuletzt von derselben Fläche nur noch sieben. Das kleine Hirsefeld habe früher drei Sack voll ergeben, jetzt sei es nur noch einer.

Landwirtschaftlich genutztes Feld; Foto: Safiatou Sékou Traoré

Dass die Folgen des Klimawandels in Teilen Malis schon deutlich spürbar sind, bestätigt Hartmut Behrend von der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ), Leiter des IKI-geförderten Projekts zur Unterstützung der Nationalen Strategie zur Anpassung an den Klimawandel in Mali. Die Durchschnittstemperatur hat sich in Mali laut Behrend seit 1960 um knapp ein Grad Celsius erhöht und die gesamte Sahelzone leidet seit Ende der 60er Jahre immer wieder unter schweren Dürreperioden. Der Regen ist ihm zufolge bis Mitte der 80er Jahre um die Hälfte zurückgegangen, ist seitdem zwar wieder angestiegen aber noch lange nicht auf das vorherige Niveau. Außerdem unterliegt er seitdem starken Schwankungen und die Verfügbarkeit von Wasser ist stark rückläufig.

Die Bäuerinnen und Bauern müssen bereits mit den Folgen leben: Wetterextreme treten vermehrt auf. "Die Regenzeiten sind sehr, sehr viel unregelmäßiger, die Starkregen heftiger, die Überschwemmung größer, die Trockenzeiten länger", berichtet Behrend. Die Folge: "Die Bauern werden unsicher, niemand weiß noch, wann er aussäen soll."

Der Klimatologe arbeitet für die Bundeswehr, wurde aber wegen seiner besonderen Expertise an die GIZ ausgeliehen. Behrend beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Zusammenhang zwischen Klimawandel und Sicherheit. Die NATO und die Bundeswehr, die in Mali präsent ist, interessiert die Frage, welche politisch destabilisierenden Auswirkungen Klimaveränderungen haben.

Als GIZ-Experte hat Behrend nun auch den Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und den immer häufigeren blutigen Zusammenstößen zwischen Bauern und Viehhirten in der Sahelzone untersucht. Er sieht darin Ressourcenkonflikte, "die aufgrund der Erhöhung der Temperatur, der geringen Verfügbarkeit von Wasser und des Rückgangs der Nahrungsmittelproduktion entstehen". Denn durch die zunehmende Trockenheit würden die Herden aus den halbtrockenen Regionen des Sahel immer weiter nach Süden getrieben, also in jene Gebiete, in denen Ackerbau möglich ist.

Auch früher lebten Hirten und Bauern dort in manchen Zeiten des Jahres zusammen, aber nach der Ernte. Dann waren die Tiere den Bauern hoch willkommen, denn sie düngten die brach liegenden Felder. Jetzt aber kommen sie schon, wenn die Ernte noch auf den Feldern steht. "Sie fressen also die Vorräte der Bauern weg, und damit sind die Konflikte vorgegeben", sagt Behrend. Denn gleichzeitig gehe die Erntemenge zurück - ebenfalls durch den Klimawandel. Und weil die Temperatur steigt, verdunstet auch viel mehr Wasser in die Luft.

Die Folgen des Klimawandels haben in seinen Augen trotzdem nur einen Anteil von zehn bis zwanzig Prozent am Entstehen der Konflikte zwischen den Volksgruppen. Eine wichtige Rolle spielt auch das starke Bevölkerungswachstum: Als Mali 1960 unabhängig wurde, hatte es vier Millionen Einwohner. Heute sind es rund 18 Millionen. Wüstenbildung und Bodenerosion kommen außerdem als Faktoren dazu.

 Lokale Bauernfamilien erhalten Schafe und Ziegen, um mit ihnen Ernteverluste ausgleichen zu können; Foto: Emile Dakouo/GIZWoiri Diarra versucht in diesem Moment, ein schwarz-weißes Schaf zu packen. Das Tier ist scheu, obwohl die Bäuerin schon seit einigen Monaten seine Besitzerin ist. Sie und sieben weitere Frauen des Dorfes haben von der GIZ je ein Schaf bekommen, damit sie die deutlichen Ernteausfälle ausgleichen können. Jungtiere werden verkauft, wenn Geld dringend benötigt wird. Damit soll u.a. verhindert werden, dass in solchen Notfällen das Geld durch illegalen Holzeinschlag aufgebracht wird. Die Bewohnerinnen und Bewohner von Didiéni kennen Konflikte bisher nur aus den Nachrichten über andere Landesteile. Sie werden heute schon unterstützt, damit es möglichst nicht zum Schlimmsten kommt.

Bei der "Anpassung an den Klimawandel", der sich das Projekt widmet, geht es zu großen Teilen darum, altes Wissen wieder auszugraben. Angepasste Landwirtschaft zum Beispiel: das Anlegen von Feldern im Schatten von Bäumen, damit die Böden weniger ausdörren und der Wind gebrochen wird. Aber auch Erosionsschutz mit Steinwällen, die Verbreitung von klimaneutralen Öfen und ähnlichem mehr.

 Feld umgeben mit Steinen als Erosionsschutz; Foto: Safiatou Sékou Traoré

Und eben die Vergabe von Schafen, um das Einkommen der Bevölkerung zu erhöhen. Diarra ist glücklich über ihr scheues Muttertier. Zwar hat dessen erstes Lamm nicht überlebt, aber Diarra hofft jetzt auf den nächsten Wurf. Den Nachwuchs will sie verkaufen, denn sie braucht Geld: "Ich möchte, dass alle meine Kinder eine gute Schulbildung kriegen." Das ist sicher ein gutes Rüstzeug, um bei künftigen Problemen nicht nur zur Waffe zu greifen.