Südafrika: Eine Schwammstadt im Entstehen
Wie die Gemeinde George Wasser im Zeichen des Klimawandels neu denkt – und dabei von der Internationalen Klimaschutzinitiative unterstützt wird.
Der Klimawandel ist in George bereits deutlich spürbar. Überschwemmungen treten häufiger und intensiver auf. Im Jahr 2021 fielen innerhalb von nur zwei Stunden 105 mm Regen – Sturzfluten verursachten Schäden an der kommunalen Infrastruktur in Höhe von schätzungsweise 750 Millionen Rand (rund 39 Millionen Euro). Vier Jahre später hat sich das Bild gewandelt: Unterdurchschnittliche Niederschläge zwangen die Stadt, Maßnahmen zur Wasserverbrauchsreduktion einzuführen und die Tarife zu erhöhen – mit Auswirkungen auf alle Einwohnerinnen und Einwohner sowie Unternehmen.
Wasser ist die Grundlage nahezu aller Aktivitäten in George. Es sichert die häusliche Versorgung, wirtschaftliche und industrielle Tätigkeiten, den Tourismus und – besonders wichtig – die landwirtschaftlichen Ökosysteme der Region. Die kommerzielle Landwirtschaft ist ein zentraler Wirtschaftssektor, wobei hochwertige Agrarflächen die Landnutzung dominieren. Ein effizienterer Umgang mit Wasser, einschließlich der Speicherung und Nutzung von Regenwasser, ist daher entscheidend für die sozioökonomische Widerstandsfähigkeit.
Genau dieses Spannungsfeld will George auflösen. Um wirtschaftliches Wachstum zu ermöglichen, ohne Umwelt, Biodiversität und Wassersicherheit im Zuge des Klimawandels zu gefährden, verfolgt die Stadt das Ziel, eine sogenannte Schwammstadt zu werden. Dieses Konzept begreift Regenwasser nicht nur als Risiko, das schnell abgeleitet werden muss, sondern als wertvolle Ressource, die ganzheitlich bewirtschaftet werden soll. Die Umsetzung erfordert das Engagement zahlreicher Akteure innerhalb und außerhalb der Verwaltung.
Wie die IKI den Weg von der Vision einer Schwammstadt zur Umsetzung unterstützt
Das Projekt „Kohlenstoffarmes und resilientes Wasser- und Abwassermanagement“, das von der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI) gefördert wird, unterstützt die Stadt dabei, diese Vision einer Schwammstadt umzusetzen.
Leitlinien für das Regenwassermanagement entwickeln
Mit Unterstützung des IKI-Projekts hat George Leitlinien für das Regenwassermanagement entwickelt, wie zum Beispiel die Rückhaltung und Nutzung von Regenwasser vor Ort sowie die Nachahmung natürlicher Wasserabläufe durch wasserdurchlässige Flächen und grüne Infrastruktur. Diese Schlüssel-Prinzipien der Schwammstadt werden direkt in Planungs- und Ingenieurprozesse der gesamten Kommune integriert.
Diese Leitlinien bieten konkrete Beispiele für Verwaltungsmitarbeitende und private Projektentwickler und zeigen, wie grüne Infrastruktur zur Regenwasserbewirtschaftung in Planungen eingebunden werden kann. Ergänzende Richtlinien und Satzungen sollen für die notwendige regulatorische Klarheit sorgen und eine einheitliche Umsetzung ermöglichen.
Machbarkeitsstudie zur Umsetzung der Prinzipien der Schwammstadt
Der Camphersdrift-Fluss verdeutlicht sowohl die Herausforderungen als auch die Chancen: Er stellt ein erhebliches Hochwasserrisiko für Wohngebiete und kommunale Infrastruktur dar. Während der Überschwemmungen im Jahr 2021 kam es zu massiver Erosion, deren Behebung hohe Kosten verursachte. Um zukünftige Schäden zu minimieren und gleichzeitig die Vorteile ökologischer Infrastruktur zu demonstrieren, hat die Stadt ein Gebiet flussaufwärts für das Pilotprojekt „Camphersdrift Flood Attenuation Park“ ausgewählt.
Dieses Vorhaben soll das bislang größte multifunktionale Grüninfrastrukturprojekt der Stadt werden. Den Auftakt bildet eine Machbarkeitsstudie, die vom IKI-Projekt finanziert wurde. Der Park dient als Pilotprojekt, um zu testen, wie sich die Prinzipien der Schwammstadt im großen Maßstab und über verschiedene Verwaltungsbereiche hinweg umsetzen lassen.
