05.03.2021

Nachhaltiger Neustart für Städte

Lima

Lima möchte die Chancen, die sich aus der COVID-19-Pandemie ergeben, für einen nachhaltigen Neustart nutzen. Foto iStock / atosan

Die COVID-19-Pandemie hat ernüchternde Auswirkungen auf die Metropolen der Welt.

Wir leben heute in Zeiten einer Pandemie, verursacht durch ein lautloses und aggressives Virus, das sogar tödlich sein kann und unser Leben verändert hat. In diesen Zeiten ist das beste Rezept, das Konzept unserer Städte sowie ganz allgemein unsere Verhaltensweisen zu überdenken, und uns an diese neue Koexistenz, die uns COVID-19 wohl noch für einige Zeit aufzwingen wird, anzupassen.

Wir stehen vor ernsthaften Problemen, aber auch vor großen Herausforderungen, die allesamt so noch nie dagewesen sind. Die aktuellen Zahlen und Bedingungen für die Menschen, die Wirtschaft, das Regierungsmanagement auf allen Ebenen und die Gesellschaft im Allgemeinen verändern sich kontinuierlich – hin zu Szenarien, die noch vor fünf Monaten undenkbar gewesen wären.

Die Weltbank schätzt, dass die Weltwirtschaft 2020 trotz historisch hoher Ausgaben durch nationale Regierungen um 5,2 Prozent geschrumpft ist. Städte machen 80 Prozent des globalen BIP aus, was bedeutet, dass sie die Hauptlast dieses Verlusts tragen werden.

Ein weiterer, nicht weniger wichtiger Faktor dieser neuen Koexistenz – wie wir dieses Stadium der Pandemie in Peru auch nennen – ist die Qualität der Luft, die wir atmen und der Zusammenhang zum Virus. Laut der Weltgesundheitsorganisation sind mehr als 80 Prozent der in Ballungszentren lebenden Menschen schädlicher Luftverschmutzung ausgesetzt, ein Faktor, der mit einem höheren Risiko für Komplikationen und Tod durch COVID-19 in Verbindung gebracht wird.

Die Städte der Zukunft

Abgesehen von den Herausforderungen, vor denen wir nicht nur im Umgang mit den Problemen der öffentlichen Gesundheit, sondern auch unserer eigenen wirtschaftlichen Situation stehen, hat uns COVID-19 gelehrt, die Verzweiflung und die Nöte hinter den massiven Infektionen und Todesfällen zu sehen.

In dieser langen Phase der Beschränkungen waren wir imstande, frische Luft zu atmen und an der Küste von Lima die Rückkehr von Meerestieren und Vögeln zu beobachten, und dies ist kein Einzelfall. Diese zerstörerische Pandemie bot uns allen Widrigkeiten zum Trotz einen beispiellosen Moment, um etwas gemeinsam wiederaufzubauen und uns vorzustellen, wie Städte in Zukunft aussehen sollten.

Mit Blick auf die Zukunft liefern uns die Auswirkungen der Pandemie eine Blaupause, wie wir uns sowohl gegen zukünftige Notfälle im Bereich der öffentlichen Gesundheit wappnen, als auch unsere Stadtbevölkerung vor den schlimmsten Folgen des Klimawandels schützen können. Aus dieser Perspektive heraus können wir über den ernüchternden Eindruck, den COVID-19 hinterlässt, Einsichten in die gemeinsamen Herausforderungen gewinnen, vor denen die Bürgermeister großer Städte weltweit stehen, und wie unsere Prioritäten auf der Nord- und Südhalbkugel voneinander abweichen.

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Führende Wirtschaftswissenschaftler sind sich einig, dass ein emissionsarmer, nachhaltiger Wiederaufschwung nicht nur dazu beiträgt, den Klimawandel zu bekämpfen, sondern auch hilft, zukünftig die bestmöglichen wirtschaftlichen Ergebnisse zu erzielen. Daher müssen wir diese Gelegenheit ergreifen, um die enormen wirtschaftlichen Folgen der Pandemie anzugehen und die notwendigen Schritte zu treffen, um die Nachwirkungen auf die Gesundheit von Familien und Gemeinden in den kommenden Jahren zu mildern.

Nachhaltiger Neustart in Städten

Mit einem umfassenden Ansatz als Reaktion auf die Klimakrise können Städte aller Größenordnungen als Wirtschaftsmotoren fungieren, um die nationale wirtschaftliche Erholung anzukurbeln. Nationale Regierungen müssen neue Horizonte für Investitionen schaffen und einen nachhaltigen Neustart in den Städten anstreben.

In Europa haben die Städte beispielsweise Maßnahmen ergriffen, um den öffentlichen Raum für mehr Aktivitäten im Freien zu erweitern, was zu weniger Verkehr und Luftverschmutzung führt. Städte richten spezielle Radwege ein, die sowohl der Bewegung als auch einem sicheren Transport dienen.

In Peru haben die Auswirkungen von COVID-19 die Defizite und Ungleichheiten offensichtlich gemacht, die keineswegs neu sind, sondern schon seit Jahren oder Jahrzehnten bestehen. Die Pandemie hat uns auch enorme strukturelle Probleme vor Augen geführt, die wir nach der großen Erschütterung, die sie verursacht hat, angehen müssen, um sie innerhalb festgelegter Zeiträume angemessen zu lösen.

