16.10.2019

Mexiko: Traditionell Kochen mit Stolz

Indigenes Kochbuch aus Mexiko; Bild: Kevin Ferrara, DAI

Indigenes Kochbuch aus Mexiko; Bild: Kevin Ferrara, DAI

In Südmexiko wurden Wörter wie chipilín, chayote, yerba santa und maize (Blattgemüse, Cayote, Santakraut und Mais) früher unweigerlich mit Armut in Verbindung gebracht. Doch das ändert sich gerade: Denn bei 200 Frauen aus dem Dorf Cárdenas im Bundesstaat Chiapas rufen diese Wörter jetzt Stolz hervor.

Es handelt sich dabei um in Südmexiko einheimische Früchte und Kräuter, die früher ein wichtiger Bestandteil der traditionellen Ernährung in der kleinen Bauernsiedlung waren. Im Laufe der Zeit haben die traditionellen Lebensmittel an Beliebtheit eingebüßt, bis sie nur noch in Hinterhöfen angebaut wurden und als Sinnbild für die Ernährung armer Leute galten, die sich keine anderen Lebensmittel leisten können. Doch ein indigenes Kochbuch hat die Einstellung der Frauen zu ihren Traditionen verändert und dazu geführt, dass sie diese jetzt ganz anders wahrnehmen und bewahren.

„Ich bin 93 Jahre alt. Als ich mein Rezept weitergeben konnte, war dies das Schönste, das mir je passiert ist.“ - Consuelo Santos Cruz

Consuelo Santos Cruz, eine der erfahrensten Frauen von Cardenas, wurde von der Dorfgemeinschaft auserkoren, um die Gemeinde bei der "Mission Kochbuch" zu repräsentieren; Foto: Kevin Ferrara, DAIDas Kochbuch mit dem Titel „Recetario Colonia Agrícola General Lázaro Cárdenas“ (Rezeptbuch der Bauernsiedlung General Lázaro Cárdenas) wurde Anfang 2019 produziert und enthält 48 Rezepte, von denen je eines von einer Dorfbewohnerin beigesteuert wurde. Es ist das erste Kochbuch seiner Art, das von und für die Bauernsiedlung erstellt wurde, und hat mehrere Funktionen.

So ist das Kochbuch eine Ressource, die traditionelle und ortstypische Kochmethoden, Zutaten und Rezepte verbreitet, die schon seit Generationen in den Familien bekannt waren, aber nicht an die jüngere Generation weitergegeben wurden. Gleichzeitig verkörpert das Werk den Stolz der Menschen auf das eigene kulturelle Erbe, da bei jedem Rezept die jeweilige Verfasserin sowie die einheimischen Zutaten aufgeführt werden. Außerdem bietet das Kochbuch mit seinen traditionellen Rezepten anschauliche Beispiele und fördert damit die Verbreitung von agrarökologischen Prinzipien, die verstärkte Nutzung von einheimischem Saatgut sowie den Dialog zwischen den Kleinbäuerinnen und Kleinbauern über die Anwendung von nachhaltigen landwirtschaftlichen Methoden.

„Blattgemüse-Mole hat in unserem Dort Tradition. Ich war stolz darauf, mein Rezept in diesem Kochbuch wiederzufinden. Ich fühlte mich wie ein professioneller Koch.“ - Aurora Gálvez Cruz

Das Kochbuch wurde von dem gemeinnützigen Verein Desarollo Alternativo e Investigación A.C. (DAI) verfasst. DAI hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Lebensbedingungen der indigenen und der nichtindigenen Bevölkerung im Bundesstaat Chiapas durch eine Diversifizierung der Anbaukulturen zu verbessern. Zu diesem Zweck fördert DAI das traditionelle Anbausystem Milpa, bei dem Mischkulturen aus Mais, Bohnen und Kürbis angebaut werden. Das traditionelle Wissen soll verstärkt dazu genutzt werden, um die ländliche Entwicklung, die Geschlechtergerechtigkeit, den Schutz der Biodiversität sowie eine nachhaltige Bewirtschaftung von Agrarökosystemen zu fördern.

