22.09.2021

Wiederaufforstung von Bambuswäldern in Vietnam

Baumkronen eines Bambuswaldes. Foto: RECOFTC

Seit Generationen erwirtschaften Dorfbewohner und Dorfbewohnerinnen wie Nong Thi Huong ihren Lebensunterhalt mit Lung-Bambus. Nong Thi Huong bezeichnet ihren Lung-Wald in den Bergen der vietnamesischen Provinz Nghe An als „Bankkonto hinterm Haus“. 

„Immer wenn ich Geld brauche, kann ich Bambus aus dem Wald holen und verkaufen“, erklärt sie.

Lung-Bambus (Bambusa longissima sp. nov) ist vielseitig einsetzbar. Er wird zur Herstellung zahlreicher Produkte wie Zahnstocher, Gartenzäune, Körbe und Laternen verwendet. Dank der wachsenden internationalen Nachfrage nach solchen Produkten fließen rund 300 Millionen US-Dollar pro Jahr nach Vietnam. 

Doch die Bambuswälder in Nghe An schrumpfen aufgrund der übermäßigen Holzentnahme rasant, und unsichere Landrechte verstärken diesen Trend noch weiter. Da Lung-Bambus eine Haupteinnahmequelle für die Haushalte im Bergland von Nghe An darstellt, müssen die Wälder dringend wieder aufgeforstet und nachhaltig bewirtschaftet werden.

Umkehr der Entwicklung: Bambuswälder werden aufgeforstet

Vor einigen Jahren drohten die Bambuswälder vor Ort völlig zu verschwinden. Die Provinzregierung von Nghe An hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2025 insgesamt 6.000 Hektar Lung-Wald wiederaufzuforsten und weitere 270 Hektar mit Lung-Bambus zu bepflanzen. Das Projekt schritt jedoch nur langsam voran, da es keine wirksamen Vermehrungsmethoden für den Bambus gab.

Seit 2019 unterstützt das IKI-Projekt FLOURISH, Forest Landscape Restoration for Improved Livelihoods and Climate Resilience, die Provinzregierung dabei, die Entwicklung umzukehren. Sie setzt auf die Marktnachfrage nach nachhaltigen Produkten, um den Dorfbewohnern und Dorfbewohnerinnen bei der Wiederaufforstung der Bambuswälder zu helfen. Auf diese Weise können sie sich eine solide Existenzgrundlage schaffen und zur Verlangsamung des Klimawandels beitragen.

Die Initiative zeigt, wie soziale, wirtschaftliche und ökologische Ziele erreicht werden können. Und: Derzeit hilft sie den Gemeinden dabei, die wirtschaftlichen Belastungen durch die COVID-19-Pandemie zu überstehen.

Schulungen steigern die Produktion – und die Preise 

Um mögliche Maßahmen zu testen, begann das IKI-Projekt FLOURISH zunächst, mit dem Dorf von Nong Thi Huong im Bezirk Quy Chau und vier weiteren Dörfern in der Nähe zusammenzuarbeiten. Mit finanzieller Unterstützung der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI) ging die Durchführungsorganisation RECOFTC eine Kooperation mit der Provinzregierung von Nghe An und der Internationalen Bambus- und Rattanorganisation ein. Ziel des „Fonds zum Erhalt und zur Bewirtschaftung der Wälder“ ist es, die Gemeinden bei der Wiederaufforstung ihrer Bambuswälder zu unterstützen und diese für die Sicherung einer nachhaltigen Existenzgrundlage zu nutzen.

Mittlerweile hat das Projekt FLOURISH Hunderte von Dorfbewohnern und Dorfbewohnerinnen in der Bambusbewirtschaftung, -ernte und grundlegenden Verarbeitungstechniken geschult. Sie haben auch gelernt, eine die Stecklingsvermehrung von Bambus anzuwenden, die bei den Wiederaufforstungsbemühungen helfen kann. 

„Die Methode zur Bambusvermehrung ist ganz einfach zu erlernen und anzuwenden“, erklärt Nong Thi Huong, eine der Schulungsteilnehmerinnen. „Die Stecklinge, die ich umgesetzt habe, sind gut gewachsen. Ungefähr 80 Prozent haben überlebt.“

Zudem unterstützte die Initiative Kleinbauern und Kleinbäuerinnen in allen fünf Dörfern bei der Verhandlung und beim Abschluss von Kooperationsvereinbarungen mit dem Kunsthandwerksunternehmen Duc Phong Co., LTD. Im Rahmen dieser Kooperationen verpflichtet sich das Unternehmen, Bambus zu vorab vereinbarten Preisen zu kaufen und sichert Menschen, die kaum andere Möglichkeiten zur Einkommenserzielung haben, so Einnahmen.