Eines dieser Probleme, das in vielen unserer Gesellschaften sichtbarste, ist die Informalität in all ihren Erscheinungsformen. 70 Prozent der Menschen arbeiten in informellen Beschäftigungsverhältnissen, das heißt in nicht gesetzlich geregelten Arbeitsverhältnissen. Dieser Umstand war im Verlauf der Pandemie ein Nachteil, weil beispielsweise eine korrekte Verteilung der von der nationalen Regierung gewährten finanziellen Unterstützungen behindert wurde.

In Lima, der Hauptstadt von Peru, leben rund 10 Millionen Menschen, die zusammen ein Drittel der Gesamtbevölkerung des Landes repräsentieren. Wie die übrigen Regionen Perus war sie eine lange Zeit – mehr als vier Monate – unter Beschränkungen oder Quarantäne. Im Mai vergangenen Jahres begann jedoch der Prozess zur Wiederaufnahme der normalen Aktivitäten im Rahmen des wirtschaftlichen Reaktivierungsplans der nationalen Regierung. Dieser Plan umfasst vier Phasen und wir befinden uns zurzeit in der vorletzten Phase. Parallel dazu setzen wir unseren Kampf gegen das Virus, der noch lange nicht vorbei ist, fort.

Nach der Ausrufung des nationalen Notstands im Land infolge der COVID-19-Pandemie hat sich die Stadtverwaltung von Lima aktiv an der Eindämmung der Pandemie beteiligt: Sie gewährleistet inmitten der Krise die wichtigsten Dienstleistungen der Stadt – öffentlicher Verkehr, Sicherheit der Bürger, Müllabfuhr, Reinigung und Desinfektion sowie Inspektionen – und setzt sich so mit der nationalen Regierung für das Wohlergehen der Bürger ein, um sie von der Gefahr einer Ansteckung mit dem Virus zu schützen. Die Herausforderungen und Schwierigkeiten dauern an und wir haben uns den Umständen angepasst.

Grüne Vision für Lima

Der nachhaltige Neustart für Lima konzentriert sich auf Beispiele, wie man diese Dienstleistungen näher an die verwundbarsten und am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen bringen kann – mit der Vision einer grünen, prosperierenden und gerechten Stadt für alle. Mit der Schaffung von 46 Kilometern neu entstehender Fahrradwege verbindet die Stadtverwaltung die Vision einer nachhaltigen Infrastruktur mit der Möglichkeit, die Verbreitung von COVID-19 zu stoppen.

Wir machen weiterhin Fortschritte in Richtung unseres Ziels, am Ende unserer vierjährigen Amtszeit, die im Jahr 2022 endet, zwei Millionen Bäume gepflanzt zu haben. So wollen wir die Grünflächen zur Verbesserung der Umwelt und der Gesundheit unserer Bevölkerung vergrößern, was vor dem aktuellen Hintergrund dringend notwendig ist.

Lima gehört zu den über 10.000 Städten aus verschiedenen Teilen der Welt, die den Globalen Bürgermeisterpakt für Klima und Energie bilden. Wir sind vereint in dem Bestreben, mit nationalen Regierungen und internationalen Institutionen zusammenzuarbeiten, um sowohl die globale wirtschaftliche Krise als auch die Klimakrise durch lokale Zusagen zum Klimaschutz, innovativen Finanzierungsmodellen und einem Schwerpunkt auf nachhaltigen Infrastrukturen zu lösen.

Wir stehen vor der großen Chance, wirtschaftliches Wachstum in Einklang mit nachhaltiger Entwicklung zu schaffen. Deshalb werden wir uns dafür einsetzen, die Investitionslücke zu schließen, um klimafreundliche städtische Infrastrukturprojekte zu finanzieren – Investitionen, die nicht nur den Klimawandel bekämpfen, sondern auch die Widerstandsfähigkeit, Lebensqualität und Gesundheit unserer Städte erhöhen, jetzt und in den nächsten Jahren.

Wir befinden uns mitten im Kampf gegen die Pandemie, aber das hindert uns nicht daran, gestärkt und mit dem Geist und der Entschlossenheit, zu unseren wichtigsten Zielen zurückzukehren und in die Zukunft zu blicken.

Jorge Muñoz Wells ist Bürgermeister von Lima, Peru.

Dieser Blog ist Teil einer speziellen Serie über Städte und Klimawandel und wurde zuerst von der Weltbank veröffentlicht. Die geäußerten Ansichten und Meinungen sind die der Autoren und spiegeln nicht notwendigerweise die Politik oder Position der IKI wider.

Weitere Artikel der Serie:

Privates Kapital für nachhaltigere Städte

 

Über den City Climate Finance Gap Fund

Der City Climate Finance Gap Fund ebnet den Weg für eine ambitionierte Infrastrukturentwicklung für kohlenstoffarme, widerstandsfähige und lebenswerte Städte im globalen Süden. Ausführliche Informationen zum City Climate Finance Gap Fund gibt es in der Launch-Berichterstattung aus dem Jahr 2020.


Weltbank-Blog

In ihrem Blog „Sustainable cities Building inclusive, resilient, and sustainable communities“ zeigt die Weltbank viele innovative Ansätze, wie die Zukunft der Städte aussehen kann.

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