04.10.2023

Wie Costa Rica mit Klimarisiken umgeht

Zwei parallel laufende Brücken über einen Fluss.

Sechs Jahre nach Beginn des CSI-Vorhabens zeigen die Bemühungen auf Politik- und technischer Ebene Früchte: Costa Rica hat ein eigenes Werkzeug, sowie die benötigten institutionellen Voraussetzungen, um zukünftig Klimarisiken von Infrastruktur besser begegnen zu können.

Eine Powerpoint Slide zeigt den „Puente sobre el río General Viejo“ – eine Brücke in der Region San Isidro del General im Südwesten Costa Ricas. Sechs Fotos, Momentaufnahmen von 2008 bis 2019, auf jedem Foto ist die Brücke erneut zerstört – von Wirbelstürmen und Starkregen, der zu Überflutungen des Flusses führte. „So sind wir gestartet“, sagt Vladimir Naranjo zu Beginn seiner Präsentation. Es ist April 2023 im regnerischen Vancouver, Kanada. Naranjo ist Teil der costa-ricanischen Delegation beim ersten globalen Forum des internationalen Expert*innen-Netzwerks zu Klimarisikoanalysen für Infrastruktur. „Wir wollten einfach nicht weiterzusehen, wie unsere Infrastruktur immer wieder aufs Neue von Wetterextremen zerstört wird“. Der Ingenieur des costa-ricanischen Ingenieurverbands CFIA (Colegio Federado de Ingenieros y de Arquitectos de Costa Rica) nimmt damit Bezug auf die Anfänge des IKI-Vorhabens „Verbesserte Climate Services für Infrastrukturinvestitionen (CSI)“: als sich 2017 eine Expert*innenkommission aus verschiedenen Ministerien und Verbünden in Costa Rica zusammenschloss, um Infrastruktur in Costa Rica klimaresilienter zu machen.

Sechs Jahre später, im Februar 2023, verabschieden zwei Minister des Landes – Luís Amador vom Transportministerium sowie Franz Tattenbach vom Umweltministerium – feierlich ein Dokument, das der Schlüssel zu diesem Ziel werden soll. „Metodología de Evaluación de Riesgo Climático de Infraestructura de Costa Rica“ – oder kurz „MERCI-CR“ – ist eine Methodik, um Klimarisiken von Infrastruktur zu messen und Handlungsempfehlungen abzuleiten. Sechs Jahre lang hat eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe, angeleitet vom Umweltministerium MINAE, daran gearbeitet. Neben CFIA waren auch Expert*innen aus Costa Ricas Wetterdienst sowie aus dem Transportministerium MOPT beteiligt.

Eine neue Methode nach kanadischem Vorbild

Grundlage für MERCI ist das kanadische Vorbild PIEVC, das Public Infrastructure Engineering Vulnerability Committee Protocol, benannt nach dem Komitee, das es entwickelt hat. Es wird seit 2009 in Kanada erfolgreich angewandt und hat durch das CSI-Projekt auch international Anwendung gefunden. Um den Austausch zu diesen Erfahrungen geht es im April 2023 in Vancouver, der ersten Konferenz des PIEVC-Practitioners‘ Network, gemeinsam mit über 150 Teilnehmenden aus 11 Ländern, die alle die Infrastrukturen in ihrer Heimat gegen den Klimawandel wappnen wollen.  

Costa Rica war nicht nur das erste Land, das PIEVC international anwandte, es ging auch noch einen Schritt weiter: Die Arbeitsgruppe um Naranjo wollte ihr eigenes Werkzeug, perfekt abgestimmt auf die Bedingungen und Herausforderungen des Landes. Denn hier unterscheiden sich Kanada und Costa Rica, auch wenn beide Länder von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind: relevante Climate Services – anwendungsorientierte Klimadaten – sind in Costa Rica lückenhaft und, wenn dann, nur teuer zu erwerben. Das MERCI ist daher besonders darauf ausgerichtet, Klimarisiken trotz diverser Unsicherheiten und Datenlücken zu erheben und zu bearbeiten.

