Interview mit Jennifer Morgan (Executive Director, Greenpeace) und Norbert Gorißen (BMU/IKI) – Teil II

„Wir brauchen den Systemwechsel hin zu einer emissionsarmen Wirtschaft“

Jennifer Morgan und Norbert Gorißen im Gespräch mit der IKI-Redaktion

 

Welche Elemente der IKI waren in den letzten Jahren besonders effektiv? Und welche zusätzlichen Entwicklungen werden benötigt?

Norbert Gorißen: Mit der IKI haben wir wichtige Kapazitäten in den Umweltministerien aufgebaut, um die komplexe Funktionsweise des Pariser Abkommens besser zu verstehen und umzusetzen. Zukünftig wollen wir insbesondere die Entwicklung von Langzeitstrategien fördern. So können die Länder langfristig Programme entwickeln und bis 2050 und darüber hinaus planen.

Ein anderes wichtiges Thema ist „Just transition“. Wir müssen auch die sozialen Auswirkungen stärker in den Blick nehmen und unsere Partnerländer dabei unterstützen, die Dekarbonisierung so umzusetzen, dass die damit einhergehenden sozialen Umbrüche vernünftig gemanagt werden.

Wie können Sie die Umsetzung in den Partnerländern so stärken, dass die Länder ihre Beiträge zum Paris-Abkommen erhöhen wollen und auch können?

Norbert Gorißen: Ein Schwerpunkt der IKI ist es, die Umsetzung des Paris-Abkommens voranzubringen. Deshalb unterstützen wir die Partnerländer bei der Umsetzung ihrer NDCs und der Ambitionssteigerung. Das alles passiert im Kontext der NDC-Partnerschaft: Hier sollen viele Akteure die Länder unterstützen und dabei koordiniert sowie konzentriert an der Umsetzung eines NDCs zusammenarbeiten. Wir brauchen aber auch eine langfristige Orientierung, die am 1,5-Grad-Ziel des Paris-Abkommens ausgerichtet sein muss.

Die IKI leistet nicht nur länderspezifische Zusammenarbeit, sondern fokussiert neuerdings auch größere Themenkomplexe, u.a. um „Leerstellen“ der internationalen Klimazusammenarbeit aufzugreifen. Wir bieten Finanzierungsoptionen für Städte und thematisieren die Dekarbonisierung der Industrie. Wir wollen solche neuen Themen auch ganz gezielt ausschreiben, Vorschläge hören und dafür größere Projekte beispielhaft in bestimmten Regionen der Welt fördern.



"Wir müssen auch die sozialen Auswirkungen der Dekarbonisierung stärker in den Blick nehmen."

Norbert Gorißen, BMU/IKI




"Es geht jetzt wirklich ans Eingemachte. Deswegen brauchen wir Mut und Herz."

Jennifer Morgan, Greenpeace

Frau Morgan, was würden Sie dem BMU und der IKI empfehlen, wie sie die ressortübergreifende Klima- und Entwicklungszusammenarbeit verbessern können?

Jennifer Morgan: Der Fokus muss auf einem Systemwechsel hin zu einer emissionsarmen und letztlich emissionsfreien Wirtschaft liegen. Das braucht aber mehr als eine Fokussierung auf das Energiesystem. Ein Weg wäre, intensiver mit neuen Akteuren im Finanzsektor und der Wirtschaft zusammen zu arbeiten. In Ländern wie Deutschland sind die Interessensansprüche der alten Konzerne, die von der fossilen Ökonomie profitieren, ein großes Problem. Diese Machtdynamik muss verändert werden, indem man nachhaltige Geschäftsmodelle fördert. Meiner Meinung nach ist es ebenso wichtig, die Kosten der Klimakrise deutlicher herauszustellen, also entsprechende wissenschaftliche Studien zu unterstützen und das Wissen den Betroffenen zugänglich zu machen.

In den letzten Jahren gab es einen starken Backlash gegen den Klimaschutz und viel Desinformation zum Klimawandel. Stellt das für Sie in Ihrer täglichen Arbeit ein Problem dar und wie gehen Sie damit um?

Jennifer Morgan: Nirgendwo ist das Problem so groß wie in den USA: Man erkennt sehr deutlich, wessen Interessen umgesetzt werden und wer hinter vermeintlich wissenschaftlichen Studien steht. Das tritt jetzt allerdings sogar in den USA in den Hintergrund. Denn die Klimakrise ist bereits stark spürbar, sie wird wahrgenommen. Wir brauchen hier Politikerinnen und Politiker die mutig genug sind, das Notwendige zu tun.

