14.10.2026

Wie Heiler*innen in Kamerun Gesundheit und Artenschutz verbinden

Eine Frau mit kurzen, geflochtenen Haaren steht in einem Wald. Sie trägt ein weißes T-Shirt mit roten Ärmeln und dem Schriftzug 'Louis Vuitton' in goldener Farbe auf der Vorderseite. Im Hintergrund sind dichte grüne Pflanzen und Bäume zu sehen, der Boden ist mit trockenen Blättern bedeckt.

In Kameruns Regenwald läuft Charlotte Mbegna mit einem blauen Fass auf dem Rücken und bringt Medikamente. Die traditionelle Heilerin wurde von Project Bwanga ausgebildet und ist Teil eines IKI-Projekts, das Gesundheit, Gemeinschaften und den Schutz der Natur miteinander verknüpft.

Charlotte Mbegna aus dem Dorf Mbangoye läuft mit ihrem blauen Fass über eine matschige Straße in der Lobéké, einer Landschaft im Südosten Kameruns. In diesem Fass transportiert sie jedoch kein Wasser, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte. Sie ist vielmehr auf dem Weg zu einem Patienten und das Fass eine mobile Klinik. Denn Charlotte Mbegna ist eine traditionelle Heilerin der Baka-Gemeinschaft.

Gesunde Menschen, gesunder Wald: wie das zusammenhängt

Die mobilen Kliniken sind Teil des Projekts „In.For.Bio - Intakte und effektiv bewirtschaftete Wälder und Biodiversität als natürliche Barrieren zur Minderung des Klimawandels und des Risikos der Ausbreitung von Krankheitserregern“, in dem der WWF mit lokalen Partnern im Kongobecken zusammenarbeitet. Über die Förderung durch die Internationale Klimaschutzinitiative (IKI) unterstützt Deutschland damit Ansätze, die traditionelles Wissen und moderne Gesundheitsvorsorge kombinieren.

Nur Gemeinschaften mit medizinischer Versorgung können sich langfristig an Naturschutzmaßnahmen beteiligen.

Gesunde Gemeinschaften sind beim Schutz der biologischen Vielfalt sowie bei der Wiederherstellung und nachhaltigen Nutzung von Waldlandschaften wichtig. Wer Menschen für Biodiversitätsmonitoring, Waldschutz oder Wiederherstellungsmaßnahmen gewinnen will, muss zunächst ihre grundlegenden Bedürfnisse berücksichtigen. Gemeinschaften, die keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben, können sich kaum langfristig an Naturschutzmaßnahmen beteiligen.

Mit der Förderung des In.For.Bio-Projektes schafft Deutschland im Kongobecken wichtige Voraussetzungen für erfolgreiche Naturschutz- und Restaurierungsmaßnahmen. Gleichzeitig folgt das Projekt dem One-Health-Ansatz: Die Gesundheit von Menschen, Tieren und Ökosystemen ist eng miteinander verknüpft. Ein abgeholzter oder geschwächter Wald bringt Wildtiere und Menschen enger zusammen, wodurch sich Krankheiten leichter zwischen Tieren und Menschen übertragen. Solche Zoonosen sind in Regionen wie dem Kongobecken eine reale Gefahr. Umgekehrt gilt: Je gesünder der Wald und die Tierpopulationen, desto besser sind auch die Menschen in ihrer Nähe geschützt. Aus dieser Logik heraus verbindet das Projekt Gesundheitsversorgung direkt mit dem Schutz der biologischen Vielfalt.

Die Klinik kommt zu den Menschen

Wenn jemand in einer Baka-Gemeinschaft in der Lobéké-Region erkrankt, führt der erste Weg meist nicht in ein Krankenhaus. In den abgelegenen Regenwaldgebieten ist medizinische Versorgung oft nur schwer erreichbar. Die nächste staatliche Gesundheitseinrichtung liegt weit entfernt. Noch vor wenigen Jahren mussten viele Menschen bei Krankheiten stunden- oder tagelang reisen, um medizinische Hilfe zu erhalten – verbunden mit erheblichen Strapazen und hohen Kosten. Heute bringen Heiler*innen wie Charlotte Mbegna wichtige Medikamente direkt zu den Familien. 

