10.09.2014

Pionier des Waldschutzes

Regenwaldgebiet, das von dünnen Flüssen durchzogen wird

Luftaufnahme eines Waldgebiets in Brasilien; Foto: Cyro Jose Soares

Wie in vielen Regionen der Erde ist der Tropenwald im brasilianischen Bundestaat Acre bedroht. Jahrzehntelang wurden die Wälder abgeholzt und geschädigt, vor allem, um Platz für Viehzucht zu schaffen – mit fatalen Folgen für Natur und Mensch: Denn die Wälder sind Heimat für viele Menschen, beherbergen eine riesige Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten und speichern große Mengen an Kohlenstoff. Doch seit einiger Zeit tut sich was in Acre: Die brasilianische Regierung setzt sich mittlerweile stark für den Schutz und die nachhaltige Nutzung der verbleibenden Waldgebiete ein. Die Anzahl der Naturschutzgebiete und Reservate wurde verdoppelt und nimmt nun 46 Prozent der Fläche des Bundesstaates ein. "Das Erfolgsrezept des Waldschutzes liegt in einer ausgewogenen Mischung von Schutzgebieten und der Schaffung von Einkommensalternativen für die lokale Bevölkerung", erklärt der stellvertretende Landesminister für Nachhaltige Wirtschaft und Forsten (SEDENS), Fábio Vaz, den Ansatz der Regierung. "Schutz und Verbote alleine gehen in einer armen ländlichen Gegend gar nicht."

Ausgleichszahlungen für nachgewiesene Treibhausgasminderung

Doch Waldschutz kostet Geld, vor allem weil Tropenwaldländer auf Einnahmen aus anderen Nutzungsformen wie Holz- oder Landwirtschaft verzichten würden. Gerade Schwellen- und Entwicklungsländern brauchen hier Unterstützung und finanzielle Anreize. Die Lösung für diese Herausforderung soll der Mechanismus zur Reduktion von Emissionen aus Entwaldung und Waldegradierung (REDD+) liefern. REDD+ basiert auf dem Prinzip, dass diejenigen, die Wälder schützen oder wiederaufforsten, Ausgleichzahlungen dafür erhalten. Um aber zukünftig Anspruch auf REDD+ Zahlungen zu haben, müssen Entwicklungs- und Schwellenländer nachweisen, dass sie die Entwaldung wirksam reduzieren. Acre ist hier Vorreiter, ein sogenannter "Early Mover". Mit Hilfe von Satellitendaten werden der Waldbestand und Veränderungen im Vergleich zu einem Referenzwert – basierend auf historischen Entwaldungsraten – genau erfasst und wissenschaftlich überprüft. Mittels eines festgelegten Kohlenstoffgehalts pro Hektar Wald kann dann errechnet werden, wie viele Treibhausgasemissionen eingespart wurden. Auf Grundlage dieser Kohlenstoffbuchhaltung erhält Acres Landesregierung rückwirkend für vermiedene Entwaldung Mittel aus der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI) des Bundesumweltministeriums (BMUB) sowie von anderen Gebern. Die KfW Entwicklungsbank verwaltet die IKI-Projektmittel und zahlt sie in den Waldfonds (FEF) ein, wenn ein entsprechender Nachweis nach internationalen Standards erbracht wurde.

So konnten im Dezember 2013 aus IKI-Mitteln Emissionsreduktionen von insgesamt 2,47 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid-Äquivalent vergütet werden, das entspricht ungefähr dem durchschnittlichen jährlichen Pro-Kopf-Treibhausgasausstoß von etwa 216.000 Menschen in Deutschland¹. Zusätzlich legt der Bundestaat Acre dieselbe Menge an CO2-Zertifikaten still, so dass sie nicht weiter auf dem Kohlenstoffmarkt gehandelt werden können. Insgesamt stellt das BMUB über die IKI neun Millionen Euro für diesen fortschrittlichen REDD+ Finanzierungsmechanismus zur Verfügung. Weitere Mittel für das Projekt kommen vom Bundesentwicklungsministerium (BMZ).

Nutzen aus Waldschutz gerecht verteilen

Fábio VazAus den Mitteln des FEF werden viele unterschiedliche Maßnahmen zum Schutz und zur nachhaltigen Bewirtschaftung des Waldes finanziert. Sie eröffnen der lokalen Bevölkerung neue Einkommensquellen, die den Wald schonen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Außenstellen von SEDENS verantworten die Umsetzung der ausgewählten Maßnahmen. Sie arbeiten mit lokalen Kooperativen, Verbänden von Kleinbauern, Genossenschaften und mit Sammelreservaten zusammen, die von Kautschukzapfern und anderen lokalen Gemeinschaften bewirtschafteten werden. Die Vertragspartner verpflichten sich, nicht weiter Abzuholzen und keine Feuerrodung zu betreiben. Dafür erhalten sie Fördermittel, die sie dann beispielsweise nutzen können, um auf nachhaltige Landwirtschaft umzustellen. Eine effizientere Viehhaltung ist ein besonders wichtiger Ansatzpunkt: "Im Schnitt 1,5 Rinder auf einem Hektar Weidefläche zu haben, ist entschieden zu wenig. Die extensive Rinderhaltung besetzt mit zirka 1,7 Millionen Hektar 80 Prozent der entwaldeten Fläche des Bundesstaates. Eine Intensivierung ist möglich und notwendig um dem Flächendruck auf die Wälder Einhalt zu gebieten", erläutert Vaz die Herausforderung. "Wir werden, beginnend mit 500 Familienbetrieben, positive Beispiele für nachhaltige Milch- und Fleischproduktion schaffen. Dabei geht es um die Einführung besserer Methoden für Tierzucht, Weidemanagement und Tierhygiene. Zudem werden die Vermarktungsketten ausgebaut, um höhere Einkommen zu erzielen." Maßnahmen zur Förderung nachhaltiger Fortwirtschaft, Kleintierhaltung, Fischzucht und Honigproduktion in den Sammlerreservaten Chico Mendes und Juruá sind weitere Beispiele, für die Zusammenarbeit zwischen SEDENS und der lokalen Bevölkerung – ermöglicht durch die REDD+ Mittel.

Die REDD+ Finanzierung und die damit umgesetzten Maßnahmen wirken: Im Jahr 2013 nahm die Entwaldungsrate im Bundesstaat Acre deutlich ab – um mehr als ein Drittel im Vergleich zum Vorjahr und entgegengesetzt zum allgemeinen Trend im brasilianischen Amazonien. In den kommenden Jahren will die Regierung Acres diese positive Entwicklung fortsetzen. Das Erfolgsbeispiel Acre kann als Modell für weitere Bundesstaaten Brasiliens und für andere Tropenwaldländer dienen. Die Erfahrungen, die mit der ergebnisbasierten REDD+ Zahlung gesammelt werden, liefern zudem wichtige Informationen für die Ausgestaltung des REDD+ Mechanismus bei den internationalen Klimaverhandlungen.

Darstellung der Mittelflüsse im REDD+ Mechanismus in Acre:

Grafik zur Darstellung der Mittelflüsse im REDD+ Mechanismus in Acre

¹Basiert auf Daten von 2012; Quelle: Europäische Umweltagentur.