24.11.2020

„NACAG will weltweit gleiche Voraussetzungen schaffen“

Salpetersäure-Fabrik

Bei der Produktion von Salpetersäure entsteht das hochwirksame und klimaschädliche Lachgas. Foto: KfW-Bildarchiv / Charlie Fawell

Lachgas ist ein extrem klimaschädliches Gas. Zum Vergleich: Es ist über 250 Mal klimawirksamer als CO2. Lachgas entsteht vorranging bei der Produktion von Salpetersäure. Um die Lachgasemissionen dort weltweit zu senken, setzt sich das Klimabündnis Salpetersäure (NACAG) für den Einsatz von technische Lösungen ein. Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU), im Interview über die Ziele des NACAG, bisher erreichte Ergebnisse und die Übertragbarkeit des Ansatzes auf andere Sektoren.

Herr Flashbarth, könnten Sie bitte die Gründe erklären, warum das NACAG ins Leben gerufen wurde und in welchem Zusammenhang es zum Pariser Klimaschutzabkommen steht?   

Das Pariser Klimaschutzabkommen markiert einen bedeutenden Paradigmenwechsel in der internationalen Klimaschutzpolitik. Zum ersten Mal haben sich alle Mitgliedstaaten dazu verpflichtet, ihre eigenen Emissionsziele festzulegen und diese regelmäßig zu überprüfen, um ambitioniertere Ziele zu erreichen. Mit dem Klimaaktionsbündnis Salpetersäure (NACAG) hat das BMU eine Initiative ins Leben gerufen, die dem Geist des Paris-Abkommens folgt, und den Entwicklungsländern eine Finanzierung ihrer Klimaschutzmaßnahmen und technische Unterstützung anbietet, um das kosteneffiziente Minderungspotenzial auf dem Sektor Salpetersäure zu realisieren. Das Aktionsbündnis trägt daher dazu bei, die Ambitionen der Partnerländer zu verstärken, weil es sie dazu ermutigt, den Salpetersäure-Sektor in ihre national bestimmten Klimaschutzbeiträge (NDC) zum Pariser KlimaschutzaAbkommen miteinzubeziehen. Ein wesentliches Element des NACAG ist, dass sich die Partnerländer dazu verpflichten müssen, dafür zu sorgen, dass die Emissionen aus diesem Sektor dauerhaft verringert werden. Das NACAG gewährt nur den Ländern eine finanzielle Unterstützung, die diese Verpflichtung eingegangen sind.

Warum nimmt die Initiative den Salpetersäure-Sektor weltweit ins Visier?

Die Absicht war, einen Sektor auszuwählen, in dem die Emissionsminderung besonders kosteneffizient ist und für den weithin bewährte Minderungstechnologien zur Verfügung stehen. Das globale Minderungspotenzial in diesem Sektor ist beträchtlich, da Lachgas – Distickstoffoxid (N2O) – im ein globales Erwärmungspotenzial aufweist, das 265 Mal höher ist als das von CO2, und die Emissionen aus der Produktion von Salpetersäure in einigen Ländern einen beträchtlichen Anteil der gesamten nationalen Emissionen ausmachen. Daher kann dieser Sektor zur Verwirklichung der Ziele des Paris-Abkommens nicht vernachlässigt werden. Das NACAG setzt sich dafür ein, dass das Potenzial zur Minderung in den nationalen Strategien frühzeitig erreicht, die Ambitionen verstärkt und die NDCs aktualisiert werden.

