Ruanda: Grünes Wachstum und Klimaresilienz verbinden

Interview mit Louise Brown, Beraterin der Economic Advisory Initiative

Im Juni 2020 bat die Regierung von Ruanda um Unterstützung durch die Economic Advisory Initiative der NDC-Partnerschaft, um einen nachhaltigen Neustart der Wirtschaft in der Covid-19-Pandemie (Green Recovery) zu fördern. In diesem Interview berichtet Louise Brown, Wirtschaftsberaterin für die Initiative, über ihre Arbeit in dem ostafrikanischen Land.

Was sind die dringlichsten Probleme in Ruanda und welche Prioritäten setzt die Regierung für einen nachhaltigen Neustart der Wirtschaft? 

Die Regierung von Ruanda setzt sich proaktiv für ein grünes Wachstum ein. In ihrer Vision 2050 hat sie sich zum Ziel gesetzt, bis 2050 ein klimaneutrales, prosperierendes und einkommensstarkes Land zu werden. 

Die „Strategie für grünes Wachstum und Klimaresilienz“, die 2011 verabschiedet wurde und derzeit aktualisiert wird, zeigt einen Weg auf, mit dem sich dieses Ziel erreichen lässt. Ruanda war das erste afrikanische Land, das seinen überarbeiteten national bestimmten Klimaschutzbeitrag (NDC) zum Pariser Klimaschutzabkommen vorgelegt hat. Das Land hat allerdings ein niedriges Einkommensniveau und die Bevölkerung ist hauptsächlich von der Landwirtschaft abhängig. Das macht Ruanda sehr anfällig für die Auswirkungen des Klimawandels. Die COVID-19-Pandemie und der damit verbundene globale Lockdown hatten verheerende Auswirkungen auf die ruandische Wirtschaft und Bevölkerung. Der Tourismus kam praktisch zum Erliegen, Lieferketten und Exporte im Binnenland wurden beeinträchtigt, die Umsetzung einer ganzen Reihe von Entwicklungsprojekten verlangsamte sich. Die Folge war, dass gefährdete Bevölkerungsgruppen noch mehr an den Rand gedrängt wurden. 

Angesichts dieser Krise besteht die Priorität für die Regierung darin, ein Netz der sozialen Sicherung für die schwächsten Haushalte zu schaffen. Dazu zählen vor allem diejenigen, die ihre Einkommensquelle verloren haben. Für den Erhalt von Arbeitsplätzen gilt es außerdem, die Zahlungsfähigkeit von Unternehmen zu wahren. Das Gesamtziel ist, die Bedingungen für einen schnellen Neustart zu schaffen, sobald die internationale Wirtschaft wieder angekurbelt wird, damit das Land wieder auf Kurs kommt und seine mittel- und langfristigen Entwicklungsziele erreichen kann. 


Louise Brown arbeitet im Rahmen des IKI-Projekts Politikdialog und Wissensmanagement zur Entwicklung von Niedrigemissionsstrategien für die Economic Advisory Initiative.

Sie ist ausgebildete Umweltökonomin und arbeitet seit 12 Jahren im Bereich der Klimafinanzierung. Foto: privat

Welchen Stellenwert hat der Ansatz „Green Recovery“ für die ruandische Regierung?

Green Recovery ist ein entscheidender Bestandteil der ruandischen Agenda für die wirtschaftliche Erholung und das wirtschaftliche Wachstum. Das Land verfügt über einen Wettbewerbsvorteil in kohlenstoffarmen, klimaresilienten Sektoren, daher gibt es bereits einen klaren politischen Rahmen zur Förderung von grünem Wachstum. 

Seit März 2021 unterstützen Sie das Ministerium für Wirtschaftsplanung und Finanzen. Worin besteht Ihre Aufgabe und wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Meine Aufgabe als Wirtschaftsberaterin besteht darin, die Regierung von Ruanda dabei zu unterstützen, ihre Ambitionen zur Anpassung an den Klimawandel und ihre Planung für Green Recovery besser aufeinander abzustimmen - und die notwendigen Ressourcen dafür zu mobilisieren. Dazu gehört, die Bereiche zu bewerten, in denen die Abstimmung verbessert werden könnte, und Empfehlungen für politische, institutionelle, koordinierende und finanzielle Maßnahmen zur Stärkung der Green Recovery und des Wachstums auszusprechen. Es beinhaltet auch, Möglichkeiten für eine Mobilisierung von Ressourcen aus einer Reihe von öffentlichen und privaten Quellen zu identifizieren, welche die Entwicklung von Projekten und Schulungsmaterialien unterstützen. 

