Rodgers und die Elefanten des Mount Elgon
Deutschlands Internationale Klimaschutzinitiative (IKI) hat das indigene Volk der Ogiek am Mount Elgon dabei unterstützt, Mitglieder der Gemeinschaft in der Wald- und Wildtierbeobachtung auszubilden. Mit ihrem eigenen traditionellen Wissen und digitalen Werkzeugen schützen sie nun Tierwelt und Wälder ihres Ahnenlandes.
Rodgers Ptalus Ndiema war gerade auf dem Weg, eine Fotofalle zu installieren, als ihm auf dem Waldweg etwas Ungewöhnliches auffiel. Der Boden war tief zerfurcht, und die Spuren stammten eindeutig von einem Elefanten. Rodgers hielt an. Er spürte sofort, dass etwas nicht stimmte.
Als ausgebildeter Biodiversitäts-Beobachter am Mount Elgon in Kenia ist er es gewohnt, im Wald auf jedes noch so kleine Zeichen zu achten. Zusammen mit zwei weiteren Mitgliedern der Gemeinschaft, die sich mit Elefanten ebenfalls bestens auskennen, machte er sich auf die Suche nach dem Tier. Sie fanden es im Bambusdickicht. Es war verletzt.
Für Rodgers ist es eine persönliche Herzensangelegenheit, den Elefanten zu helfen. Seit 26 Jahren lebt er Seite an Seite mit ihnen.
Die Elefanten helfen uns durch ihre Laute, Gefahren und Bedrohungen durch Viehdiebe von außerhalb der Gemeinschaft wahrzunehmen. Sie sind unsere Sicherheit und unsere Verwandten.
Wenn lokales Wissen auf Wildtierschutz trifft
In der Vergangenheit konnten die Ogiek am Mount Elgon ihren tierischen Nachbarn oft nicht zur Seite stehen. Der Gemeinschaft wurde wiederholt untersagt, in ihrem angestammten Land zu leben – einem Gebiet, das sie seit Urzeiten pflegen und beschützen. Ein Grund dafür waren anhaltende Konflikte mit den staatlichen Naturschutzbehörden, dem Kenya Wildlife Service (KWS) und dem Kenya Forest Service (KFS). Doch das hat sich grundlegend verändert.
Nicht nur haben sich die Beziehungen zum KWS spürbar verbessert, die Ogiek leben heute auch wieder in ihrem angestammten Gebiet. Deutschland hat dabei über seine Internationale Klimaschutzinitiative (IKI) und das Projekt „Transformative Wege“ eine Schlüsselrolle gespielt. Das Projekt half den Ogiek dabei, unter Beweis zu stellen, wie nachhaltig sie ihr Land verwalten.
Der Mount Elgon beherbergt Arten, die es nirgendwo sonst auf der Erde gibt. Sie zu schützen trägt dazu bei, den globalen Verlust der Artenvielfalt zu stoppen – ein Ziel, das sich Deutschland mit der Unterzeichnung des Kunming-Montreal Global Biodiversity-Frameworks (GBF) gesetzt hat.
Deutschland unterstützt mit dem Projekt die Bemühungen den globalen Verlust der Artenvielfalt zu stoppen.
Das Projekt wird vom Forest Peoples Programme geleitet und unterstützt in fünf Ländern Maßnahmen indigener Völker und lokaler Gemeinschaften (indigenous peoples and local communities, IPLCs) in den Bereichen Land- und Ressourcenverwaltung, gemeinschaftlichem Naturschutz und nachhaltigen Lebensgrundlagen. In Kenia wird es von dem Chepkitale Indigenous Peoples Development Project (CIPDP) und dem Indigenous Information Network (IIN) als lokalen Partnern umgesetzt.
Ein gemeinschaftsbasiertes Monitoring-System mit digitalen Werkzeugen
Die Ogiek leben seit Generationen mit den Elefanten und anderen Tieren am Mount Elgon. Sie kennen ihre Wanderungen, ihre Laute und die Pfade, die sie durch das dichte Buschwerk bahnen. Im Rahmen des Projekts und zusammen mit technischer Unterstützung des Interdisciplinary Centre for Conservation Science der Universität Oxford haben Rodgers und andere Mitglieder der Gemeinschaft ein System zum Biodiversitätsmonitoring entwickelt, das indigenes Wissen, wissenschaftliche Methoden und digitale Werkzeuge vereint.
Die von der IKI unterstützte Ausbildung zu Biodiversitäts-Beobachtern trug dazu bei, dass das Volk der Ogiek auf das Land ihrer Ahnen zurückkehren durften.
Am Anfang stand eine Entscheidung der Gemeinschaft: Durch ein Verfahren zur freiwilligen, vorherigen und informierten Zustimmung (free, prior and informed consent, FPIC) legten die Ogiek selbst fest, welche Tierarten ihnen am wichtigsten sind und wie sie deren Bestände erfassen wollen. Anschließend wurden CIPDP-Mitarbeitende als Trainerinnen und Trainer qualifiziert. Sie hielten sieben Schulungen ab, in denen 43 Mitglieder der Gemeinschaft zu Biodiversitätsbeobachtern ausgebildet wurden.
der indigenen Gemeinschaft der Ogiek wurden mit Unterstützung der IKI in der Biodiversitätsbeobachtung ausgebildet.
