05.06.2019

Tafo Mihaavo – der Wiederaufstieg einer landesweiten sozialen Bewegung zur Förderung einer traditionellen Bewirtschaftung von natürlichen Ressourcen in Madagaskar

Mobilisierung der Gemeinschaft (Foto: ©SGP Madagascar)

Mobilisierung der Gemeinschaft (Foto: ©SGP Madagascar)

Bis zum Beginn der Kolonialzeit hatte Madagaskar mit der Fokonolona eine traditionelle Gesellschaftsstruktur, die die verschiedenen Gemeinden seit Generationen miteinander verband. Das Wort Fokonolona setzt sich aus den Bestandteilen foko (Stamm) und olona (Mensch) zusammen und bezeichnet eine Gesellschaftsordnung, die darauf ausgerichtet war, die Dörfer und lokalen Ökosysteme auf der durch intensive Zuwanderung und Besiedlung geprägten Insel zu schützen.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erließ die madegassische Regierung angesichts der fortschreitenden Entwaldung, die überwiegend von ausländischen Interessen getrieben wurde, ein weitsichtiges Gesetz, mit dem die Gemeinden die Möglichkeit erhielten, ihre lokalen natürlichen Ressourcen wieder selbst zu bewirtschaften. Das Gesetz von 1996 (Madegassisches Gesetz Nr. 096-025), das allgemein unter der Bezeichnung "GELOSE" bekannt ist, sah die Einleitung eines Prozesses vor, der der traditionellen Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen durch die lokalen Gemeinden wieder mehr Autonomie einräumt.

Im Rahmen dieses Prozesses sollen formelle Verträge zwischen Vertretern der lokalen Gemeinschaften und der Zentralregierung geschlossen werden, die künftig die Rechtsgrundlage für die kommunale Flächenbewirtschaftung bilden. Mit diesem neuen Konzept wurde die Verwaltung von Grund und Boden an die lokale madegassische Kultur und deren Normen und Bräuche angepasst.

Langlebige traditionelle Institutionen

Seit 2005 fördert das vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) im Rahmen der Globalen Umweltfazilität (GEF) durchgeführte Small Grants Programme (SGP) gemeindebasierte Maßnahmen in Madagaskar. Dies geschieht in vielen Fällen durch die Anerkennung von Indigenous Peoples' and Community Conserved Territories and Areas (ICCAs). Ursprünglich konzentrierte sich das SGP auf die unterversorgten Gemeinden im trockenen Südwesten des Inselstaates. Später wurde das SGP auch in den übrigen Landesteilen eingeführt. Im Zuge dieser Ausweitung wurde die Förderung für das GELOSE-Gesetz und die gemeinsame Bewirtschaftung von Schutzgebieten intensiviert.

Im Mai 2012 wurde in dem Dorf Anja Miray ein nationales Netzwerk der lokalen Gemeinden für die traditionelle Bewirtschaftung von natürlichen Ressourcen ins Leben gerufen. Das Netzwerk ist unter der Bezeichnung TAFO MIHAAVO oder - auf Madegassisch - Tambazotran'ny Fokonolona Miaro ny Harena Voanjanahary bekannt. In der so genannten "Erklärung von Anja" formuliert TAFO MIHAAVO seine Ziele und fordert, dass die Zuständigkeit für die Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen im gesamten Staat zunehmend den lokalen Gemeinden übertragen wird. In der Erklärung von Anja werden die Errungenschaften des GELOSE-Gesetzes ausdrücklich anerkannt. Gleichzeitig fordern die Initiatoren der Erklärung die Regierung dazu auf, das Gesetz konsequenter umzusetzen und sich dazu zu äußern, wie es künftig angewendet werden soll. Darüber hinaus hat TAFO MIHAAVO die internationale Gemeinschaft dazu aufgefordert, sich an einem horizontalen Lernprozess sowie am Austausch zwischen Gemeinschaften in verschiedenen Ländern zu beteiligen.

Als wichtigster internationaler Partner der Mitgliedsorganisationen von TAFO MIHAAVO unterstützt das SGP die Umsetzung der Strategie von Anja Miray. Zu diesem Zweck stärkt das SGP die Mitwirkung des Netzwerks (i) an der Entwicklung von effektiven Durchführungsverordnungen für das GELOSE-Gesetz, die sich an den lokalen und ökologischen Bedürfnissen orientieren, und (ii) am Schutz der Umwelt für die Bürgerinnen und Bürger des Landes sowie für künftige Generationen.

Landschaftspflege und Flächenbewirtschaftung

Anfang 2019 waren mehr als 580 madegassische Gemeinden im TAFO MIHAAVO organisiert. Diese Gemeinden fördern die traditionelle Bewirtschaftung von rund 3.000.000 Hektar Wald in allen 22 Regionen Madagaskars. Zahlreiche Begünstigte des SGP, die im Rahmen der National Dialogue Initiative 2019 des Operational Program 7 der GEF befragt wurden, sahen in TAFO MIHAAVO einen "Mechanismus auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene, um die Werte, die Kultur und die Solidarität in den Gemeinden zum Wohle aller zu fördern".

Mit finanzieller Unterstützung des deutschen Bundesumweltministeriums (BMU) und der GEF fördert SGP Madagascar eine gesellschaftliche Bewegung, die landesweit an Bedeutung gewinnt und sich dafür einsetzt, dass die Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen des Landes konsequent dezentralisiert wird. Ferner unterstützt TAFO MIHAAVO den generationsübergreifenden Wissenstransfer zur Vermittlung der mit der Fokonolona verbundenen Werte und Governance-Systeme in allen Regionen Madagaskars.

Darüber hinaus ist SGP Madagascar durch die vom BMU finanzierte Global Support Initiative to ICCAs (ICCA-GSI) in der Lage, die Entwicklung von neuen Modellen der Raumordnung und der Landschaftspflege zu fördern. Dadurch leistet SGP Madagascar einen Beitrag zur Erreichung der Aichi-Ziele 11, 14 und 18 der Biodiversitätskonvention, die die Anerkennung von Schutzgebieten und Ökosystemdienstleistungen sowie die Weitergabe von traditionellem Wissen vorsehen.

Wachsende Anerkennung auf internationaler Ebene

Inzwischen haben die Mitgliedsorganisationen von TAFO MIHAAVO die Best Practices, die derzeit in Madagaskar für die traditionelle Bewirtschaftung von Flächen und natürlichen Ressourcen entwickelt werden, auch international verbreitet. So hat sich das Netzwerk an der Equator Initiative des UNDP beteiligt und für sein Engagement internationale Anerkennung erfahren.

Weitere vom SGP geförderte Projekte in Madagaskar werden auf der Landesseite Madagaskar des SGP vorgestellt. Nähere Angaben sind den Websites des SGP und der Global ICCA Support Initiative zu entnehmen.