Kevin Ferrara, geschäftsführender Direktor von DAI, wurde im Rahmen des von der NRO Rare ausgerichteten Wettbewerbs 2017 Solution Search: Farming for Biodiversity mit dem Food Security & Nutrition Impact Award ausgezeichnet und ermutigt die Bäuerinnen und Bauern von Cárdenas dazu, in ihren Hinterhöfen die Milpa-Produktion auszubauen. Dadurch können die Bäuerinnen und Bauern das Familieneinkommen steigern und die Ernährungssicherheit und Ernährungssouveränität für Cárdenas und andere Bauernsiedlungen in Chiapas verbessern. DAI wiederum hofft, dass die Einwohnerinnen und Einwohner von Cárdenas verstärkt agrarökologische Prinzipien anwenden, auf einheimisches Saatgut umsteigen und traditionelle Anbaumethoden wiederbeleben, denn der Verein ist davon überzeugt, dass die Dorfbewohnerinnen und -bewohner damit erfolgreicher wirtschaften können.

„Den Kleinbäuerinnen und Kleinbauern steht oft nur ein Hektar Land zur Verfügung, um den Bedarf ihres Haushalts zu decken und dafür geeignete Strategien zu entwickeln. Die lokalen und traditionellen Wissenssysteme wie die Hinterhofproduktion bergen ein enormes Potenzial, mit dem wir diese Herausforderungen bewältigen können.“

Eine Bewohnerin des Orts Chamula kocht mit lokalen Produkten; Foto: Rare

Lokale und indigene Wissenssysteme bieten eine tragfähige Grundlage für eine ortsgerechte nachhaltige Entwicklung. Die Nutzung von traditionellem Wissen in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft kann dazu beitragen, die örtliche Lebensmittelversorgung und die Lebensgrundlagen in Dörfern wie Cárdenas du verbessern. Sowohl von der Welternährungsorganisation als auch im IPBES Global Assessment Report 2019 über Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen wird betont, dass indigene Gemeinschaften von zentraler Bedeutung für den Schutz der Biodiversität, die Verbesserung der Ernährungssicherheit, die Bekämpfung von Armut und Hunger sowie die Förderung von nachhaltigen Methoden in der Landwirtschaft sind. Die Agrarökologie selbst trägt unmittelbar zu einigen der wichtigsten Ziele für nachhaltige Entwicklung bei.

Der Solution Search Award hat Teilnehmer wie DAI zur Entwicklung von vielversprechenden Lösungen veranlasst, die durch die Berücksichtigung von Erkenntnissen über menschliche Verhaltensmuster sowie Schulungen zur Durchführung von Kampagnen für den Schutz der Biodiversität noch wirksamer gestaltet werden konnten. Dabei haben die Mitglieder von DAI gelernt, wie man eine effektive Sozialmarketing-Kampagne entwickelt und erfolgreich umsetzt, und Ferrara wurde klar, dass es zur Erreichung der Ziele von DAI nicht ausreicht, die Bäuerinnen und Bauern über die Nutzung von einheimischen Kulturen, agrarökologischen Prinzipien und einheimischem Saatgut aufzuklären. Wichtig ist vielmehr, dass die Initiatoren des Wandels zunächst die vorhandenen Barrieren und Motivationen verstehen, um die Haushalte auf dieser Grundlage bei der Einführung von resilienten Saatgutsystemen zu unterstützen.

Gerüstet mit diesen neuen Erkenntnissen hat Ferrara eine Kampagne ins Leben gerufen, mit der er dafür sorgen will, dass die Bäuerinnen und Bauern von Cárdenas stolz auf ihr einheimisches Saatgut und die in ihren Hinterhöfen angebauten Kulturpflanzen sind. Gleichzeitig zielt die Kampagne darauf, die Rolle der Frauen als Bewahrerinnen des traditionellen Saatguts zu stärken. DAI hat inzwischen 65 Kochbücher für die Gemeinschaft gedruckt und aus San Cristobal de las Casas, einer der größten Städte von Chiapas, Anfragen zur Veröffentlichung und Verbreitung des Kochbuchs erhalten. Die Frauen planen bereits ein zweites Kochbuch mit weiteren Rezepten.

Alle Teilnehmenden der Kampagne; Foto: Kevin Ferrara, DAI

Nachdem Ferrara gesehen hat, wie stolz die Menschen dank des Kochbuchs auf die indigene Landwirtschaft sind, möchte er auch die künftigen Kampagnen von DAI darauf ausrichten, den Stolz der Menschen zu wecken und die heimische Nachfrage nach traditionellem Saatgut und landwirtschaftlichen Techniken in ganz Mexiko zu fördern. DAI führt in vier weiteren Gemeinden Kampagnen durch, arbeitet mit 634 landwirtschaftlichen Haushalten in den Bereichen Agrarökologie und Saatgutverbreitung und schult Jugendliche und junge Erwachsene in der Führung eines bäuerlichen Haushalts.


Publikationen

Indigenes Kochbuch mit traditionellen mexikanischen Gerichten (Spanisch)

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