Frauen als Hüterinnen der Bestäuber
In fünf Ländern Lateinamerikas fördert die Internationale Klimainitiative (IKI) engagierte Frauen, die sich durch wissenschaftliche Forschung, Umweltschutz und nachhaltige Landwirtschaft für den Schutz bestäubender Insekten einsetzen.
Von Bienen über Schmetterlinge bis zu Käfern und Schwebfliegen – bestäubende Insekten sind die unsichtbaren Helden unserer Ökosysteme und das Fundament der weltweiten Nahrungsmittelproduktion. Doch ihr Überleben ist bedroht. Für Dr. Elisa Romero ist der Schutz der Bestäuber mehr als ein Beruf – es ist eine lebenslange Hingabe, ja eine Familientradition.
Die Frauen waren schon immer die Hüterinnen der Bestäuber. Meine Großmutter hat über 70 Jahre lang heimische Bienen geschützt und ihren Honig zum Tausch genutzt.
Im Biosphärenreservat Oxapampa-Asháninka-Yánesha (BIOAY) in Peru setzt sie sich für einen ganzheitlichen Ansatz im Bestäuberschutz ein. Dieser verbindet wissenschaftliche Forschung mit lokalem Wissen und bestäubungsfreundlichen Methoden, sodass der Schutz der Bestäuber nicht länger eine Angelegenheit ausschließlich von Forschenden und Umweltbehörden ist. Stattdessen wird er zu einem gemeinsamen Prozess, an dem Wissenschaft, lokale Gemeinschaften, Regierungen, Landwirtinnen, Landwirte und Organisationen aus der ganzen Region beteiligt sind.
Bestäuberschutz wird zu einem gemeinsamen Prozess von Wissenschaft, lokalen Gemeinschaften, Regierungen und Landwirtschaft.
Deutschland unterstützt dieses Vorhaben über seine Internationale Klimainitiative (IKI). Das von der IKI geförderte Projekt „Regionale Maßnahmen zum besseren Schutz von bestäubenden Insekten und Bestäubungsleistungen in Lateinamerika und der Karibik“, kurz Poli-LAC genannt, hat an zwölf Pilotstandorten im Reservat BIOAY bestäubungsfreundliche Praktiken identifiziert und umgesetzt.
Die Strategie verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit dem traditionellen Wissen der in und um das Reservat lebenden und arbeitenden Gemeinschaften. So wurden gezielte Maßnahmen ergriffen, um die Bestäuberpopulationen in der Region zu fördern – etwa durch den Erhalt heimischer Vegetation, das Pflanzen blühender Arten als Nahrungsquelle für die Bestäuber und die Reduzierung des ungezielten Pestizideinsatzes.
Romero selbst vereint all dieser Rollen: Sie ist Professorin, Züchterin von stachellosen Bienen, Landwirtin und Unternehmerin. Sie erzeugt lokale Früchte wie Granadilla und Quito-quito und betreibt ein kleines Familienunternehmen, das Honig, den Bienenleim Propolis, Pollen und Fruchtsäfte verkauft.
Um dem Rückgang der Bestäuber – verursacht durch Lebensraumverlust und Pestizideinsatz – entgegenzuwirken, haben Romero und ein Netzwerk lokaler Frauen AMEROXA (Mehrethnische Frauenvereinigung des Oxapampa-Reservats) gegründet. Die Gruppe vereint Bienenhalterinnen, Züchterinnen von stachellosen Bienen und Naturschützerinnen, die sich für die Wiederherstellung von Lebensräumen, nachhaltige Landwirtschaft, Ökotourismus und bestäubungsfreundliche Praktiken einsetzen. Ihre Arbeit verbindet traditionelles Wissen mit innovativen wissenschaftlichen Methoden.