Frau mit kurzen Zöpfen und rotem Oberteil lächelt in die Kamera, im Hintergrund dichte grüne Vegetation
Wir haben oft nicht das Geld für den Transport oder für die Untersuchung im Krankenhaus. Deshalb bringe ich die Hilfe direkt zu den Menschen in den Wald.
Charlotte Mbegna, traditionelle Heilerin der Baka-Gemeinschaft

Traditionelle Heiler*innen sind ein wichtiger Teil der Baka-Gemeinschaft. Sie sprechen die lokale Sprache, kennen die Lebensrealitäten vor Ort und genießen großes Vertrauen. Gerade für indigene Baka, die in staatlichen Einrichtungen immer wieder Diskriminierung erfahren, sind sie häufig die wichtigste Anlaufstelle im Krankheitsfall. Für viele Familien in ihrer Gemeinde ist Charlotte Mbegna deshalb die erste Ansprechpartnerin, wenn gesundheitliche Probleme auftreten.

Ein Mann gibt einer sitzenden Frau Augentropfen, im Hintergrund stehen mehrere Zeichnungen auf Papier im Wald.
Charlotte Mbegna bekommt im Rahmen eines Trainings gezeigt, wie Augentropfen anzuwenden sind.

Hier setzt die Arbeit von Project Bwanga an. Die Nichtregierungsorganisation ist einer der lokalen IKI-Projektpartner vor Ort. Der Name „Bwanga“ bedeutet in der Sprache der Mbendjele BaYaka „Medizin“.

Anstatt bestehende Strukturen zu ersetzen, baut Project Bwanga auf dem Vertrauen auf, das traditionelle Heiler*innen bereits genießen. Da viele Familien weiterhin teilweise mobil leben, werden die benötigten Medikamente in den tragbaren Kliniken mitgeführt. Das wasserfeste Fass schützt die wertvollen Wirkstoffe vor Feuchtigkeit.

7 mobile

Kliniken

versorgen die Baka-Gemeinschaft in Kamerun im Krankheitsfall.

IKI-Projekt schult Heiler*innen im Umgang mit Medikamenten

In einer Session lernt Charlotte Mbegna wie Medikamente einzusetzen sind.

Im Rahmen des IKI-Projektes schulte Project Bwanga Charlotte Mbegna und 13 andere traditionelle Heiler*innen, häufige und endemische Krankheiten zu behandeln, Medikamente sicher anzuwenden und schwere oder ungewöhnliche Krankheitsverläufe frühzeitig zu erkennen. Können die Heiler*innen Patient*innen nicht selbst versorgen, verweisen sie diese gezielt an die nächstgelegene Gesundheitseinrichtung.

Nach ihrer Ausbildung werden die Heiler*innen regelmäßig von einer ausgebildeten lokalen Krankenschwester unterstützt und begleitet. So wird sichergestellt, dass Medikamente korrekt eingesetzt und Erfahrungen ausgetauscht werden.

Lernen ohne Lesen und Schreiben

Da viele Heiler*innen und Gemeinschaftsmitglieder nicht lesen und schreiben können, arbeitet das In.For.Bio Projekt mit Bildern.

Die Ausbildung wurde speziell an die Bedürfnisse der Gemeinschaften angepasst. Da viele Teilnehmende weder lesen noch schreiben können, arbeiten die Trainer*innen, Ingrid Lewis, Marianne-Catherine Ndobo und Gabriel Ntewane, mit Symbolen, Piktogrammen, praktischen Übungen und Rollenspielen.