Iván Delgado, mittlerweile Direktor der Klimaanpassungsabteilung von MINAE und langjähriger Verhandler auf den internationalen Klimaverhandlungen, ist bei den Zwischenverhandlungen im Juni 2023 in Bonn sichtlich genervt. „Seit Jahren drehen wir uns dort im Kreis und sprechen nur von den immensen Herausforderungen. Können wir endlich anfangen, über Lösungen zu reden? Hier, wir haben eine Lösung – sie heißt MERCI“.   

Klimarisikenanalyse für Infrastruktur im Nationalen Anpassungsplan verankert

Fünf Personen mit gelben Warnwesten untersuchen eine Brücke. Im Vordergrund rechts ist ein Baumstamm zu sehen.
Im Rahmen des CSI-Projektes wurden unter anderem Brücken auf Klimarisiken untersucht.

Damit diese Lösung auch zur Anwendung kommt, ist die Politik, ist das Ministerium von Delgado, entscheidend: Nachdem MINAE bereits 2018 ein Dekret zu resilienter Infrastruktur erlassen hat, verankerte es 2022 Klimarisikoanalysen für Infrastruktur auch im neuen Nationalen Anpassungsplan. Für CFIA bedeutet das vor allem: viel Arbeit. Mit Unterstützung des CSI-Projekts gründete sich daher eine eigene Klimawandel-Abteilung, die Naranjo nun leitet.

Die erste Anwendung von MERCI ließ dann nicht lange auf sich warten. Im Rahmen eines weiteren Anpassungsvorhabens erfassten Vladimir und seine Kolleg*innen Klimarisiken in sieben Gemeinden der Region Dota, im Norden Costa Ricas. MERCI half ihnen herauszufinden, dass für die Wasserversorgung der Gemeinden vor allem die Vulnerabilität von Straßen ein Problem darstellt. Um hier Risiken zu mindern sind nun Aufforstungsmaßnahmen in den umliegenden Wäldern geplant, um die Straßen gefährdende Erdrutsche zu verhindern. MERCI ist dadurch nicht nur ein Werkzeug, das sich auf Infrastruktur beschränkt. Durch einen holistischen Blick hilft es, ökosystembasierte Anpassungsmaßnahmen zu identifizieren – wie im Falle Dotas die Aufforstung des Waldes der die Hänge stabilisiert. Maßnahmen wie diese sind häufig nicht nur günstiger als viele Infrastrukturmaßnahmen, sondern haben auch noch weitere Vorteile – wie CO2-Speicherung und eine verbesserte Luft- und damit Lebensqualität für die lokalen Gemeinden.

Parallel erhält CFIA Anfragen von anderen Anpassungsprojekten im Land, die MERCI anwenden möchten. Der Bundesrechnungshof, der schon zu Beginn des CSI-Projekts sehr interessiert am Klimarisikomanagement von Infrastruktur war und viele der Politikprozesse unterstützt hat, ernannte nun MERCI als Standard zur Erfassung von Risiken neuer öffentlicher Infrastruktur. Und sogar andere Länder der Region sind interessiert – CFIA wird zu Reisen beispielsweise nach Guatemala eingeladen, um Erfahrungen zu teilen. Die Resonanz des Publikums beim Forum in Vancouver bestätigt: die Welt ist interessiert an den Ansätzen Costa Ricas als Vorreiter in der Klimaanpassung.

„Uns wurde schnell klar – wir können all diese Risikoanalysen selbst gar nicht mehr machen“, sagt Naranjo. Um die wachsende Nachfrage zu bedienen, braucht es Multiplikatoren. Daher arbeitet CFIAs Klimawandelabteilung gerade mit Hochdruck an einer Fortbildung zu MERCI, und kooperiert gleichzeitig mit der Universität in Costa Rica an der Integration von MERCI in Ingenieurscurricula. Ziel ist, die Masse an Akteuren, die MERCI anwenden können, zu steigern. Denn dass die Nachfrage weiterhin steigen wird, scheint klar: CFIA hat MINAE gerade vorgeschlagen, eine neue Bauordnung für klimawandelangepasst Infrastruktur zu entwickeln. Wenn sich diese realisiert, dürfte zukünftig keine Infrastruktur mehr gebaut werden ohne Klimarisiken zu beachten. Naranjo und sein Team arbeiten daran, dass Costa Ricas Ingenieure auf diese Zukunft vorbereitet sind.

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