Wir pflanzen heimische Pflanzen wieder an, die den Insekten Lebensraum bieten, und erarbeiten gleichzeitig Alternativen zu chemischen Mitteln im Anbau von Granadilla und Quito-quito – etwa Ozon oder pflanzliche Extrakte. Das hat den Pestizideinsatz deutlich reduziert und geholfen, den Tod von Bestäubern zu verhindern.
Honig als Lebensgrundlage
Weiter südlich, im Biosphärenreservat Chaco in Paraguay, setzt sich Vilma Bogado – Landwirtin und Vorsitzende der Bienenhaltervereinigung „Oro Dulce" – für den Schutz heimischer stachelloser Bienen der Art Tapezúa ein und stärkt zugleich die Familieneinkünfte durch die Honigproduktion.
Das Projekt Poli-LAC und Oro Dulce haben sich zusammengeschlossen und bieten in Zusammenarbeit mit dem Vize-Ministerium für Viehwirtschaft Paraguays technische Schulungen und Beratung an. Ergänzt wird dies durch kleinere Investitionen in Bienenhaltungsausrüstung und Wabenmaterial, um die nachhaltige Bewirtschaftung und den Schutz der heimischen stachellosen Bienen zu unterstützen.
Darüber hinaus geht es darum, das Verständnis der Mitglieder für die Bedeutung der Bestäuber zu stärken – durch gemeinschaftliche Monitoring-Aktivitäten, die in Zusammenarbeit mit der Fakultät für Agrarwissenschaften der Nationalen Universität von Asunción durchgeführt werden.
Für unsere Gemeinschaft ist es essenziell, dass sich Frauen am Schutz der Bestäuber beteiligen, denn wir sind diejenigen, die in unseren Familien und Nachbarschaften für das Thema sensibilisieren. Die Menschen verstehen inzwischen, dass sie Wälder nicht mehr verbrennen und chemisch nicht ziellos sprühen dürfen. Honig ist zu einer wichtigen Einkommensquelle geworden, und wir müssen diese kleinen Geschöpfe schützen.
Durch diese Anstrengungen haben lokale Bienenhalterinnen und Bienenhalter ihre Wabenpflege verbessert, die Bestäubungsleistungen gestärkt – mit positiven Auswirkungen auf die Melonenproduktion – und die verantwortungsvolle Herstellung und Vermarktung von Honig zu natürlichen Heilzwecken vorangetrieben. So entstehen neue Chancen für nachhaltige Lebensgrundlagen.
Auf dem Weg zu einer Politik für den Schutz der Bestäuber
All diese Anstrengungen erfordern auch tragfähige politische Rahmenbedingungen. In Mexiko hilft Xóchitl Ramírez, Leiterin der Abteilung für Innovation, Nachhaltigkeit und Klimaresilienz im Landwirtschaftsministerium, dabei, Initiativen mit Erzeugerorganisationen, etwa bei Avocados, Kaffee und Vieh, voranzubringen, um Entwaldung zu verhindern und den Pestizideinsatz zu reduzieren.
Ich bin überzeugt, dass Landwirtschaft und Umweltschutz zusammenpassen. Kleine Erzeugerinnen und Erzeuger reagieren sehr positiv, denn sie verstehen: Ohne Bestäuber gibt es keine Nahrung.
Mexiko arbeitet derzeit daran, biologische Alternativen zu fördern und schrittweise ein Verbot hochgefährlicher Pestizide umzusetzen, zugleich eine nationale Strategie zum Schutz der Bestäuber voranzutreiben. Das Projekt Poli-LAC hat technische Beratung geleistet und bei der Harmonisierung von Regelungsinstrumenten und Gesetzen mitgewirkt, um neue Kriterien gegen den Einsatz gefährlicher Pestizide in der Landwirtschaft zu verankern.
