30.09.2026

Parbatis Weg in Nepals elektrische Zukunft

Frau mit rotem Oberteil sitzt am Steuer eines Autos und lächelt, Mann sitzt auf dem Beifahrersitz und lächelt ebenfalls
Parbati bei einer praktischen Fahrausbildung, die vom Projekt unterstützt wurde.

Frauen finden neue Wege, an Nepals Wandel hin zu elektrischem Verkehr teilzuhaben, und schaffen damit Chancen in einem traditionell von Männern dominierten Sektor.

Seit mehr als 20 Jahren fährt Parbati Shrestha durch die engen, überfüllten Straßen Kathmandus. Jeden Morgen noch vor Sonnenaufgang setzt sie sich ans Steuer ihres Safa Tempos – eines kleinen elektrischen Dreirads, das die Stadt seit den 1990er-Jahren leise und zuverlässig bewegt. Für Parbati ist das Fahren mehr als nur ein Beruf. Es ist ihre Lebensgrundlage.

Ihre Geschichte zeigt, wie das Projekt Nepal – Electric Transportdazu beiträgt, sicherzustellen, dass der Übergang des Landes zu sauberer Mobilität auch neue Chancen für Frauen in einem traditionell von Männern dominierten Sektor schafft.
 

Die Liebe, die ich für meine Kinder empfinde, ist genauso stark wie meine Liebe zum Autofahren. Das Autofahren hat mir erst die Möglichkeit gegeben, für sie zu sorgen. Hätte ich es aufgegeben, hätte ich alles aufgegeben.
Parbati Shrestha, Fahrerin in Nepal

Nepals Verkehrssektor

Nepals Verkehrssektor hat sich in den vergangenen Jahren rasant verändert. Heute verursacht der Verkehr rund 12,5 Prozent der Treibhausgasemissionen des Landes. Grund dafür ist die starke Abhängigkeit vom Straßenverkehr: Fast 98 Prozent des Energieverbrauchs im Verkehrssektor entfallen auf Straßenfahrzeuge, von denen die meisten mit importierten fossilen Brennstoffen betrieben werden.

Gleichzeitig setzt Nepal zunehmend auf Elektrifizierung. Die Regierung fördert Elektrobusse, Straßenbahnen und andere Elektrofahrzeuge. Bis 2030 sollen 90 % der Verkäufe privater Fahrzeuge und 60 Prozent der Verkäufe öffentlicher Fahrzeuge elektrisch sein. Unterstützt wird dies durch steuerliche Anreize und den Ausbau der Ladeinfrastruktur.

Kathmandu – eine Stadt unter Druck

Das von Bergen umgebene, schüsselförmige Kathmandu-Tal hält die Luftverschmutzung in der Stadt fest. Seit den 1990er-Jahren haben die rasche Urbanisierung und das Bevölkerungswachstum die Luftqualität erheblich verschlechtert, während die Zahl der Straßenfahrzeuge zunahm.

Der öffentliche Verkehr ist nach wie vor begrenzt: Für viele Einwohnerinnen und Einwohner ist die nächste Haltestelle des öffentlichen Nahverkehrs weiter weg als eine übliche fußläufige Entfernung. Die Stadt verfügt weder über eine U-Bahn noch über eine Stadtbahn oder ein Schnellbus-System.

Vor diesem Hintergrund begann die Geschichte der Elektromobilität.

Die stille Revolution der Safa Tempos

Safa Tempos in Nepal: elektrische Dreiräder, die im öffentlichen Nahverkehr eingesetzt werden und ein fester Bestandteil der Elektromobilitätslandschaft sind.

Als sich die Luftverschmutzung verschärfte, beschloss die nepalesische Regierung Ende der 1990er-Jahre, umweltschädliche Dreiräder schrittweise aus dem Verkehr zu ziehen. „Safa Tempos“ entwickelten sich zu einer Alternative. Sie werden mit Batterien betrieben, vor Ort montiert und eignen sich besonders gut für die engen Straßen Kathmandus. Schnell wurden sie zu einem unverzichtbaren Bestandteil des städtischen Verkehrsnetzes.

Nachdem die nepalesische Regierung 1993 Diesel-Tempos verboten hatte, waren zahlreiche elektrische Dreiräder auf den Straßen unterwegs. Anfang der 2000er-Jahre war die Flotte auf mehr als 600 Fahrzeuge angewachsen.

