02.10.2026

Guardians of the Sea: Geisterfischerei in Kolumbien bekämpfen

Taucher in Tauchausrüstung hält ein großes Fischernetz unter Wasser

Mit Unterstützung der deutschen IKI Small Grants geht die lokale Organisation ECOMARES gegen Geisterfischerei vor – eine ernsthafte Bedrohung für das marine Leben in Kolumbien.

Der Golf von Tribugá an der Pazifikküste Kolumbiens ist geprägt von einer vielfältigen Biodiversität und traditionellen Gemeinschaften. Die Landschaft ist von Stränden, unberührten tropischen Feuchtwäldern und Mangroven durchzogen. Vor diesem Hintergrund holt Nelly Ibargüen tief Luft, zieht ihre Taucherbrille über den Kopf und taucht kopfüber in das türkisfarbene Wasser. Als sie wieder auftaucht, wirft sie einige Angelhaken und Leinen sowie abgerissene Stücke eines Fischernetzes ins Boot – Überreste von Fischereiausrüstung, die noch lange nach ihrem Verlust oder ihrer Aufgabe das marine Leben schädigen können.

Diese sogenannten Geisternetze und Gerätschaften liegen wie Geister auf den Riffen und fangen weiterhin selbstständig Fische und andere Meerestiere. Damit gefährden sie die reiche Biodiversität der Region und verringern die Fischbestände. Dies setzt das Ökosystem unter Druck und wirkt sich negativ auf die lokalen Gemeinschaften aus, die von diesen Ressourcen abhängig sind. Doch die lokalen Gemeinschaften sind nicht nur von diesem Problem betroffen. Sie sind zugleich ein zentraler Teil der Lösung.

Schutz der Riffe

„Ich bin hierhergekommen, um meinen Beitrag für diese schutzlosen Lebewesen im Meer zu leisten“, sagt Nelly Ibargüen. Sie ist eine der ausgebildeten Taucherinnen und Taucher der Initiative „Guardians of the Sea“, die von der lokalen Gemeinschaft getragen wird und sich dem Schutz der Riffe widmet.

Taucherinnen und Taucher entfernten im Rahmen des Projekts 224 Kilogramm an Gerätschaften aus 22 Hektar Meereslebensraum.

Das entspricht ungefähr dem Gewicht eines ausgewachsenen Delfins. Darüber hinaus nahmen 124 Fischerinnen und Fischer an Sensibilisierungsmaßnahmen teil und verpflichteten sich zu nachhaltigen Fischereipraktiken, um den Verlust von Geräten und Netzen zu verhindern.

Die Initiative knüpft an einen lokalen Prozess an, der 2016 vom Kakiri Diving Center und dem Gemeinderat „Los Riscales“ in Nuquí angestoßen wurde, einer Ortschaft am Golf von Tribugá an der Nordpazifikküste Kolumbiens. Sie basiert auf lokalem Wissen und dem Engagement der Gemeinschaft für den Schutz der Meeresumwelt, die ihre Lebensgrundlage sichert.

Mit Unterstützung der deutschen IKI Small Grants Initiative hat die kolumbianische Nichtregierungsorganisation ECOMARES diese lokalen Aktivitäten gestärkt und miteinander vernetzt. Die Organisation arbeitet mit den Guardians of the Sea und verschiedenen lokalen Akteuren zusammen und schafft so eine gemeinsame Front gegen die Geisterfischerei. Tauchteams entfernen schädliche Fanggeräte, während Fischerinnen und Fischer Strategien entwickeln, um deren Verlust zu verhindern. Gleichzeitig suchen Mitglieder der Gemeinschaft nach Möglichkeiten, geborgene Materialien wiederzuverwenden.

Lokale Gemeinschaften entwickeln wirksame Lösungen

Rund 16.000 Menschen aus afrokolumbianischen und indigenen Gemeinschaften leben in der Region. Die Geisterfischerei schädigt nicht nur die marine Biodiversität, sondern beeinträchtigt auch die Lebensgrundlagen dieser Gemeinschaften, da viele Menschen für ihre Ernährungssicherheit und ihren Lebensunterhalt auf die Fischerei angewiesen sind. Nelly ist auch Mitglied des Gemeinderats „Los Riscales“ in Nuquí. Die Stärke dieser Initiative liegt im Engagement der lokalen Gemeinschaft: Die Menschen, die unmittelbar von einem intakten Ökosystem abhängig sind, ergreifen selbst Maßnahmen zu seinem Schutz.

