19.06.2020

Nachhaltige Mobilität für Indien

Blick von oben auf eine Kreuzung in Pune.

In der indischen Stadt Pune bekommen Fußgänger und Radfahrer mehr Raum auf den Straßen. Foto: ITDP

Weltweit ziehen immer mehr Menschen in die Städte. Mit zunehmender Bevölkerung wachsen auch die Herausforderungen für eine nachhaltige Gestaltung des Verkehrssektors. Die Nichtregierungsorganisation Institute for Transportation and Development Policy (ITDP) engagiert sich weltweit für eine nachhaltige, gerechte und inklusive Verkehrs- und Stadtentwicklung. Mit ihrer Arbeit trägt die NGO nicht nur zu Umwelt- und Klimaschutz, sondern auch zu einer höheren Lebensqualität in den Städten bei. Mit der Architektin und Stadtplanerin Aswathy Dilip, die das ITDP-Programm Complete Streets in Indien leitet, haben wir darüber gesprochen, wie die Arbeit von ITDP in der Praxis funktioniert - und welche Vorteile Complete Streets selbst in Zeiten der COVID-19-Pandemie bietet.

Wie könnte in zehn bis 15 Jahren nachhaltige Mobilität in indischen Städten aussehen?

Aswathy Dilip: Wenn ich an die Zukunft denke, sehe ich Städte voller Leben: Kinder, die auf breiten und sicheren Bürgersteigen spielen, Frauen, die selbstbewusst die vorhandenen Möglichkeiten nutzen, weil sie bequem zu Fuß gehen können, Fahrradfahren in Mode ist und die Busse zuverlässig verkehren. Außerdem können behinderte Menschen ohne Probleme den öffentlichen Nahverkehr nutzen und sind dadurch gut in die Gesellschaft integriert.

Und wie sieht die Gegenwart in indischen Städten aus?

Indische Städte sehen auf dem Papier fantastisch aus: Im Durchschnitt sind zwei Drittel der Stadtbevölkerung zu Fuß, mit dem Fahrrad und in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, der Rest benutzt private Kraftfahrzeuge. In Wirklichkeit ist es jedoch um keine dieser Mobilitätslösungen so gut bestellt, wie die Zahlen suggerieren: So gibt es beispielsweise zu wenige Fuß- und Radwege, und die öffentlichen Verkehrsmittel sind überfüllt, unzuverlässig und unterfinanziert. Da die Infrastruktur für private Kraftfahrzeuge massiv ausgebaut wird, kaufen die Menschen immer mehr Autos. In der Folge verschwinden die Parks aus unseren Städten, weil das Parken auf oder neben der Straße höchste Priorität hat. Indische Städte wie Delhi und Mumbai gehören daher international zu den Städten mit der größten Umweltverschmutzung und den meisten Staus. Am stärksten davon betroffen sind diejenigen, die am wenigsten dazu beitragen – die zwei Drittel, die zu Fuß gehen, Rad fahren oder öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Das muss sich ändern!

Hier kommen die Arbeit von ITDP und "Complete Streets" ins Spiel.

Aswhaty Dilip leitet das ITDP-Programm Complete Streets in Indien. Foto: ZUGJa, ITDP will die bestehenden Ungleichgewichte abbauen. Wir unterstützen die Städte dabei, bessere Straßen mit Fuß- und Radwegen sowie sichere, moderne, effiziente und gut miteinander vernetzte öffentliche Verkehrssysteme zu bauen, die für alle Menschen zugänglich sind. Außerdem fördern wir die Planung von inklusiven Stadtvierteln mit Mischnutzung und setzen uns für strenge Maßnahmen ein, die von der Nutzung privater Kraftfahrzeuge abschrecken. Unser Programm Complete Streets konzentriert sich auf den Bau von Straßen, die mit Rad- und Fußwegen ausgestattet sind und allen Nutzern einen Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln bieten.

Wie fügt sich Ihre Arbeit in die Smart Cities Mission der indischen Regierung ein?

Die nationale Smart Cities Mission, die vor fünf Jahren ins Leben gerufen wurde, ermutigt 100 ausgewählte Städte dazu, Fußgänger und Radfahrer zu fördern. Im Rahmen der von der IKI unterstützten Initiative für nachhaltige Mobilität in Indien hat das ITDP India Programm ein Complete Streets Framework Toolkit erstellt. Dieser Werkzeugkasten umfasst für alle Städte Anleitungen für die Konzeption, Planung, Gestaltung, Umsetzung und das Monitoring von lebendigen Straßen, die eine hohe Lebensqualität bieten. Im Jahr 2019 hat die Smart Cities Mission das Toolkit übernommen und gab damit jeder Stadt nicht nur eine Vision, sondern auch einen Leitfaden für den Bau von besseren Straßen und besseren Städten an die Hand. Zurzeit arbeiten wir mit der Smart Cities Mission an der Webinarreihe „Urbanlogue“, mit der wir die Mitarbeiter im öffentlichen Dienst dazu befähigen, COVID-19-sichere Transportlösungen für das ganze Land zu entwickeln.

