12.10.2016

Sonnige Aussichten für Indien

zwei Männer stehen auf Dach und betrachten Solaranlage

Elektroingenieur Syamjith T. präsentiert die Solaranlage auf dem Kricketstadion.

Bhagia Lakshmi ist eine begeisterte Metronutzerin. Früher brauchte die 53-Jährige rund zweieinhalb Stunden, um mit der Autorikscha von ihrem Wohnort ins Büro zu kommen. Seit es in Delhi jedoch die U-Bahn gibt, ist es nur noch etwa eine Stunde. 

„Die Metro ist sehr komfortabel“, sagt die Büroassistentin, die wie viele Pendler in der 17-Millionen-Metropole lange Arbeitswege gewohnt ist. Inzwischen hat sie noch einen weiteren Grund, die Metro zu mögen: Der städtische U-Bahn-Betreiber Delhi Metro Rail Corporation, der erst seit 2010 über ein nennenswertes Streckennetz verfügt, hat vor zwei Jahren begonnen, auf einigen Bahnhöfen, Depots und Verwaltungsgebäuden Solaranlagen einzurichten.

Neue Photovoltaikanlagen und Sonnenwärmekraftwerke

„Wunderbar“, sagt Bhagia Lakshmi, „das ist noch besser für die Umwelt.“ Sie ist nicht die Einzige in Indien, die die Bedeutung der Solarenergie erkannt hat. Mit 300 Sonnentagen im Jahr ist das Land eines der sonnenreichsten der Welt. Doch bisher blieb das große Potenzial weitgehend ungenutzt. Solarenergie galt lange als zu teuer für Indien, wo mehr als 300 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben. Einen erheblichen Teil seines Energiebedarfs deckt das Land mit Kohle. Doch sinkende Preise für Solaranlagen haben in den vergangenen Jahren ein Umdenken bewirkt.
Mädchen steht an Ticketschalter der MetroIm Auftrag der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI) des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) unterstützt die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH Indien dabei, den Markt für Solarenergie in Ballungsräumen und Industriezentren weiterzuentwickeln. Zahlreiche Photovoltaikanlagen und Sonnenwärmekraftwerke sollen in Zukunft entstehen. Die Änderungen bei der Delhi Metro Rail Corporation sind ein Pilotprojekt.

"Solarenergie macht auch wirtschaftlich Sinn"

„Wir haben uns vom ersten Tag an für Umweltfragen interessiert“, sagt Anoop Kumar Gupta, Direktor bei dem Transportunternehmen. Hinter seinem schweren, braunen Schreibtisch sieht er nicht unbedingt aus wie ein grüner Pionier, aber der Eindruck täuscht: Es brauchte nicht viel, um ihn von der Idee zu überzeugen. „Als wir gesehen haben, dass Solarenergie auch wirtschaftlich Sinn macht, haben wir beschlossen einzusteigen.“ Inzwischen ist die Metro in Delhi die einzige U-Bahn weltweit, die einen Teil ihres Energiebedarfs durch Sonnenergie deckt.

Männer reinigen Solaranlage
Seit die beiden Minister für Stadtentwicklung und Energie im August 2014 mit der Station „Dwarka Sector 21“ den ersten U-Bahnhof eröffneten, der seinen Strom aus Solarenergie bezieht, ging es Schlag auf Schlag. Rund 6,5 Megawatt Strom werden beim Metrobetreiber inzwischen durch Solaranlagen erzeugt. Bis 2021 sollen es bereits 50 Megawatt sein. Das ist knapp ein Zehntel des Gesamtbedarfs der U-Bahn, die über ein Streckennetz von 190 Kilometern verfügt und täglich etwa 2,5 Millionen Menschen transportiert.

Stromkosten gespart

„Das Beste daran ist: Es hat uns gar nichts gekostet“, freut sich Gupta. „Wir stellen nur unsere Dächer für die Solarmodule zur Verfügung und sparen auch noch Stromkosten.“ Die Solaranlagen selbst werden von sechs verschiedenen Serviceanbietern – privaten und staatlichen – installiert und betrieben. Möglich wurde dies durch ein besonderes Finanzierungsmodell, bei dessen Wahl die deutschen Experten beraten hatten.
Bei dem Modell übernimmt ein Anbieter die Investitionskosten für die Solaranlagen und betreibt diese auch. Die Metro, die nur ihre Dächer zur Verfügung stellt, kauft den Strom von dem Anbieter zu einem vertraglich vereinbarten Preis, der niedriger ist als bei der staatlichen Konkurrenz. Dadurch spart das Transportunternehmen derzeit etwa 15 bis 20 Prozent Energiekosten.

Dynamischer Privatsektor, ausgeprägte staatliche Wirtschaft

Doch dies ist nicht die einzige Möglichkeit, Solarenergie in Indien wirtschaftlich nutzbar zu machen. Die Verantwortlichen eines Kricketstadions in Bangalore sind einen anderen Weg gegangen – und in gewisser Weise sind beide Ansätze charakteristisch für das heutige Indien, das gleichzeitig über einen dynamischen Privatsektor und eine ausgeprägte staatliche Wirtschaft verfügt.