Naturbasierte Lösungen wie der Park ergänzen dabei klassische „graue“ Infrastruktur, also herkömmliche technische Anlagen wie Betonrohre, Kanäle und Rückhaltebecken, im Regenwassersystem. Neben der Verringerung des Hochwasserrisikos bieten sie zusätzliche Vorteile: Erholungsräume für die Bevölkerung, Schutz der Biodiversität und eine Reduzierung städtischer Hitzeinseln.
Durch die Verknüpfung von räumlicher Planung, Infrastrukturinvestitionen und Umweltmanagement positioniert sich George als Vorreiter unter Südafrikas mittelgroßen Städten:
„Wir investieren in eine Zukunft, die sicherer, gerechter und stabiler für alle ist – und entwickeln nachhaltigere Wege für Stadtwachstum, Wassermanagement und Klimaanpassung“, sagt Delia Power, stellvertretende Direktorin für Entwicklungs- und Umweltplanung der Gemeinde George.
Ausblick
Das IKI-Projekt wird durch den Erfahrungsaustausch mit anderen Städten in Südafrika sowie auf internationaler Ebene weiterhin zu diesem Ziel beitragen. Dazu gehört beispielsweise ein Studienbesuch in Hamburg, der kürzlich stattfand und bei dem die Teilnehmenden erfuhren, wie Hamburg den Wandel zu einer Schwammstadt vollzieht.
Darüber hinaus wird das Projekt die Stadt George dabei unterstützen, Finanzierungsmöglichkeiten für die Umsetzung der Umgestaltung zur Schwammstadt zu erschließen, beispielsweise durch Klimafinanzierung oder Zahlungen für Ökosystemleistungen.
Hintergrund
Herausforderungen für südafrikanische Städte – das Beispiel George
Die Gemeinde George steht an einem Scheideweg, den viele Städte in Südafrika kennen: Wie lassen sich wirtschaftliche Entwicklung, der Schutz von Ökosystemen und die Bekämpfung anhaltender sozioökonomischer Ungleichheit gleichzeitig vorantreiben? Diese Prioritäten stehen im Zentrum des National Development Plan 2030, der inklusives Wachstum, nachhaltiges Ressourcenmanagement und eine höhere urbane Resilienz fordert.
Auf dem Papier ergänzen sich diese Ziele. In der Praxis geraten sie jedoch oft in Konflikt. Wirtschaftswachstum treibt Flächenentwicklung und Infrastrukturbedarf voran und setzt damit insbesondere Wasserressourcen und Biodiversität unter Druck. Soziale Gerechtigkeit erfordert hingegen, dass städtische Dienstleistungen, Risikominimierung und Chancen gerechter auf alle Bevölkerungsgruppen verteilt werden. Gleichzeitig treffen Klimarisiken besonders stark jene Gebiete, die ohnehin verwundbar sind – und verschärfen damit genau jene Ungleichheiten, die die Stadt zu verringern versucht.
Im Fall der Stadt George ist die natürliche Umgebung ihre größte Stärke und zugleich ihre größte Herausforderung: Ein Netz aus Flüssen, Feuchtgebieten, Wäldern und ökologischen Korridoren durchzieht die Stadt, eingerahmt von den Outeniqua-Bergen im Norden und dem Atlantischen Ozean im Süden. Diese Systeme erfüllen zentrale Funktionen: Wasserversorgung, Hochwasserschutz und Klimaregulation.
Über das Projekt
Das Projekt „Kohlenstoffarmes und resilientes Wasser- und Abwassermanagement" wird von der Internationalen Klimaschutzinitiative und dem Schweizer Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) finanziert.
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Kontakt
IKI Office
Zukunft – Umwelt – Gesellschaft (ZUG) gGmbH
Stresemannstraße 69-71
10963 Berlin
Grundprinzipien einer Schwammstadt
Rückhalten und wiederverwenden – Regenwasser dort auffangen, wo es fällt (Versickerung, Speicherung, Feuchtgebiete), anstatt es über versiegelte Entwässerungssysteme aus dem Gebiet abzuleiten.
Die natürliche Hydrologie nachahmen – die vor der Bebauung bestehenden Wasserkreisläufe durch durchlässige Oberflächen, grüne Infrastruktur und Stadtökologie wiederherstellen, anstatt die Natur durch technische Maßnahmen zu umgehen.