Best Practice spielen eine große Rolle – wie verändern sich die indischen Städte? Ist der Wandel bereits auf den Straßen sichtbar?

Die Städte Chennai und Pune zum Beispiel haben rund 200 Straßenkilometer neu gestaltet und wollen die Modernisierung im nächsten Jahr fortführen. Im vergangenen Jahr hat Chennai mit dem Pondy Bazaar ein Kultur- und Einkaufszentrums der Stadt neu gestaltet und mehr als 50 Prozent des Straßenraums für Fußgänger, Radfahrer und andere aktive Fortbewegungsarten reserviert. Dadurch hat das Projekt einen Ort mit hoher Verkehrsbelastung zu einem pulsierenden Zentrum gemacht - und Öffentlichkeit und Politik für die Einrichtung von Fußgängerzonen gewonnen. Chennai plant nun, weitere 800 Straßenkilometer in der ganzen Stadt umzugestalten und hat den Bundesstaat Tamil Nadu dazu gebracht, die Complete Streets-Initiative auf zehn weitere Städte auszuweiten.

Entspannt unterwegs in Pune. Foto: ITDP

Was bedeutet nachhaltige Mobilität in Zeiten von COVID-19?

All diese Initiativen stärken auch die Resilienz von Pune und Chennai gegenüber Krisen wie der COVID-19-Pandemie. So hat Complete Streets in Pune dazu geführt, dass die Stadt über eines der besten Radwegenetze des Landes verfügt. Dadurch haben die Einwohner die Möglichkeit, das Rad als sicheres und nachhaltiges Verkehrsmittel zu nutzen. Trotz der Lockerungen bleiben die Abstandsgebote bestehen. Doch dank Complete Streets haben die Menschen in Bereichen wie der Fußgängerzone des Pondy-Basars ausreichend Platz, um Abstand zu halten.

Wie tragen Sie zur Umgestaltung des öffentlichen Nahverkehrs in den Städten bei?

Wenn die Städte die Vision einer nachhaltigen Stadt entwickeln, überzeugen wir die Verantwortlichen davon, dass die Fortbewegung zu Fuß, das Radfahren und der öffentliche Nahverkehr zusammengedacht werden müssen. Pune zum Beispiel plant, seine Fahrzeugflotte zu verdoppeln und setzt auf Elektrobusse. Durch die COVID-19-Krise sind die Fahrgastzahlen von Bus- und U-Bahnbetreibern allerdings stark zurückgegangen, was die ohnehin bestehenden finanziellen Probleme der Betreiber noch verschärft hat. In Zukunft werden wir mit unserer Arbeit entscheidend dazu beitragen müssen, dass sich der öffentliche Nahverkehr von den Folgen des Lockdowns erholt und von den Behörden des Bundesstaats und der Stadt ausreichend unterstützt und finanziert wird.

An welchen Aufgaben und Herausforderungen für die nachhaltige Mobilität in indischen Städten arbeiten Sie derzeit?

COVID-19 wird unserer Städte dauerhaft verändern. Der Lockdown hat die schwächsten Bevölkerungsgruppen am stärksten getroffen, und das wird auch so bleiben, wenn die drohende Rezession einsetzt. Die Mobilität zu Fuß, das Fahrrad und öffentliche Verkehrsmittel werden eine wichtige Rolle spielen, um am Leben teilzunehmen. Nach der Aufhebung des Lockdowns werden die Menschen den öffentlichen Nahverkehr nur zögerlich nutzen. Ein voll funktionsfähiger öffentlicher Nahverkehr ist aber wichtig und muss von der Regierung finanziell gefördert werden. Nicht nur in Indien, sondern auch in allen anderen Teilen der Welt geht der Trend in Richtung Fahrrad, aber es gibt kaum Radwege im Land. Das muss sich ändern. Die Furcht vor einer Ansteckung in überfüllten Bussen und Bahnen könnte auch dazu führen, dass die Menschen verstärkt das eigene Auto nutzen. Eine solche Entwicklung würde die Fortschritte auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit zunichtemachen. Wir müssen vor allem langfristig denken, aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und resiliente Städte mit geringer Belastung durch Umweltverschmutzung und Staus bauen, die allen Einwohnern gerecht werden.