Umweltbildung und Frauenführung
In Costa Rica ist Umweltbildung zu einem festen Bestandteil des Bestäuberschutzes geworden. Frauen, die im Schutzgebiet Tempisque in Nordwest-Costa Rica leben, werden vom Projekt Poli-LAC darin geschult, die Rolle der Bestäubung für die Gesundheit der Ökosysteme, die biologische Vernetzung und das Verhältnis zwischen bestäubenden Insekten und heimischen Pflanzen zu verstehen. Das Schutzgebiet ist Teil des Nationalen Systems der Schutzgebiete (SINAC) und umfasst die gesamte Nicoya-Halbinsel.
Sie führen nun Schutzmaßnahmen durch und haben zudem nachhaltige Einkommensquellen erschlossen. Damit helfen sie, Lebensräume zu schaffen, die den Bestäubern Nahrung und Unterschlupf bieten. Die Umweltbildungsmaßnahmen von Poli-LAC werden in Zusammenarbeit mit lokalen Komitees für biologische Korridore durchgeführt, von denen viele von Frauen geführt werden.
Diese Komitees setzen sich aus lokalen Akteurinnen und Akteuren zusammen, die die Umweltbedingungen in ihren Regionen, Ortschaften, Gemeinschaften und Haushalten verbessern wollen. Von ihren Gärten und Häusern aus tragen sie zum Schutz der biologischen Vielfalt und der Ökosystemleistungen bei.
In ihren Hausgärten pflanzen die Frauen Obstbäume und heimische Wildpflanzen an, die den bestäubenden Insekten Nahrung und Schutz bieten. Auch anlegen sie Zierblumengärten rund um ihre Häuser, die eine große Vielfalt an Schmetterlingen, Bienen und Fliegen anziehen.
Frauenführung ist entscheidend
Die Bedeutung von Frauen in Führungspositionen unterstreicht auch Dr. Blandina Felipe Viana, brasilianische Ökologin und Professorin für Ökologie an der Bundesuniversität Bahia, die seit über drei Jahrzehnten bestäubende Insekten und ihre Rolle in den Ökosystemen erforscht.
Die größte Herausforderung besteht darin, dass der Schutz der Bestäuber strukturelle Veränderungen in den Wirtschafts- und Konsumsystemen erfordert – nicht nur isolierte Maßnahmen. Auch eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Regierungen, Wissenschaft, Erzeugenden, Zivilgesellschaft und Privatsektor, um die vielfachen Ursachen des Bestäuberrückgangs anzugehen.
Laut Viana spielen Frauen oft eine zentrale Rolle in der Gemeinschaftsorganisation, in der Agroökologie und im Schutz der biologischen Vielfalt. Führung durch Frauen stärke sowohl die technische als auch die soziale Dimension des Naturschutzes und macht Maßnahmen langfristig integrierter und nachhaltiger.
Große Wirkung
Die vom Projekt Poli-LAC geförderten Erfahrungen zeigen: Der Schutz der Bestäuber ist nicht nur eine ökologische Notwendigkeit, sondern auch eine Chance für nachhaltige Entwicklung. In ganz Lateinamerika und der Karibik helfen Frauen, die biologische Vielfalt zu schützen, lokale Lebensgrundlagen und die Ernährungssicherheit zu stärken. Indem sie wissenschaftliches Wissen, traditionelle Praktiken und Gemeinschaftsführung zusammenbringen, tragen diese Initiativen dazu bei, widerstandsfähigere Ökosysteme und Gemeinschaften aufzubauen.
Bestäuberschutz ist nicht nur eine ökologische Notwendigkeit, sondern auch eine Chance für nachhaltige Entwicklung.
Was diese Erfahrungen ebenfalls zeigen: Wenn Frauen Zugang zu Wissen, Ressourcen und Führungsrollen in der Bienenhaltung, Zucht stachelloser Bienen und im Bestäuberschutz erhalten, werden die ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Wirkungen vervielfacht – und tragen so zum Schutz der biologischen Vielfalt, zu nachhaltigen Lebensgrundlagen und zum Wohl zukünftiger Generationen bei.
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