Zu einer Zeit, als Elektromobilität weltweit noch ein Nischenkonzept war, hatte Kathmandu bereits eines der frühesten Beispiele für elektrischen öffentlichen Nahverkehr in Südasien geschaffen. Safa Tempos sind bis heute ein wichtiger Bestandteil des Alltags im Tal und zeigen, dass elektrischer Verkehr auch in einem sich entwickelnden urbanen Umfeld funktionieren kann.

Gesellschaftliche Normen überwinden

Als Parbati 2003 Fahrerin wurde, galt der Verkehrssektor in Nepal als Männerdomäne. Frauen machten eine Minderheit der Beschäftigten im Verkehrssektor aus. Gesellschaftliche Erwartungen, Sicherheitsbedenken und ein begrenzter Zugang zu Ausbildung hielten viele Frauen davon ab, in diesem Bereich zu arbeiten.

Doch Parbati sah die Dinge anders.

Gemeinsam mit 16 weiteren Personen nahm sie an einer Fahrausbildung teil, sechs von ihnen waren Frauen.

Das Fahren eines Safa Tempos bot ihr etwas, das andere Arbeitsplätze nicht bieten konnten: Kontrolle über ihr Einkommen und ihre Arbeitszeiten. Als Besitzerin und Fahrerin ihres eigenen Fahrzeugs konnte sie selbst entscheiden, wann sie fuhr, wie lange sie arbeitete und wie sie ihre Finanzen verwaltete.

Ihr Einkommen wurde zur Grundlage für den Lebensunterhalt ihrer Familie. Damit bezahlte sie Miete, Lebensmittel und die Ausbildung ihrer Kinder. Gleichzeitig deckte sie die laufenden Kosten für den Betrieb ihres Fahrzeugs – Batteriewechsel, Wartung und Kreditrückzahlungen.

Eine Flotte am Ende ihrer Lebensdauer

Ein Schulungsfahrzeug, mit dem die Entwicklung praktischer Kompetenzen für Nepals Übergang zu einem nachhaltigen elektrischen Verkehrssystem unterstützt wird.

Heute ist das System, das Parbatis berufliche Laufbahn ermöglicht hat, bedroht. Die Safa-Tempo-Flotte ist in die Jahre gekommen. Ursprünglich wurden Betriebsgenehmigungen für 20 Jahre erteilt; viele Fahrzeuge haben bereits die gewährte Verlängerung um zehn Jahre erhalten und ausgeschöpft. Nun nähert sich auch diese Verlängerung ihrem Ende. Es bleiben nur noch wenige Jahre, und es gibt keine klare Entscheidung darüber, wie es danach weitergehen soll.

Der Ersatz der Fahrzeuge erfordert erhebliche Investitionen, während der Zugang zu erschwinglichen Krediten weiterhin schwierig ist. Die hohen Batteriekosten führen dazu, dass viele Fahrerinnen und Fahrer auf informelle Finanzierungsmöglichkeiten oder gebrauchte Ersatzteile zurückgreifen, um ihre Fahrzeuge betriebsfähig zu halten. Gleichzeitig kommen neue Arten von Elektrofahrzeugen auf den Markt.

Für Fahrerinnen und Fahrer, die jahrzehntelang hinter dem Steuer verbracht haben, ist die Zukunft der Safa-Tempo-Flotte daher eine zutiefst persönliche Angelegenheit.

Auf dem Weg in die Zukunft

Praktische Schulung zum Thema Elektromobilität.

Das Projekt Nepal – Electric Transport arbeitet daran, den Übergang Nepals zur Elektromobilität inklusiv und nachhaltig zu gestalten. Ein wichtiger Schwerpunkt liegt dabei auf der Unterstützung von Frauen, damit sie an der nächsten Generation des elektrischen Verkehrs teilhaben können. 

Für Parbati bedeutete dies, in die nächste Phase ihrer beruflichen Laufbahn einzutreten. Als das Projekt ein Ausbildungsprogramm für Fahrerinnen und Fahrer elektrischer Kleinbusse startete, bewarb sie sich.

Der Wechsel von einem Dreirad zu einem größeren Fahrzeug erfordert einen neuen Führerschein, andere Fahrkenntnisse und das nötige Selbstvertrauen, um unter anspruchsvolleren Bedingungen zu fahren. Die Ausbildung umfasst unter anderem das Fahren von Achten, das Anfahren an Steigungen und das Navigieren auf einem Übungsparcours. Unter Anleitung der Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer und mit Unterstützung ihrer Kolleginnen und Kollegen wächst das Selbstvertrauen.

Die Finanzierungslücke schließen

Teilnehmerinnen und Trainer während einer Fahrschulung für Frauen.