Norbert Gorißen: Ich sehe in den Klimaleugnern auch keinen bedeutenden Einfluss. Unser tägliches Problem ist vielmehr das Unverständnis gegenüber der finanziellen Unterstützung bestimmter Projekte, für die wir uns rechtfertigen müssen: Warum macht ihr das, können die das nicht selbst? Sollte das nicht nur für die Allerärmsten sein? Das sind typischen Fragen, mit der auch die Entwicklungspolitik häufig konfrontiert wird.

Jennifer Morgan: Allerdings verliert Deutschland im Moment zunehmend die Glaubwürdigkeit auf internationaler Ebene. Das ist natürlich nicht vergleichbar mit den USA. Aber dass die Emissionen in einigen Sektoren steigen, insgesamt seit zehn Jahren stagnieren und Deutschland seine Klimaziele verfehlt, das ist ein Problem für die IKI und für die deutsche Klimadiplomatie.

Was ist Ihr wichtigster Wunsch an die Klimaprojektarbeit in den nächsten zehn Jahren?

Norbert Gorißen: Mehr Konsequenz und Kohärenz, das ist mein Wunsch. Bessere Koordinierung zwischen den verschiedenen Akteuren, die Einfluss auf Klimapolitik und Investitionen nehmen. Das gilt definitiv auch für Deutschland. Es ist inkonsequent, zum Beispiel über asiatische Entwicklungsbanken Business-as-usual-Investitionen mitzufinanzieren, gleichzeitig aber mit der IKI und dem BMZ zu versuchen, in Asien weniger auf fossile Energien zu setzen. Wie viel effektiver könnten wir sein, wenn wir wirklich alle an einem Strang ziehen würden!

Jennifer Morgan: Ich wünsche mir Unterstützung für neue Akteure wie die indigenen Völker, die für Systemwandel stehen. Die Regierungen handeln angesichts des Klimanotstands derzeit nicht adäquat, sie tun nicht das Notwendige. Wenn wir alles den Regierungen überlassen, werden wir es nicht schaffen. Wir brauchen Unterstützung von sehr mutigen Menschen in verschiedenen Ländern. Das wünsche ich mir für die nächsten zehn Jahre.

Sind Sie persönlich optimistisch, dass wir die Klimakrise in den Griff bekommen?

Norbert Gorißen: Ohne Hoffnung geht es nicht. Zurzeit entwickelt sich eine neue Dynamik in der öffentlichen Debatte, die mich positiv stimmt. Aber ich erlebe gleichzeitig, wie wenig der Klimaschutz in den Köpfen angekommen ist. Viele glauben immer noch, wir könnten mit unserer normalen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik weitermachen und müssten dann noch ein Pflaster draufkleben für den Klimaschutz.

Jennifer Morgan: Ich bin optimistisch, weil ich in meiner Arbeit täglich das Engagement so vieler Menschen weltweit für den Klimaschutz erlebe, Jung und Alt, egal mit welchem gesellschaftlichen Hintergrund. Der erste Klimabericht in den USA wurde 1965 veröffentlicht. Hätten wir früher gehandelt, hätte ich noch mehr Hoffnung. Es geht jetzt wirklich ans Eingemachte. Und deswegen brauchen wir jetzt Mut und Herz.



Jennifer Morgan

Jennifer Morgan, 53, wuchs im US-Bundestaat New Jersey auf. In ihrer Laufbahn bekleidete sie führende Positionen bei mehreren großen Umweltorganisationen und Forschungsinstituten wie dem WWF, Third Generation Environmentalism (E3G) und dem World Resources Institute (WRI). Seit 2016 ist sie Geschäftsführerin von Greenpeace International.

Norbert Gorißen

Norbert Gorißen, 61, leitet die Unterabteilung „Internationales“ im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. Seit 2008 baute er die Internationale Klimaschutzinitiative auf. Er ist stellvertretendes Direktoriumsmitglied im Green Climate Fund (GCF) und war EU-Chefunterhändler für Klimafinanzierung bei den Verhandlungen für das Pariser Abkommen. Er ist seit 20 Jahren im BMU tätig und hat sich dort insbesondere mit EU-Umweltpolitik und dem Ausbau der erneuerbaren Energien befasst.

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Lesen Sie Teil I des Interviews mit Jennifer Morgan und Norbert Gorißen.

Zum ersten Teil