„Ich kann sehen, wie sich unser Leben verbessert“, meint Nong Thi Huong. Sie berichtet, dass sich die Durchschnittseinkommen aus dem Verkauf von Lung-Bambus seit Beginn des Projekts auf 15 bis 17 Millionen vietnamesische Dong pro Jahr verdoppelt haben. 

Weltweite Nachfrage nach nachhaltigen Waldprodukten

Das Unternehmen stellt Lampenschirme und Körbe aus Bambus für den Export nach Europa her. Dieser Handel mit Europa fördert dank der Nachhaltigkeitsbestimmungen, die 2019 im Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Vietnam festgelegt wurden, eine nachhaltige Bewirtschaftung der Bambuswälder. Das dürfte Gemeinden, die ihre Bambuswälder wieder aufforsten, dabei unterstützen, sich an internationalen Handelsketten für nachhaltige Produkte zu beteiligen. 

„Die Kooperationsvereinbarungen zielen darauf ab, den Anbau von nachhaltigem Bambus und den Handel damit zu fördern“, erklärt Luong Van Phi, Leiter der Gruppe von Lung-Bambus erntenden Bauern in der Gemeinde Chau Thang. „Beide Partner vereinbaren Geschäftsbedingungen und verpflichten sich, bei der Bewirtschaftung und beim Erhalt der Lung-Bambuswälder zusammenzuarbeiten, damit eine nachhaltige Bambusentnahme möglich ist.“

Als die COVID-19-Pandemie Vietnam erreichte und staatliche Beschränkungen die Bevölkerung in ihren Möglichkeiten zur Einkommenserzielung einschränkten, erwiesen sich diese Vereinbarungen als wichtiger Rettungsanker. 

„Dank der Vereinbarungen waren die Gemeinden vor Ort wirtschaftlich besser aufgestellt als andere, denn sie konnten zumindest noch Bambus an das Unternehmen Duc Phong verkaufen“, sagt Trang Hoang, die das FLOURISH-Projekt koordiniert. 

Landrechte sichern die nachhaltige Existenzgrundlage

Damit die Existenzgrundlagen wirklich nachhaltig sind und die Dorfbewohner und Dorfbewohnerinnen Anreize haben, ihre Bambuswälder wiederaufzuforsten, müssen sie sich Rechte an Waldland sichern. 

„Damit die Menschen, die von diesen Wäldern abhängig sind, zu Wohlstand kommen, müssen sie die Wälder nutzen, bewirtschaften und von ihnen profitieren können“, erklärt David Ganz, Geschäftsführer von RECOFTC. „Sie müssen sich darauf verlassen können, dass sie auch künftig die Möglichkeit dazu haben werden. Diese Rechte fehlen jedoch in ganz Südostasien oder sind nicht sicher.“

Um dieses Problem zu lösen, hat das Projekt FLOURISH Dorfbewohnern und Dorfbewohnerinnen in der Provinz Nghe An vermittelt, wie sie ein „Rotes Buch“ beantragen können, das ihnen ein formelles 50-jähriges Nutzungsrecht für Waldland sichert. Bis Ende 2020 hatte das Projekt 241 Haushalten zu ihrem „Roten Buch“ verholfen und deckt somit eine Fläche von mehr als 1.550 Hektar Waldland ab.

„Das IKI-Projekt hat meiner Gemeinde geholfen, den Lung-Wald zu bewahren und unsere Lebensgrundlage zu erhalten“, berichtet Nong Thi Huong. „Wir wissen jetzt, wie man Lung-Bambus erntet und anschließend wieder aufforstet. Es wird nicht mehr übermäßig viel Bambus geerntet und die illegale Bambusentnahme ist im Vergleich zu der Zeit vor dem Projekt deutlich zurückgegangen. Wir haben von der Kooperation zwischen den Mitgliedern der Gemeinde und dem Unternehmen Duc Phong profitiert, das den gesamten von uns geschlagenen Lung-Bambus zu einem Festpreis kauft.“