Im Rahmen des Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung (CDM) wurde Anlagenbetreibern ein Anreiz gewährt, um ihre Emissionen zu verringern und die daraus resultierenden Emissionsreduktionen zu monetarisieren. Als dann jedoch der Preis für diese Emissions-Guthaben fiel, stellten wir fest, dass die Minderungsmaßnahmen in einigen Ländern eingestellt wurden, und dass viele Anlagenbetreiber die technischen Vorrichtungen wieder abbauten, um Wartungskosten einzusparen, was zu einem Anstieg der Emissionen führte. Mit dem NACAG wollen wir diese Minderungsmaßnahmen auf globaler Ebene wiederbeleben. Wir möchten auch einen Anreiz für die Anlagenbetreiber schaffen, die im Rahmen des CDM nicht aktiv waren, damit sie beginnen, diese Emissionen in Angriff zu nehmen. Damit wollen wir auch die Regierungen dazu ermutigen, die Emissionen auf nationaler Ebene zu regulieren und in die NDC aufzunehmen. Das NACAG kann daher als ein Beispiel dafür dienen, wie Minderungsmaßnahmen, die zuvor im Rahmen des CDM durchgeführt wurden, in die NDC der jeweiligen Länder übertragen und somit Teil einer langfristig nachhaltigen Lösung werden können. 

Worin bestehen die innovativen Aspekte und was machte diesen Anreiz so einzigartig, als er anlässlich der UN-Klimakonferenz in Paris vorgestellt wurde?

Um die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens zu erreichen, muss jede neue Initiative einen starken Umsetzungscharakter haben, der zu messbaren Ergebnissen führt. Der Aufbau von Ressourcen und Kompetenzen sowie der Technologie- und Wissenstransfer sind allerdings auch wichtige Faktoren. Die NACAG-Initiative verbindet all diese Faktoren, um ihre Vision und Ziele zu realisieren.

Innovativ war, den Unternehmen auf der Grundlage von Zuschüssen, die eine langfristige politische Verpflichtung voraussetzen, Finanzmittel für den Erwerb von technischer Ausrüstung für die Minderung von Emissionen und deren Überwachung bereitzustellen. Die Initiative bietet im Rahmen des Programms des Klimaaktionsbündnisses auch eine markt- und ergebnisorientierte Finanzierungsoption an. Das Ziel des NACAG ist es, dass alle Salpetersäure-Anlagen weltweit mit einer wirksamen Technologie zur Vermeidung von N2O arbeiten, um so zur globalen Umgestaltung dieses Industriesektors beizutragen und weltweit gleiche Voraussetzungen zu schaffen.

Aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht gibt es für die Anlagenbetreiber keinen Anreiz, die N2O-Emissionen aus der Salpetersäureproduktion zu verringern. Wie kann sichergestellt werden, dass die über das NACAG erzielten Emissionsreduktionen dauerhaft sind?

Das NACAG verknüpft die direkte finanzielle Unterstützung mit der langfristigen politischen Verpflichtung der Partnerländer zur Verringerung der Treibhausgase in diesem Sektor. Das wesentliche Kriterium für den Zugang zur finanziellen Unterstützung durch das NACAG ist, dass die Länder, in denen sich die unterstützten Salpetersäure-Anlagen befinden, bestätigen müssen, dass sie geeignete Maßnahmen durchführen werden. Diese Bestätigung soll sicherstellen, dass die Aktivitäten zur Emissionsreduzierung auch nach dem Ende der Unterstützung durch die Initiative fortgesetzt werden. Dies kann z. B. durch marktorientierte Ansätze, wie ein in der Europäischen Union funktionierendes Emissionshandelssystem, aber auch durch direkte Regulierung über Emissionsbegrenzungen erreicht werden. Wir sehen, dass in einer Vielzahl von Ländern unterschiedliche Ansätze evaluiert und umgesetzt werden. Wir unterstützen die Partnerregierungen bei der Gestaltung von Instrumenten zur Messung der N2O-Emissionen und zur Regulierung ihrer Verringerung sowie bei der Frage, wie der Salpetersäure-Sektor in die NDC der Länder einbezogen werden kann.

Wie reagieren die Regierungen und die Industrie auf das Angebot des NACAG?

Seit der Gründung des NACAG im Jahr 2015 gab es Gespräche mit etwa 30 Ländern, insbesondere mit denjenigen, die Salpetersäure produzieren und Anspruch auf öffentliche Entwicklungshilfe haben. Bislang haben sich dreizehn Länder durch Unterzeichnung einer Unterstützungserklärung dem Aktionsbündnis angeschlossen.