Im Rahmen dieser Aufgabe arbeite ich eng mit dem Ministerium für Wirtschaftsplanung und Finanzen und dem Umweltministerium zusammen und berate mich mit vielen verschiedenen Interessengruppen. Dazu gehören Vertreterinnen und Vertreter von Regierungsstellen, Akteurinnen und Akteure aus dem privaten Sektor und dem Finanzsektor, der Zivilgesellschaften und Entwicklungspartnerinnen und -partner.  

Welche besonderen Erfahrungen haben Sie bisher bei Ihrer Arbeit als Beraterin in Ruanda gemacht? 

In Ruanda gibt es den starken politischen Willen, ein klimaresilientes, grünes Wachstum zu fördern, und die Anpassung an den Klimawandel in allen Sektoren auf nationaler und lokaler Ebene in die Entwicklung einzubinden. Darüber hinaus gibt es einen strategischen und gut koordinierten Ansatz für die Entwicklungsplanung und starke Regierungssysteme für die Übernahme von Verantwortlichkeiten. Damit hat Ruanda einen guten Stand für eine erfolgreiche Umsetzung von Maßnahmen für einen nachhaltigen Neustart der Wirtschaft. Es bleibt noch eine Reihe von Herausforderungen, die es zu überwinden gilt. Dazu zählen begrenzte Kapazitäten und Finanzmittel, um alle vorrangigen Maßnahmen im geplanten Zeitrahmen umzusetzen sowie eine übermäßige Abhängigkeit von Gebermitteln und externer technischer Unterstützung. Diese Hindernisse werden jedoch schrittweise durch strategische Investitionen in nationale Institutionen, Systeme und Kapazitäten sowie eine breitere Basis an Ressourcen abgebaut. 



Die Economic Advisory Initiative

Mit dem Einsatz von Beraterinnen und Beratern unterstützt die IKI ihre Partnerländer in der Corona-Krise darin, wirtschaftliche Konjunkturmaßnahmen mit Klima- und Biodiversitätszielen zu vereinen.

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„Ein grüner Wirtschaftsaufschwung erfordert einen gesamtwirtschaftlichen Ansatz, der alle Sektoren und alle Ebenen der Wirtschaftstätigkeit einbezieht.“

Louise Brown

Welche Erkenntnisse können Sie an andere Fachleute weitergeben, die den Ansatz „Green Recovery“ in die Tat umsetzen wollen?

Green Recovery erfordert einen gesamtwirtschaftlichen Ansatz, der alle Sektoren und Ebenen der Wirtschaftstätigkeit miteinbezieht. Das reicht von der internationalen Ebene (z.B. Beteiligung des Handels und von Investorinnen und Investoren) über die nationale Ebene (z.B. Entwicklungsplanung und Budgetprozesse) bis zur lokalen Ebene (z.B. Planung auf Bezirksebene und lokale Landnutzung). 

Dieser Ansatz muss idealerweise von Finanzministerien vorangetrieben werden. Diese verfügen über den notwendigen politischen und finanziellen Einfluss, um die Maßnahmen in allen Sektoren durchzusetzen. Dazu braucht es auch eine enge Abstimmung mit den Umweltministerien und den Ministerien anderer Sektoren, die über die technische Expertise zur Planung von Maßnahmen zur Minderung und Anpassung an den Klimawandel verfügen. 

Es handelt sich um einen Prozess, der die Zustimmung und das Engagement aller Beteiligten erfordert, einschließlich der Regierungsbehörden, des privaten Sektors, der Zivilgesellschaft, Entwicklungspartnerinnen und -partner sowie der Gemeinden und Haushalte. Um diese Akzeptanz zu gewährleisten, muss die Regierung eine klare politische Ausrichtung vorgeben und strategische Ziele festlegen. Wichtig sind auch eine gute Kommunikation, geeignete Anreize für Maßnahmen im privaten Sektor sowie starke und stabile Institutionen. 

Louise, vielen Dank für das Gespräch und die Einblicke in Ihre Arbeit in Ruanda!