Sie lernten, systematische Streifenzählungen (Line Transects) für Tierspuren und illegale Aktivitäten zu nutzen, Quadratproben für den Gesundheitszustand des Bambus durchzuführen und Fotofallen einzusetzen. Jede Beobachterin und jeder Beobachter besitzt ein Smartphone mit der CoMapeo-App, die speziell auf die Kernarten und Routen der Ogiek zugeschnitten ist. Bevor Daten nach außen weitergegeben werden, prüfen die Ältesten der Gemeinschaft die Berichte. So behalten die Ogiek stets die Kontrolle über ihr eigenes Wissen.
Es erfüllt mich mit großer Freude, so fortgeschrittene Fähigkeiten zu besitzen, um mein Wissen mithilfe digitaler Tools wie CoMapeo festzuhalten.“
Monitoring tief im Wald
Die Arbeit der Gemeinschaft schließt eine kritische Lücke. Die Biodiversitäts-Beobachter der Ogiek sind tief im Wald unterwegs, in Regionen, in denen die staatlichen Wildtierbehörden oft keinen Einblick haben. Sie beobachten die Tierwelt während ihrer gewohnten täglichen Wege, dokumentieren ihre Sichtungen und schlagen Alarm, wenn schnelles Handeln erforderlich ist. Der verletzte Elefant hat gezeigt, warum das lebenswichtig ist.
Die Ogiek beobachten die Tierwelt während ihrer gewohnten täglichen Wege, dokumentieren ihre Sichtungen und schlagen Alarm, wenn schnelles Handeln erforderlich ist.
Als Rodgers und seine Nachbarn das Tier beim KWS meldeten, kam zwei Tage später eine Beamtin, um den Elefanten im Bambusdickicht zu untersuchen. Die Gemeinschaft behielt das Tier ab da genau im Auge. Nach etwa zehn Tagen bemerkten sie jedoch einen beißenden Geruch in der Luft. Als sie nach dem Elefanten sahen, stellten sie fest, dass sich seine Wunden schwer entzündet hatten.
Rodgers trug den genauen Standort sofort in die CoMapeo-App ein und leitete die Daten an den KWS weiter. Um die Dringlichkeit zu unterstreichen, suchte er das Büro der Behörde zusätzlich persönlich auf. Diesmal folgte die Reaktion prompt: Ein Hubschrauber wurde entsandt, der Elefant betäubt und medizinisch versorgt. Das Team versah ihn außerdem mit einem Satellitenhalsband, mit dem seine Bewegungen bis heute überwacht werden können.
Von einem Elefanten zu einer neuen Partnerschaft
Für Rodgers ging es bei diesem Erfolg um weit mehr als nur um die Rettung eines einzelnen Elefanten. Die Erfahrung hat gezeigt, welches Potenzial in der Zusammenarbeit zwischen dem Wissen der indigenen Gemeinschaft und den staatlichen Behörden steckt.
Wir sehen viele wilde Tiere, die ohne das Wissen des KWS im Wald sterben könnten.
Für Rodgers machen solche Vorfälle deutlich, wie wichtig schnelle Kommunikationswege und eine enge Zusammenarbeit sind. Das mit IKI-Unterstützung aufgebaute Beobachtungssystem ermöglicht es den Mitgliedern der Gemeinschaft zudem, andere Bedrohungen wie Wilderei oder illegale Köhlerei (Holzkohlefeuer) frühzeitig zu melden.
Im März 2026 trafen sich Vertreter der Ogiek-Gemeinschaft, des KWS, des Kenya Forest Service und des Wildlife Research and Training Institute, um den gemeinsamen Naturschutz am Mount Elgon zu besprechen. Für eine Gemeinschaft, deren Verhältnis zu den Behörden historisch nicht einfach war, schafft dieser Austausch wertvolles Vertrauen durch praktische, gemeinsame Arbeit.
Was kommt als Nächstes?
Das Montoring-System wird kontinuierlich weiterentwickelt. Das gegenseitige Vertrauen und die Kooperation müssen weiter gestärkt werden. Zudem gilt es, klare Regeln dafür zu finden, wie Informationen sicher geteilt werden können, während sensible Kulturdaten und genaue Standorte geschützt bleiben.
Das Montoring-System wird kontinuierlich weiterentwickelt.
Für Rodgers bleibt das Ziel simpel: wahrzunehmen, was andere übersehen, und sofort zu handeln, wenn Wildtiere Hilfe brauchen. Für die Ogiek ist die Naturbeobachtung zu einem modernen Weg geworden, sich um ihr Land, die Tierwelt und die tiefe Verbindung dazwischen zu kümmern.
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