Jochen FlasbarthWährend der gesamten Arbeit im NACAG haben wir sowohl von der Industrie als auch von den Regierungen vieler Länder positive Signale erhalten. Die Regierungen verstehen und nehmen die Gelegenheit wahr, das Angebot des NACAG zu nutzen, um ihre Ambitionen im Rahmen des aktuellen Prozesses zur Überprüfung der NDC zu verstärken, und die Hersteller von Salpetersäure begrüßen meist das Angebot zur technischen und finanziellen Unterstützung. Mehrere Anlagenbetreiber haben sich proaktiv an das NACAG gewandt, um sich an Maßnahmen zur Verringerung von Emissionen zu beteiligen. Wir werden auch regelmäßig dazu eingeladen, auf wichtigen Industrieveranstaltungen über das NACAG zu sprechen. Dies sind Anzeichen dafür, dass sich die Industrieunternehmen zunehmend ihrer Verantwortung und der Bedeutung der Bekämpfung des Klimawandels bewusst sind.

Könnten Sie uns etwas mehr darüber erzählen, wie das NACAG arbeitet und was bisher erreicht wurde?

Meiner Meinung nach ist ein entscheidender Erfolgsfaktor der kontinuierliche Dialog mit allen Interessengruppen, insbesondere Partnerregierungen und Anlagenbetreibern. Das NACAG stellt nicht nur finanzielle Mittel zur Verfügung, sondern berät seine Partner auch auf technischer Ebene. Unser Ziel ist es, die Partnerländer während des gesamten Prozesses der nachhaltigen Umgestaltung des Salpetersäure-Sektors zu unterstützen.

Wir haben mehr als 30 Workshops durchgeführt, zahlreiche technische Machbarkeitsstudien auf Anlagenebene durchgeführt und die Partnerländer durch länderspezifische Studien über geeignete politische Instrumente beraten. In einigen Ländern, z. B. Tunesien und Simbabwe, befinden wir uns in der Endphase einer Zuschussvereinbarung für die Umsetzung von Maßnahmen zur Verringerung von N2O, und andere Länder wie Mexiko und Georgien sind auf dem Weg zum gleichen Ziel gut vorangekommen.

Das NACAG startete als eine Pilotinitiative im Salpetersäure-Sektor. Würden Sie sagen, dass der Ansatz des NACAG für andere Sektoren reproduziert werden könnte? Wenn ja, welche Sektoren könnten das sein?

Ich möchte betonen, dass der Salpetersäure-Sektor ausgewählt wurde, weil er sich aufgrund mehrerer Merkmale besonders gut für einen Ansatz im Rahmen eines globalen Aktionsbündnisses wie dem NACAG eignet. Die Hauptaspekte sind, dass hier bewährte Minderungstechnologien leicht verfügbar und leicht zu installieren sind, was zu einem hohen Ertrag an Emissionsreduktionen pro Einzelmaßnahme bei vergleichsweise niedrigen Minderungskosten pro Tonne CO2-Äquivalent führt. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die begrenzte Anzahl der beteiligten Akteure, die eine individuelle technische Beratung und finanzielle Unterstützung ermöglicht.

Der NACAG-Ansatz kombiniert finanzielle und technologische Unterstützung mit einem langfristigen Engagement der beteiligten Länder. Auch wenn es schwierig sein mag, einen so eigenständigen Aufbau wie den Salpetersäure-Sektor in einem anderen Industriezweig zu finden, kann der NACAG-Ansatz oder ein sehr ähnlicher Ansatz im Allgemeinen auf alle Sektoren angewandt werden, die diese Merkmale ebenfalls erfüllen oder diesen nahekommen. Ein Beispiel wären möglicherweise Anlagen zur Produktion von Caprolactam, die, wie Salpetersäureanlagen, N2O als Nebenprodukt erzeugen und in denen die gleichen Minderungstechnologien angewandt werden könnten. Ein ähnlicher Ansatz könnte auch in großen kommunalen Deponien mit schlechten oder nicht vorhandenen Abfallentsorgungssystemen und hohem Methangehalt angewandt werden.

Dieses Interview wurde zuerst im Carbon Mechanisms Review veröffentlicht.


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