15.08.2014

IKI Talks mit Dr. Nikolaus Supersberger

Porträt Supersberger

Dr. Nikolaus Supersberger, Foto: GIZ Indien

Die Deutsch-Indische Kooperation zu Energiesicherheit und Energieeffizienz sollen ausgebaut werden. In der aktuellen Ausgabe von "Energy Next", einem in Indien führenden Magazin zum Thema Erneuerbare Energien, interviewt der Fachjournalist Richa Kapoor Dr. Nikolaus Supersberger, den stellvertretenden Direktor des Indo-German Energy Programme (IGEN) bei der Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Indien zum Thema: Deutschlands Angebot Indien technisch und finanziell dabei zu unterstützen, sein Stromnetzmanagement effizienter zu gestalten und einen "grünen Energiekorridor" aufzubauen.

Interview mit Dr. Nikolaus Supersberger

Energy Next: Welche Art organisatorischer, technischer und finanzieller Unterstützung würde Deutschland zur gesteigerten Nutzung erneuerbarer Energien und somit zur Stabilisierung des Energieflusses und der Netzfrequenz in Indien leisten?

Dr. Nikolaus Supersberger: Der Beitrag Deutschlands muss in verschiedenen Kontexten betrachtet werden. Letztes Jahr hat die deutsche Regierung entschieden Indien Kredite zu günstigen Bedingungen von bis zu 1 Milliarde Euro zu gewähren. Diese finanzielle Komponente wird durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) umgesetzt. Die technische Unterstützung hingegen wird durch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH geleistet und sowohl vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) als auch vom Bundesumweltministerium (BMUB) finanziert. Diese orientiert sich am Ansatz des "grünen Energiekorridors" der indischen Regierung.

Ein kürzlich vom Indo-German Energy Forum (IGEF) durchgeführte Workshop war ein wichtiger Schritt hin zu einer Stärkung der technischen Kooperation im Bereich grüner Energiekorridore, bei dem wichtige organisatorische Aspekte, etwa die Erstellung von Prognosen, Zeitplanungen und Bilanzierungen, im Vordergrund standen. Diese stellen jedoch lediglich die ersten Herausforderungen hinsichtlich der technischen Integration Erneuerbarer Energien in die wachsenden Stromnetze des Landes dar.

Unsere Kooperation bezieht sich auch auf marktspezifische Aspekte, etwa neue Marktentwicklungen oder -reformen. Dies ist der Notwendigkeit geschuldet den intermittierenden erneuerbaren Energien generierten Strom zu möglichst niedrigen Kosten in die Netze zu integrieren.

Es wird zusätzliche Leistungen etwa im Bereich der Übertragungsnetze geben, welche auch Netzmanagement mit einschließen können. In Europa hat am Ende der 90er Jahre eine Privatisierung und Liberalisierung stattgefunden, was zu einer Entflechtung der Stromerzeugung, -übertragung und -verteilung geführt hat.

Wir würden Indien nicht empfehlen sich sofort in diese Richtung zu bewegen, da hierzu zunächst eine sehr gründliche Analyse nötig wäre. Ich will damit sagen, dass indische Stakeholder unterschiedliche Marktkonzepte betrachten sollten, um entscheiden zu können welches das Vorteilhafteste zur Erreichung der selbst gesteckten Ziele ist. Die Hauptziele sind hier die Integration erneuerbarer Energien in die Netze und die Energiesicherheit zu erhöhen. Es wäre sicherlich nicht sinnvoll Lösungen aus anderen Ländern 1:1 zu übernehmen. Indien muss selbst herausfinden, welcher der geeignetste Weg sein kann.

Es ist schwierig das europäische Beispiel Punkt für Punkt auf Indien zu übertragen, da zahlreiche Unterschiede bestehen. In Europa wird immer mehr Strom aus erneuerbaren Energien gewonnen, was z.B. in Deutschland zu einem Konflikt zwischen erneuerbarer und fossiler Stromerzeugung und somit zu einem Überschuss führt. Die Stromnachfrage in Europa ist mehr oder weniger gesättigt, wohingegen viele Menschen in Indien noch keinen Stromzugang haben bzw. bei jenen, die bereits Stromzugang haben, der Verbrauch steigt.

In diesem Sinne will die GIZ im Hinblick auf Verfahren und Voraussetzungen eng mit indischen Stakeholdern der Stromnetze zusammenarbeiten. Auch die Renewable Energy Management Centres (REMCs) werden eine wichtige Rolle für unsere Arbeit spielen.

Energy Next: Deutschland ist ein Vorreiter bei der Entwicklung von Technologien im Bereich erneuerbare Energie. Inwieweit sind diese Technologien relevant für Indien?

Dr. Supersberger: Im Allgemeinen gibt es keinen nationalen Besitz von Technologien. Deutschland ist bei einigen Technologien der Weltführer. Wenn es um Windtechnologien geht, nimmt Dänemark eine Vorreiterrolle ein, wobei auch Deutschland solche Technologien übernommen hat. Auch im Bereich Photovoltaik hat Deutschland bisher sehr gut abgeschnitten. All diese Technologien sind relevant für Indien, egal aus welchem Land sie kommen. Indiens Ziel sollte es sein auf Energiesicherheit und die Produktion eigener erneuerbarer Technologien zu setzen, was bereits im Windsektor geschehen ist. Aus persönlicher Sicht bin ich natürlich glücklich deutsche Technologien in dem Land zu sehen, in dem ich gerade mit meiner Familie beschlossen habe zu leben.

