12.03.2021

Privates Kapital für nachhaltigere Städte

Hochhäuser

Private Mittel können helfen, um Städte nachhaltiger zu gestalten. Foto: Gerardo Pesantez / World Bank

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten, und bis 2050 werden voraussichtlich weitere 2,5 Milliarden neue Einwohnerinnen und Einwohner hinzukommen. Die Städte sehen sich mit zunehmenden Umweltbelastungen und Infrastrukturbedürfnissen konfrontiert – und mit den wachsenden Anforderungen der Bewohnenden, ihnen eine bessere Lebensqualität bereitzustellen, und das zu tragbaren Kosten.

Die größte langfristige Herausforderung von allen stellt natürlich der Klimawandel dar. Städte sind einige der wichtigsten Schauplätze, auf denen der Kampf gegen den Klimawandel ausgetragen wird, da die Ballungszentren mehr als zwei Drittel der weltweiten Energie verbrauchen und etwa 70 Prozent der Treibhausgasemissionen verursachen.

Heute, da die COVID-19-Pandemie viele andere Prioritäten verdrängt und die Staatskassen geleert hat, ist es wichtiger denn je, privates Kapital für die Aufgabe zu gewinnen, eine widerstandsfähige Infrastruktur aufzubauen und die Städte nachhaltiger zu machen. Wir sehen zwei Möglichkeiten, dies zu erreichen: die Verbesserung des Marktes für private Investitionen in Infrastrukturanlagen und die Schaffung von „Smart City"-Ökosystemen, die private Akteure einladen, sich zu beteiligen.

Private Investitionen in öffentliche Güter freisetzen

Es scheint eine ideale Verbindung zu sein: Wenn sie Infrastruktursysteme bauen müssen, wollen Regierungen knappe Budgets umgehen und von der Effizienz des Privatsektors profitieren. Institutionelle Investoren suchen verzweifelt nach stabilen, langfristigen, inflationsgeschützten Renditen, die ihren Verpflichtungen entsprechen.

Der Mittelfluss ist jedoch nicht so, wie er sein könnte. Die Kapitalmärkte für Infrastrukturanlagen bleiben komplex, sie sind nicht standardisiert und nicht liquide. Eines der größten Hindernisse scheint das Fehlen einer robusten und transparenten Pipeline mit gut vorbereiteten, bankfähigen Projekten zu sein. Für Inverstierende mit begrenzten Ressourcen, wenig Zeit und Fachkenntnissen, wie z. B. Pensionskassen und Versicherungsgesellschaften, kann es schwierig sein, Projekte zu beurteilen. Die Notwendigkeit, für jedes Projekt eine eigene Finanzierungsstruktur zu schaffen, verlängert die Zeitspanne und treibt die Transaktionskosten in die Höhe.

Die Stärkung der Pipeline geeigneter Projekte ist eine der vorrangigen Prioritäten in einer Zeit, in der Städte mit einer Vielzahl von umweltpolitischen Prioritäten konfrontiert sind. Die Liste der Prioritäten ist lang: der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, die Umstellung auf saubere Energiequellen, der Bau von Dämmen und Frühwarnsystemen sowie der Bau von widerstandsfähigeren, erschwinglichen Wohnungen.

Allein das Bieten auf ein Projekt erfordert von den Investierende die Bereitstellung erheblicher Ressourcen. Die Regierungen wiederum müssen ihnen langfristige Transparenz bieten, indem sie künftige Projektpipelines veröffentlichen, damit die Investoren sehen können, was vor ihnen liegt. Lokale Gerichtsbarkeiten erfordern ebenfalls Verwaltungsstrukturen, die eine strenge Überprüfung und eine faire Anhörung derjenigen beinhalten, die von Projekten negativ betroffen sein könnten – aber sie dürfen nicht zulassen, dass sich diese Prozesse über Jahre hinziehen.

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Ein großer Teil der Infrastrukturentwicklung scheitert von Anfang an. Viele der dringlichsten Aufgaben werden nie angegangen oder eine große Idee wird nie zu einem tragfähigen Konzept entwickelt, weil die Herausforderungen komplex, die Zeiträume lang und die Ergebnisse ungewiss sind. Die Einrichtung von Venture-Fonds-Strukturen oder frühen Konzeptentwicklungseinheiten könnte den lokalen Verwaltungen helfen, diese Art von Hürden zu überwinden. Entwicklungsbanken können Mezzaninfinanzierungen als Werkzeug zum Auffangen von Erstverlusten oder andere Instrumente zur Verbesserung der Bonität einsetzen. Eine weitere Möglichkeit, die Transaktionskosten für Investierende zu verringern, ist die Bündelung von Projekten, etwa durch die Entwicklung von Fonds, Indizes und Verbriefungsvehikeln.

Investierende werden nur dann Kapital bereitstellen, wenn die risikobereinigten Renditen stimmen – und das erfordert regulatorische Sicherheit und Handlungsspielraum. Sie benötigen Klarheit über Themen wie Kohlenstoffpfade und Einspeisetarife sowie den Ausstieg aus subventionierten Strom- und Wasserpreisen zugunsten von Gutscheinen oder anderen Mitteln zur Unterstützung armer Haushalte in Schwellenländern. Unerwartete politische und regulatorische Änderungen können die grundlegende Machbarkeitsgleichung für einen privaten Betreiber verändern.