Mann sitzt an Schreibtisch
Brijesh Patel ist ehrenamtlicher Sekretär der Kricketvereinigung des Bundesstaates Karnataka (KSCA). Sein vollklimatisiertes Büro im M.-Chinnaswamy-Stadion in Bangalore bietet einen Panoramablick auf das Spielfeld. Vor dem Fenster stehen zwei Stuhlreihen – sie sind reserviert für Ehrengäste, die hier mit einem Getränk in der Hand die Spiele genießen dürfen. Auf Patels Schreibtisch thront ein riesiger Silberpokal – die Ranji Trophy –, den das Team des Bundesstaates Karnataka und Patel selbst in seiner Zeit als aktiver Spieler mehrfach gewonnen haben. Das Stadion nachhaltig und „grün“ zu bewirtschaften, ist eine neue Herausforderung für den Sportler und Manager. 

"Wir haben auch eine soziale Verantwortung"

Nicht, dass er sich das nicht zutraut. „Wir haben im letzten Jahr rund eine halbe Million Euro in unsere Solaranlage investiert“, sagt Patel souverän. Das Selbstbewusstsein kommt nicht von ungefähr: Die KSCA verfügt über eines der erfolgreichsten Teams Indiens. Kricket ist für das Land, was Fußball für Deutschland ist: Nationalsport und ein Millionenmarkt. Neben der Mannschaft des indischen Bundesstaates sind im M.-Chinnaswamy-Stadion auch die Royal Challengers Bangalore zu Hause, das Erfolgsteam der IT-Metropole.
„Kricket ist der beliebteste Sport in Indien. Wir haben daher auch eine soziale Verantwortung und sollten der Gesellschaft etwas zurückgeben“, sagt Patel. Das Stadion hat auch eine Regenwasser-Auffanganlage, eine Kläranlage und eine Biogasanlage gebaut. Dabei unterstützte die GIZ die Kricketvereinigung im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. „Derzeit decken wir etwa 30 bis 40 Prozent unseres Energiebedarfs durch Solarenergie“, sagt Brijesh Patel. Im kommenden Jahr, so das Ziel, sollen es 100 Prozent werden. Doch dafür muss erst noch das Dach des Stadions umgebaut werden, das die schweren Solarmodule derzeit nur teilweise tragen kann.

Der Strom fließt auch ins städtische Netz

Stolz ist man bei der KSCA auf das Erreichte schon jetzt. „Wir haben die Solaranlage hier in der Rekordzeit von nur 45 Tagen aufgebaut“, sagt der junge Elektroingenieur Syamjith T., der dabei die technische Leitung hatte. Die deutschen Experten unterstützten die Arbeiten am Kricketstadion durch Planung und fachliche Beratung.

Mann steht auf leerer Tribüne des Kricketstadions
Wie die meisten Städte Indiens produziert auch Bangalore nicht genügend Strom für den eigenen Bedarf. Das Stadion speist deshalb während des Tages, wenn die Sonneneinstrahlung am intensivsten ist, Strom in das städtische Netz ein. Während der Spielzeiten am Abend jedoch, wenn der eigene Verbrauch höher liegt, reicht die Produktion noch nicht aus. „Aber seit Inbetriebnahme der Solaranlage haben wir rund 60.000 Euro Stromkosten im Jahr gespart“, sagt Patel. Auf staatliche Subventionen habe die Kricketvereinigung bewusst verzichtet, aus einem einfachen Grund: In diesem Fall hätte sie ihren Strom nicht an den Netzbetreiber verkaufen können. „Unsere Einnahmen wachsen jedes Jahr, denn die Strompreise steigen“, erklärt Patel. Der dynamische Manager hat daher dem Vorstand der KSCA vorgeschlagen, alle Stadien im Bundesstaat Karnataka auf Solarenergie umzurüsten.
Die Metro und das Kricketstadion – zwei Institutionen, zwei unterschiedliche Wege in die solare Zukunft. Und das heißt: in eine klimafreundliche Zukunft. Wenn beide Anlagen einmal ihr volles Potenzial erreichen, spart Indien rund 60.000 Tonnen des Treibhausgases CO2 ein. Das entspricht etwa dem jährlichen Ausstoß von 30.000 Autos.

Unterschiedliche Finanzierungsmodelle

Ein Blick auf die beiden Solaranlagen in Delhi und Bangalore zeigt auch, warum sich die Metro und das Stadion für unterschiedliche Finanzierungsmodelle entschieden haben. Es ist technisch relativ einfach, die Ränder des ovalen Stadiondachs in Indiens drittgrößter Stadt mit Solarmodulen zu bestücken und diese zu warten. Bei der Metro hingegen, mit ihrer Vielzahl von Bahnhöfen, Depots und Hochspannungsleitungen, ist das eine große Herausforderung. Bei der Installation und Wartung der Solaranlagen darf auf keinen Fall der U-Bahn-Betrieb gestört werden. Daher bleiben mancherorts nur wenige Stunden in der Nacht, wenn der Strom abgeschaltet ist, um die Module zu kontrollieren, zu reparieren und zu reinigen. Letzteres muss in Indien, wo die Luft stark mit Feinstaub belastet ist, viel öfter geschehen als etwa bei Solaranlagen in Deutschland.
Doch dafür ist nach dem gewählten Finanzierungsmodell eben nicht das Transportunternehmen selbst, sondern der Betreiber zuständig. Nur knapp zehn Mitarbeiter der Metro sind an der Umsetzung des Solarprojekts beteiligt. Allerdings, berichtet einer der zehn, haben sich bereits zahlreiche Kollegen erkundigt, wie sie Solaranlagen auch in ihren Heimatdörfern errichten können.

Text: Britta Petersen
Foto: Florian Lang

aus akzente 2/16


Weitere Informationen

Projektbeschreibung

Ansprechpartner: Sandeep Goel sandeep.goel(at)giz.de

Quelle: akzente 2/16 (extern)


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