Energy Next: Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach erneuerbare Energien für das Thema Energiesicherheit in Indien?

Dr. Supersberger: Allgemein gibt es zwei Dimensionen von Energiesicherheit. Die Erste ist die internationale Dimension, welche sich auf Importabhängigkeit bezieht. In Indien geht es hier zum Beispiel um Kohle, da das Land Kohle in unterschiedlichen Güteklassen importieren muss. Dies bringt Probleme beim Betrieb der Kraftwerke mit sich, da eine abweichende Qualität der Kohle operative Anpassungen erfordert. Bei der zweiten Dimension geht es um den Beitrag der erneuerbaren Energien zur inländischen Energieversorgungssicherheit. Die Relevanz der erneuerbaren Energien zeigt sich insbesondere auch in der indischen Diskussion um Energiesicherheit und im Szenario 2047 für Indien. Intermittierende Energiequellen wie Solar und Wind sollten überall genutzt werden, wo sie verfügbar sind.

Energy Next: Aus erneuerbaren Energien gewonnener Strom ist immer noch weit vom Zustand der Netzparität entfernt. Ist dieser trotzdem sinnvoll für ein Land wie Indien?

Dr. Supersberger: Erneuerbare Energien sind nicht weit vom Zustand der Netzparität entfernt; in Europa haben sie diesen bereits in sehr vielen Fällen erreicht. Es hängt stets von der für den Vergleich genutzten Baseline ab. Erneuerbare Energien sind beispielsweise günstiger als Dieselgeneratoren. Im Allgemeinen müssen im Fall von netzgekoppeltem Strom die externen Kosten miteinbezogen werden, da diese nicht in der Stromerzeugung enthalten sind. Zum Beispiel alle durch Emissionen aus Energiekraftwerken entstandenen gesundheitlichen Schäden, Umweltkosten aufgrund von Wasser- und Bodendegradierung, Subventionen auf Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen etc. Wir müssen solche externen Kosten ordnungsgemäß prüfen, um herauszufinden, was wie teurer ist. Erneuerbare Energien sind nicht sonderlich teuer, wenn die realen Kosten in Betracht gezogen werden.

Energy Next: Sollte sich Indien auf das Wachstum erneuerbarer Energien fokussieren, anstatt Atomenergie in den Vordergrund zu stellen?

Dr. Supersberger: Atomenergie trägt etwa 2 Prozent zur gesamten Stromerzeugung in Indien bei. Indiens Brennstoffversorgung für Atomkraftwerke ist problematisch und kann lediglich aus dem Ausland gedeckt werden. Ein Fokus auf Atomenergie würde also nicht die Situation der Abhängigkeit von Energieimporten verändern.

Energy Next: Das Fehlen von Prognoseinstrumenten ist ein grosses Hindernis für die Netzintegration von erneuerbaren Energien. Wie kann die globale Erfahrung im Bereich Erstellung von Prognosen genutzt werden, um lokale Herausforderungen in Indien anzugehen?

Dr. Supersberger: Es wurde bereits intensiv zu Prognostizierungen gearbeitet und dieses Thema wurde insbesondere aufgrund des wichtigen Beitrags der erneuerbaren Energien zur Gesamtenergieversorgung zu einem "Big Business". Ein Fehlen guter Prognosen führt zu einem Ungenauigkeitsproblem, was wiederum ökonomische Verluste zur Folge hat. Es gibt logistische und technologische Lösung, um dieses Problem anzugehen.

Energy Next: Welchen Spielraum sehen Sie für Energieeffizienz in Indien und wie kann Deutschland helfen dieses Potenzial zu erschliessen?

Dr. Supersberger: Die GIZ ist seit über 10 Jahren im Bereich Energieeffizienz tätig und Deutschland setzte auf dieses Feld bevor es dies im Bereich erneuerbare Energien tat. Das Energieeffizienzpotential in Indien ist in allen Wirtschaftssektoren sehr groß, etwa im Elektrogeräte- und Gebäudesektor. Im Vergleich zu internationalen Standards sind die industriellen Prozesse in Indien nicht sonderlich effizient. Dies könnte eine starke Motivation für Indien sein Energieeffizienzmaßnahmen energischer umzusetzen. Die Frage ist, warum man teuren Strom generieren sollte, wenn dieser nicht effizient genutzt wird. Erneuerbare Energien sollten daher durch Energieeffizienz unterstützt werden. Die GIZ kommuniziert eng mit dem "Bureau of Energy Efficiency", unter anderem zum Perform Achieve Trade (PAT) Programm, welches Energieeinsparungen von 478 Unternehmen notwendig macht. Die KfW ist hingegen im Bereich Gebäudeenergieeffizienz tätig.


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