Anfang 2025 begannen die ersten Schulungen. Schritt für Schritt erweitern die Teilnehmenden ihr medizinisches Wissen und lernen, Gesundheitsrisiken besser einzuschätzen. Die Ausbildung wird über den gesamten Projektzeitraum bis ins Jahr 2030 fortgeführt und kontinuierlich an die Erfahrungen vor Ort angepasst.

Ich bin stolz, dass mich meine Gemeinschaft ausgewählt hat, um unserer Bevölkerung zu helfen.
Charlotte Mbegna

Menschen erhalten schneller Hilfe bei Erkrankungen

Der neue Ansatz zeigt bereits Wirkung und verändert die Gesundheitsversorgung der Baka-Gemeinschaft. Bis Mitte 2026 wurden bereits 14 traditionelle Heiler*innen ausgebildet, die sieben mobile Kliniken in der Region betreiben. Seit Projektbeginn haben die Teams mehr als 600 Patient*innen behandelt. Menschen erhalten nun schneller Hilfe bei alltäglichen Erkrankungen, während schwerere Fälle gezielt an professionelle Gesundheitseinrichtungen weitergeleitet werden können. 

600 Menschen

konnten bis Mitte 2026 von den 14 im Rahmen des von der IKI geförderten In.For.Bio-Projektes behandelt werden.

Für Charlotte Mbegna und andere Heiler*innen bedeutet dies ebenfalls eine Veränderung. Durch ihre Ausbildung übernehmen sie eine noch wichtigere Rolle für die Gesundheit ihrer Gemeinschaften.

Die Menschen vertrauen ihren Heiler*innen seit Generationen. Indem das IKI-Projekt dieses Vertrauen mit moderner Gesundheitsversorgung verbindet, erreicht es auch die entlegensten Gemeinschaften.

Von der Behandlung zur Prävention

Die ausgebildeten Heiler*innen gehören zu den Menschen, die Veränderungen in ihrem Umfeld oft als Erste wahrnehmen. Sie beobachten nicht nur Krankheitsfälle bei Menschen, sondern auch ungewöhnliche Ereignisse im Wald, etwa vermehrte Wildtiersterblichkeit oder Veränderungen im Verhalten von Tieren. Solche Beobachtungen können wertvolle Informationen für das Biodiversitätsmonitoring und die Früherkennung von Zoonosen liefern.

Bis Mitte 2026 wurden bereits 14 traditionelle Heiler*innen ausgebildet, die sieben mobile Kliniken in der Region betreiben.

Künftig sollen die geschulten Heiler*innen mithilfe der App Sapelli Project Bwanga Gesundheitsdaten dokumentieren und relevante Beobachtungen melden. Die Anwendung arbeitet mit Symbolen, Fotos und Sprachnachrichten und kann deshalb auch ohne Lese- und Schreibkenntnisse genutzt werden.

One Health: Zukünftig dokumentieren die Heiler*innen Daten zu Gesundheit und Wildsterblichkeit.

Langfristig könnten die im Projekt aufgebauten Meldestrukturen nicht nur Hinweise auf mögliche Krankheitsausbrüche liefern. Sie könnten auch dazu beitragen, Informationen über den Zustand von Wildtierpopulationen in abgelegenen Waldgebieten zu erfassen. Dadurch entsteht zusätzliches Wissen über Arten und Ökosysteme in einer der biodiversitätsreichsten Regionen Afrikas.

Ein Modell mit Bedeutung weit über Lobéké hinaus

Die Erfahrungen aus Lobéké unterstreichen eine zentrale Botschaft, die auch bei den Verhandlungen der Biodiversitätskonvention zunehmend an Bedeutung gewinnt: Der Schutz von Arten und Ökosystemen kann nur gemeinsam mit den Menschen gelingen, die diese Lebensräume bewohnen und nutzen. Wirksamer Naturschutz entsteht nicht allein durch Schutzgebiete, sondern durch starke Gemeinschaften, die in die Erhaltung ihrer Umwelt eingebunden sind und davon profitieren.

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