Parbati besitzt inzwischen einen Führerschein für vierrädrige Fahrzeuge. Das Fahrzeug selbst ist jedoch eine andere Frage. Im Jahr 2025 verschärfte die Zentralbank das Beleihungsverhältnis bei der Finanzierung von Fahrzeugen von 80:20 auf 60:40. Damit verdoppelte sich die Anzahlung, die ein Käufer leisten muss.

Das Projekt schließt einen Teil dieser Finanzierungslücke, aber nicht die gesamte. Für Fahrerinnen bedeutet die verbleibende Lücke von 40 Prozent eine erhebliche Hürde. Besonders schwer wiegt sie für Frauen, die historisch deutlich schlechteren Zugang zu Krediten und zu Eigentum auf ihren eigenen Namen hatten.

Seit der Ausbildung ermutigt Parbati auch andere Frauen aus der Safa-Tempo-Gemeinschaft, an der zweiten Ausbildungsrunde teilzunehmen. Sie berichtet darüber, wie die Ausbildung eine Gemeinschaft von Frauen mit gemeinsamen Fähigkeiten und Ambitionen sowie einem gegenseitigen Unterstützungsnetzwerk geschaffen hat, während sie in den Bereich der elektrischen Kleinbusse wechseln.

Das Interesse unter Frauen wächst, und die Zahl der Bewerbungen für das Programm ist gestiegen. Viele Frauen erfahren durch Mundpropaganda davon.

Ihre Erfahrungen zeigen: Frauen sind bereit, in den elektrischen Verkehrssektor Nepals einzusteigen und ihn weiter mitzugestalten – wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gibt. 

Parbati hat 20 Jahre lang ihr eigenes Fahrzeug selbstbestimmt betrieben. Und sie hat vor, dies auch weiterhin zu tun.

Projekterfolg in Zahlen

22 t CO2-Äq

konnte das Projekt Nepal - Electric Transport bislang reduzieren. 

IKI-Unterstützung für die Mitigation Action Facility

Die Mitigation Action Facility – ein multilaterales Förderprogramm – stellt technische Unterstützung und Finanzierung bereit, um die Umsetzung ambitionierter Minderungsmaßnahmen zu fördern. Sie treibt die Dekarbonisierung in den drei Schwerpunktsektoren Energie, Verkehr und Industrie voran. Einer ihrer wichtigsten Finanzierungspartner ist die deutsche Bundesregierung, die ihre Unterstützung über die Internationale Klimaschutzinitiative (IKI) bereitstellt.

Hinweis

Am 26. August 2026 löste ein Berg- und Gletschereinsturz in den Lhende-Fluss einen großflächigen Murgang entlang der Grenze zwischen Nepal und China aus, von dem Rasuwa und die umliegenden Distrikte schwer betroffen waren. Die Katastrophe beschädigte Straßen, Brücken und andere Infrastrukturen und beeinträchtigte den öffentlichen Verkehr sowie die Lebensgrundlagen in den betroffenen Gebieten. Zu diesem Zeitpunkt waren etwa 195 über das Projekt unterstützte Fahrzeuge in der betroffenen Region im Einsatz. Einer ersten Einschätzung zufolge könnten 14 Fahrzeuge entlang des Grenzkorridors Rasuwagadhi–China verloren gegangen sein, während die möglichen Auswirkungen auf weitere 181 Fahrzeuge, die auf nahegelegenen Strecken unterwegs sind, noch bewertet werden.

Die Situation verdeutlicht die Anfälligkeit der Verkehrsinfrastruktur und der Lebensgrundlagen gegenüber klimabedingten Gefahren sowie die Bedeutung einer langfristigen Stärkung der Widerstandsfähigkeit des nepalesischen Verkehrssystems.

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Kontakt

IKI Office
Zukunft – Umwelt – Gesellschaft (ZUG) gGmbH
Stresemannstraße 69-71

10963 Berlin

Kontaktformular

Über das Projekt

Das Projekt Nepal – Electric Transport treibt die Elektrifizierung des öffentlichen Verkehrs im Land voran. Bis 2030 sollen 85 Prozent der neu angeschafften Klein- und Minibusse elektrisch sein, 3.500 Elektrofahrzeuge eingesetzt, die Ladeinfrastruktur ausgebaut und die politischen sowie institutionellen Rahmenbedingungen für Elektromobilität gestärkt werden. Finanziert wird das Projekt über die Mitigation Action Facility. 

Weitere Informationen: Nepal – Electric Transport