Frau mit dunklem Haar, schwarzer Kappe und hellblauem T-Shirt sitzt vor einem Hintergrund aus Bäumen und Wurzeln und spricht in ein Mikrofon an der Brust
Wenn wir die felsigen Riffe aufräumen, geht es auch um langfristige Ernährungssicherheit.
Nelly Ibargüen, Mitglied der „Guardians of the Sea“ und des Gemeinderats „Los Riscales“ in Nuquí.

Kreislauforientierte, lokal gefertigte Produkte

Lokale Kunsthandwerkende wie Yuliza Cabrera recyceln geborgene Geisterfanggeräte und verwandeln sie in Accessoires, Taschen und Haushaltsgegenstände

Die Initiative geht über die bloße Entfernung von Geisterfanggeräten hinaus: Sie beschäftigt sich auch mit dem möglichen Wert der geborgenen Materialien. Da die Möglichkeiten der lokalen Abfallentsorgung begrenzt sind, untersucht das Projekt sinnvolle Verwendungsmöglichkeiten für die gesammelten Gerätschaften. „Für mich bedeutet das, Abfall, der einst unsere Meerestiere bedroht hat, in etwas Schönes und Funktionales zu verwandeln. Mit jedem Stück, das wir herstellen, habe ich das Gefühl, dass wir ein Umweltproblem in eine sinnvolle Lösung verwandeln“, sagt Yuliza Cabrera, die an einem Kreativlabor für Recycling teilnimmt.

In diesem Labor experimentieren lokale Frauen und Kunsthandwerkende mit verschiedenen Verwendungsmöglichkeiten für die Materialien. Sie entwickeln Prototypen für Accessoires, Taschen und Haushaltsgegenstände. Der Prozess befindet sich noch in der Erprobungsphase, eröffnet aber einen wichtigen Dialog darüber, wie Materialien, die einst das marine Leben geschädigt haben, in etwas Nützliches verwandelt werden können.

Die Erfahrungen am Golf von Tribugá zeigen, wie wichtig lokal gesteuerte Maßnahmen für Klima- und Biodiversitätsschutz sind. Die Gemeinschaften sind nicht lediglich Begünstigte, sie identifizieren aktiv Herausforderungen, entwickeln Lösungen und setzen diese um. Genau deshalb werden sie die Ergebnisse des Projekts auch über dessen Laufzeit hinaus erhalten und weiterführen.

Die Rolle von IKI Small Grants für nachhaltigen Wandel

IKI Small Grants stellt wichtige Ressourcen, technische Unterstützung und Möglichkeiten bereit, damit lokale Lösungen entstehen und sich weiterentwickeln können. ECOMARES spielt eine entscheidende Rolle dabei, lokale Akteure miteinander zu vernetzen, ihre Kompetenzen zu stärken und die Erprobung neuer Ansätze zu ermöglichen. Der langfristige Erfolg der Initiative beruht darauf, dass die Gemeinschaft Wissen und Verantwortung selbst übernimmt. Die Guardians of the Sea können die Riffe weiterhin schützen, Fischerinnen und Fischer nachhaltige Praktiken anwenden und weitergeben, und Kunsthandwerkende können neue Verwendungsmöglichkeiten für geborgene Materialien entwickeln.

Das Projekt zeigt, wie eine zeitlich begrenzte Förderung dauerhafte Veränderungen anstoßen kann: nicht indem Abhängigkeiten von externer Finanzierung geschaffen werden, sondern indem die Gemeinschaft in die Lage versetzt wird, die Lösung selbstständig weiter voranzutreiben.

Als Nelly dieses Mal in das türkisblaue Wasser taucht, genießt sie die vielfältige marine Biodiversität und ist stolz auf ihren Beitrag zu deren Schutz. Davon zeugt auch eine Halskette, die aus Fischernetzen gefertigt wurde, die sie selbst gesammelt hat.

Über IKI Small Grants

IKI Small Grants unterstützt lokale Lösungen für wirksamen Klima- und Biodiversitätsschutz. Das Programm ist Teil der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI) und wird vom Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) beauftragt. IKI Small Grants fördert Bottom-up-Lösungen und stärkt gleichzeitig lokale Akteurinnen und Akteure. Es wird durch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH umgesetzt.

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Über die Organisation

ECOMARES ist eine 2009 in Kolumbien gegründete Nichtregierungsorganisation. Ihr Ziel ist es, zur Erforschung, zum Schutz und zur Wiederherstellung der biologischen Vielfalt beizutragen, insbesondere der marinen Ökosysteme. Neben ihren Naturschutzzielen möchte ECOMARES als Organisation national und international für die hohe technische Qualität ihrer Arbeit, ihre Professionalität und Dynamik sowie ihren positiven Einfluss auf die Erforschung und den Erhalt des Naturerbes anerkannt sein.

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