Schaffung eines „Smart City"-Ökosystems, das Innovationen des privaten Sektors fördert

Die meisten Städte haben nur begrenzte finanzielle Ressourcen, Personal und Fachwissen zur Verfügung – aber die Stadtverwaltung muss nicht der alleinige Geldgeber und Betreiber jeder Art von Dienstleistung und Infrastruktursystem sein. Viele Smart-City-Innovationen sind einträgliche Projekte von Unternehmen aus der Privatwirtschaft. elekommunikationsanbieter sorgen zum Beispiel für das notwendige digitale Rückgrat, während einige Autohersteller damit beginnen, ihre Mobilitätslösungen direkt der Öffentlichkeit anzubieten.

Es ist sinnvoll, die Bereiche zu identifizieren, in denen sich die Stadtverwaltung zurückziehen und Platz für andere Akteurinnen und Akteure schaffen kann, die sowohl Kapital als auch Know-how zur Verfügung stellen. Dazu können private Unternehmen, staatliche Versorgungsunternehmen, Universitäten, Stiftungen und gemeinnützige Organisationen gehören. Das Erdbebenfrühwarnsystem von Mexiko-Stadt beispielsweise ist das Produkt von CIRES Center, einer gemeinnützigen Institution, und von SkyAlert, einem Startup, das Nutzende über eine mobile App warnt und Einnahmen durch Werbung und Abonnements generiert. Singapurs Smart-Nation-Initiative bringt viele Pilotprojekte hervor, mit dem letztendlichen Ziel, einige an den privaten Sektor zu übergeben oder Nutzungsgebühren einzuführen.

Private Innovationen können für das Ziel eingesetzt werden, Emissionen zu reduzieren und eine lebenswertere Umwelt zu schaffen. Dazu gehören intelligente Mobilitätsoptionen, welche die Nutzung privater Fahrzeuge einschränken und Leerlauf im Verkehr, z. B. durch Staus, sowie den Verkehr von Lieferwagen reduzieren sollen. Intelligente Gebäudemanagementsysteme, intelligente Stromzähler und dynamische Strompreise können den Energieverbrauch reduzieren. Andere Arten von Apps und Sensoren konzentrieren sich auf die Überwachung der Luftqualität in Echtzeit, die Verringerung des Wasserverbrauchs und die Minimierung des Abfallvolumens. Unsere Forschung hat ergeben, dass Städte, die eine Reihe von intelligenten Lösungen einsetzen, die Treibhausgasemissionen im Durchschnitt um 10-15 Prozent senken könnten.

In Fällen, in denen Smart-City-Innovationen von privaten Unternehmen kommen, kann die Rolle der Regierung darin bestehen, das richtige regulatorische Umfeld zu schaffen, wichtige Akteurinnen und Akteure zusammenzubringen, Subventionen anzubieten oder Kaufentscheidungen zu ändern. Die Förderung von Innovationen durch externe Akteure beginnt typischerweise damit, dass Daten der Regierung als Open Source leicht zugänglich gemacht werden. Einige Städte gehen noch weiter, indem sie Konsortien, Partnerschaften und sogar physische Räume für die Zusammenarbeit schaffen.

Viele der wohlhabendsten Metropolen der Welt beginnen ihre Smart-City-Reise mit erheblichen Vorteilen. Im Gegensatz dazu sind Städte in Entwicklungsländern immer noch dabei, Lücken in der digitalen Infrastruktur zu schließen. Doch auch hier können intelligente Lösungen die größten Verbesserungen bringen. Der Aufbau traditioneller Infrastrukturen ist zwar dringend notwendig, kann aber Jahre dauern. In der Zwischenzeit können intelligente Lösungen die Innovation beschleunigen, die Lücken schließen und eine unmittelbarere Wirkung erzielen. Technologie ist kein Schnickschnack, den sich Entwicklungsstädte nicht leisten können, vielmehr ist sie ein mächtiges Werkzeug, um Dienstleistungen schnell zu erweitern und mit weniger mehr zu erreichen.

Jonathan Woetzel ist Direktor des McKinsey Global Institute und Senior Partner bei McKinsey & Company. Shannon Bouton ist weltweite Geschäftsführerin für nachhaltige Gemeinschaften bei McKinsey.org.

Dieser Blog ist Teil einer speziellen Serie über Städte und Klimawandel und wurde zuerst von der Weltbank veröffentlicht. Die geäußerten Ansichten und Meinungen sind die der Autoren und spiegeln nicht notwendigerweise die Politik oder Position der IKI wider.

Weitere Artikel der Serie:

Nachhaltiger Neustart für Städte

 

Über den City Climate Finance Gap Fund

Der City Climate Finance Gap Fund ebnet den Weg für eine ambitionierte Infrastrukturentwicklung für kohlenstoffarme, widerstandsfähige und lebenswerte Städte im globalen Süden. Ausführliche Informationen zum City Climate Finance Gap Fund gibt es in der Launch-Berichterstattung aus dem Jahr 2020.


Weltbank-Blog

In ihrem Blog „Sustainable cities Building inclusive, resilient, and sustainable communities“ zeigt die Weltbank viele innovative Ansätze, wie die Zukunft der Städte aussehen kann.

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