24.09.2026

Doppelte Ernte

Freistehende Agri-Photovoltaikanlage mit Solarmodulen auf Metallgestell über landwirtschaftlicher Fläche in ländlicher Umgebung Armeniens mit Hügeln und Häusern im Hintergrund
Das Agrivoltaik-Konzept: Brombeeren gedeihen unter Solarmodulen

In einem armenischen Bergdorf verbinden Solarmodule saubere Energie mit nachhaltiger Landwirtschaft – und zeigen, wie Klimaschutz und Ernährungssicherung zusammengedacht werden können.

Wenn über Gndevaz der Morgen anbricht und die Sonne ihre goldenen Strahlen über die sanften Hügel wirft, erntet Nunufar Frangulyan, eine Frau aus dem armenischen Bergdorf Gndevaz, die erste Ernte der Pflanzen, die sie in den vergangenen Monaten sorgfältig gepflegt hat. 

Frau mit gestreiftem Sonnenhut und gepunktetem Oberteil arbeitet in einem Garten mit Pflanzen und Beeren in Armenien
Diese erste Ernte ist ein Rettungsanker, mit dem wir wichtige medizinische Ausgaben decken können. Aber mehr noch: Sie gibt uns Hoffnung.
Nunufar Frangulyan bewirtschaftet ein Agivoltaikfläche

Nunufar sammelt dornenlose Brombeeren, die im schützenden Schatten neu installierter Solarmodule gedeihen. Die erste Ernte ist mehr als nur ein landwirtschaftlicher Erfolg: Sie zeigt, wie lokal angepasste Innovationen vielfältige Vorteile gleichzeitig schaffen können. Durch die Kombination von erneuerbarer Energieerzeugung und Lebensmittelproduktion trägt die Initiative dazu bei, die lokalen Lebensgrundlagen zu stärken und gleichzeitig den Klimaschutz voranzutreiben. 

Es wird erwartet, dass die Initiative jährlich 13,4 Tonnen CO₂-Emissionen vermeidet – das entspricht einer Autofahrt, mit der man mehr als zweimal die Welt umrunden könnte.

Nunufar und ihr Ehemann Barsegh Harutyunyan stehen im Mittelpunkt dieses wegweisenden Projekts im ruhigen armenischen Hochland. Sie bewirtschaften das Grundstück und setzen den innovativen Ansatz der Agri-Photovoltaik – also die landwirtschaftliche Nutzung von Flächen unter Solarmodulen – in die Praxis um. 

Eingeführt wurde dieser Ansatz von der gemeinnützigen Stiftung „Armenian Energy Agency“ (AEA) und unterstützt von Deutschlands Internationaler Klimaschutzinitiative (IKI) über das IKI Small Grants Programm.

Begrenzte Flächen für Klimaschutz und lokale Lebensgrundlagen nutzen

Die bergige Landschaft Armeniens stellt eine besondere Herausforderung dar: Es gibt nur begrenzt landwirtschaftlich nutzbare Flächen, während gleichzeitig die dringende Notwendigkeit besteht, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen durch den Ausbau erneuerbarer Energiesysteme zu verringern. Dies führt häufig zu schwierigen Entscheidungen darüber, wie Land genutzt werden soll.

Als Antwort auf diese Herausforderung setzt das Projekt einen zukunftsweisenden Ansatz um:  Solarmodule und Landwirtschaft können denselben Raum gemeinsam nutzen – und dabei sowohl dem Klimaschutz als auch den lokalen Gemeinschaften zugutekommen.

Im Jahr 2024 wurde im Rahmen der Initiative eine netzgekoppelte Solaranlage mit einer Leistung von 25 kW installiert. 

Sie erzeugt jährlich rund 40.000 kWh saubere Energie – genug, um etwa 3.000 energieeffiziente Haushalte einen Tag lang mit Strom zu versorgen.

Zudem beleuchtet die Anlage einen 1.250 Meter langen gemeinschaftlichen Fußweg, wodurch auch touristische Aktivitäten gefördert werden.

Doch damit nicht genug. Der Agrivoltaik-Ansatz kommt auch den Brombeeren zugute, die unter den Solarmodulen gedeihen. Der Anbau dornenloser Brombeeren wurde gemeinsam von der Gemeinde Jermuk und dem landwirtschaftlichen Experten des Projekts beschlossen. Die Pflanzen gedeihen unter den Solarmodulen besonders gut, da sie weniger direkter Hitze ausgesetzt sind und durch die geringere Verdunstung weniger Wasser verlieren. Unterstützt wird dies durch ein Tropfbewässerungssystem, das installiert wurde, um den Wasserverbrauch in dieser wasserarmen Region zu optimieren.

