Wo neue Perspektiven wachsen
Ein IKI-Projekt begleitet Kolumbiens Kohleregionen beim Einstieg in Wirtschaftsmodelle an der Schnittstelle von Landwirtschaft und erneuerbaren Energien.
Der gefährliche Kohlestaub gehört noch zum Alltag in La Jagua de Ibirico, einer kleinen Gemeinde im Norden Kolumbiens. Jahrzehntelang hat der Kohleabbau für den internationalen Markt viele Gemeinden in den Regionen Cesar und Magdalena tief geprägt. Er brachte gesundheitliche Probleme für Menschen, Landverlust und Wasserknappheit sowie Drohungen oder Gewalt gegen jene, die Missstände benennen.
Das von der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI) über die IKI Medium Grants geförderte Projekt: „Lokale Wege zum Ausstieg aus der Kohle (CoL-JT)“ wirkt dem entgegen. Es schafft vor Ort gemeinsam mit den betroffenen Menschen neue Perspektiven an der Schnittstelle von Landwirtschaft und erneuerbaren Energien.
Das Ende eines Geschäftsmodells
Der Kohleabbau in Cesar und Magdalena neigt sich dem Ende zu. Im Jahr 2021 gab das Bergbauunternehmen Prodeco seine Abbaulizenzen vorzeitig an den kolumbianischen Staat zurück. Als Grund dafür nannte es wirtschaftliche sowie technische Gründe und entließ tausende Menschen von einem Tag auf den anderen. In den kommenden Jahren wird der Ausstieg aus der Kohle zum Verlust weiterer Arbeitsplätze in einer Region führen, die trotz des jahrzehntelangen Booms weiterhin mit hoher Armut kämpft.
Für viele Menschen vor Ort ist das nicht der erste einschneidende Wandel. Die Gemeinden haben seit den 1980er Jahren bereits eine Transformation von der traditionellen Landwirtschaft hin zur Kohleförderung erlebt. Eine Erfahrung die enorme soziale, ökologische und wirtschaftliche Kosten mit sich brachte und heute Skepsis gegenüber jeder erneuten Veränderung erzeugt.
Die Narben des Extraktivismus
Um die Dringlichkeit einer gerechten Transformation in La Jagua de Ibirico zu verstehen, reicht es nicht, die durch den Tagebau veränderten Landschaften zu betrachten. Man muss vor allem das soziale Gefüge in den Blick nehmen. Der Kohleexport brachte zerrissene Familienstrukturen und den Verlust eines Identitätsgefühl sowie weitere Kollateralschäden mit sich. So ordnete sich das Bildungssystem über Jahrzehnte den Bedürfnissen der Industrie unter: Die Jugendlichen der Region verinnerlichten, dass eine Ausbildung nur dann Sinn ergab, wenn sie der Kohlebranche zuträglich war. Kritisches Denken und berufliche Vielfalt wurden unter der Dominanz der Kohle begraben.
Wirtschaftliche Autonomie für Frauen
Besonders hart treffen diese Veränderungen die Frauen in den Regionen. Vor dem Bergbauboom teilten sich Männer und Frauen weitgehend den Lebensunterhalt durch Fischerei und Landwirtschaft. Als diese Ökosysteme verschwanden, reduzierten sich die Möglichkeiten für Frauen auf prekäre Rollen am Rand der Bergbaubetriebe. Das Gebiet wurde zunehmend männlich dominiert und die wirtschaftliche Autonomie der Frauen ausgehöhlt.
Im Rahmen des IKI-Projekts entwickeln die Europa-Universität Flensburg und die lokale Nichtregierungsorganisation Tierra Digna deshalb unter anderem Bildungsangebote für Frauen zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit und erneuerbaren Energien, die neue Handlungsspielräume eröffnen sollen.
Ein Neuanfang auf alten Wurzeln
Dabei müssen die Menschen vor Ort nicht bei null beginnen. Das Departamento Cesar verfügt über eine lange landwirtschaftliche Tradition, insbesondere im Anbau von Mais und Maniok. Dieses Wissen kann reaktiviert werden. Innerhalb des Projekts wird deshalb auch untersucht, wie sich alte landwirtschaftliche Praktiken mit gemeinschaftlicher Energienutzung verbinden lassen.
Entstehen soll eine Pilot-Anlage für Agri-Photovoltaik, die Solarenergie und Landwirtschaft auf derselben Fläche vereint. Die Solarmodule liefern dabei tagsüber zuverlässig Strom. Gleichzeitig ermöglicht die Konstruktion durch die Verschattung des Bodens darunter Anbaukulturen, die in der regionalen Hitze sonst kaum möglich wären. Wo bisher Dieselgeneratoren liefen, spart das CO₂ ein und stärkt lokale Wirtschaftskreisläufe sowie demokratisierte Energieerzeugung. Der Ansatz soll dabei unterstützen, die Skepsis gegenüber erneuerbaren Energien abzubauen. Deren Ansehen hatte durch den Bau von großen Solarparks, die ohne große Beteiligung der anliegenden Gemeinden umgesetzt wurden, stark gelitten.
Eine Vision für die Region
Das Ziel des IKI-Projekts „Lokale Wege zum Ausstieg aus der Kohle“ ist dabei weit größer, als eine funktionierende Agri-PV-Anlage zu installieren. Die laufenden Minenschließungen machen deutlich, dass auch staatliche Institutionen nur begrenzt auf eine umfassende Transformation vorbereitet sind. In mehreren Workshops soll deshalb im kommenden Jahr gemeinsam mit Wissenschaft, Regierungen, Privatsektor und lokalen Organisationen eine Vision für die Region entstehen. Denn erst wenn all diese Kräfte an einem Strang ziehen, kann der Kohleausstieg das werden, was er sein sollte: eine historische Chance zu heilen und zu beweisen, dass saubere Energie und soziale Gerechtigkeit zwei Seiten derselben Medaille sind.
Über die IKI Medium Grants
Mit dem IKI-Medium-Grants-Förderinstrument, das von der Zukunft – Umwelt – Gesellschaft (ZUG) gGmbH umgesetzt wird, fördert die Bundesregierung Projekte zum Schutz des Klimas und der Biodiversität, die gezielt kleinere zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Akteure in Entwicklungs- und Schwellenländern einbeziehen.
Zusammen mit den IKI Large Grants und den IKI Small Grants vervollständigen die IKI Medium Grants das wettbewerbliche Förderinstrument IKI Compete.
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