Chancen für Frauen und Menschen mit Behinderungen schaffen

Für Nunufar und Barsegh geht es bei dem Projekt um weit mehr als Solarmodule und Brombeeranbau. Es bietet ihnen die Möglichkeit, Einkommen zu erzielen und eine sichere Zukunft aufzubauen.

Ein Mann in einem kurzärmligen Hemd steht unter einer Solaranlage und blickt nach unten.
Die Arbeit auf dieser Fläche ermöglicht es uns, unseren Lebensunterhalt in echter Würde zu verdienen.
Barsegh Harutyunyan bewirtschaftet ein Agrivoltaikfläche

Barsegh, der eine Behinderung hat, hat durch das Projekt die Möglichkeit erhalten, die Fläche zu bewirtschaften.

Ein zentraler Bestandteil des Projekts ist sein Engagement für soziale Gerechtigkeit, insbesondere durch die Schaffung von Chancen für Frauen und marginalisierte Gruppen. In Zusammenarbeit mit der Gemeinde Jermuk wurde Nunufars Familie ausgewählt, das landwirtschaftliche Grundstück zu bewirtschaften. Sie erhielten gesicherte Nutzungsrechte für das Land sowie für fünf Jahre Anspruch auf 100 Prozent der Erträge aus der Ernte. Dies schafft wichtige Stabilität und gibt ihnen Zeit, ihre Bewirtschaftung aufzubauen und langfristig zu planen.

Die Menschen, die vor Ort mit den Herausforderungen leben, sind zugleich am besten in der Lage, Lösungen zu entwickeln, die den lokalen Gegebenheiten gerecht werden. Daher haben sie ein starkes Interesse daran, die Ergebnisse des Projekts langfristig zu sichern. Die nachhaltige Stärke der Initiative liegt vor allem darin, dass Wissen und Verantwortung bei den Menschen vor Ort verbleiben.

Luiza Vardanyan, Generaldirektorin der AEA, betont die Bedeutung lokaler Führung, die Projekte wie dieses besonders wirksam macht: „Diese Erfahrung bestätigt, warum gemeinschaftsgetragene und inklusive Projekte wie dieses wichtig sind, um dauerhafte Veränderungen herbeizuführen.“

Eine lokale Lösung mit Potenzial für weitere Regionen

Die positiven Auswirkungen des Projekts gehen über die individuellen Geschichten von Nunufar und Barsegh hinaus. Die Vision des Projekts zeigt ein praxisnahes Modell für eine nachhaltige Landnutzung in Armenien und bietet eine skalierbare Lösung für andere Regionen, die mit begrenzten Landressourcen konfrontiert sind.

Das Projekt zeigt, dass Klimaschutz nicht mit anderen lokalen Prioritäten konkurrieren muss. Im Gegenteil: Viele miteinander verbundene Herausforderungen – etwa der Ausbau erneuerbarer Energien, die Lebensmittelproduktion, eine effiziente Wassernutzung und wirtschaftliche Chancen – können gemeinsam angegangen werden.

Mit der richtigen Unterstützung können Gemeinschaften lokale Herausforderungen in integrierte Lösungen verwandeln. Dadurch stärken sie die Grundlagen ihrer Lebensgrundlagen und tragen gleichzeitig dazu bei, diese langfristig zu schützen.

Auf diese Weise können die zeitlich begrenzte Finanzierung und die technische Unterstützung der Internationalen Klimaschutzinitiative nachhaltige Veränderungen bewirken: indem in Wissen und Fähigkeiten investiert wird, die es Gemeinschaften ermöglichen, Verantwortung für ihre Lösungen zu übernehmen und diese auch über den Förderzeitraum hinaus weiterzuführen.

Wenn die Sonne über Gndevaz untergeht, erzeugen die Solarmodule weiterhin saubere Energie, während unter ihnen die Brombeersträucher gedeihen. Für Nunufar und Barsegh steht die Ernte für mehr als nur eine stabile Einkommensquelle. Sie ist ein Zeichen der Hoffnung und Innovation und ermöglicht es Gemeinschaften, ihre Lebensgrundlagen zu stärken und Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen, um die Region zu schützen, die sie ihr Zuhause nennen.

Über die IKI Small Grants

Das Projekt wird über IKI Small Grants finanziert. Das Förderinstrument unterstützt lokale Lösungen für wirksamen Klima- und Biodiversitätsschutz. Das Programm ist Teil der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI) und wird vom Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) beauftragt. IKI Small Grants fördert Bottom-up-Lösungen und stärkt gleichzeitig lokale Akteurinnen und Akteure. Es wird durch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH umgesetzt.

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