Wie traditionelles Wissen die Zukunft gestaltet
Die Wiederbelebung traditioneller landwirtschaftlicher Techniken verbessert die Lebensgrundlagen, erhöht die Ernährungssicherheit und stärkt den sozialen Zusammenhalt in ganz Burkina Faso.
Minata Bassinga ist wie viele Bäuerinnen in der ländlichen Gemeinde Soaw in Burkina Faso: Sie bewirtschaftet ihre eigenen Felder und ihr Erfolg kann den Unterschied zwischen Mangelernährung und dem Wohlergehen ganzer Familien ausmachen.
Bassinga, 42, gehört der ethnischen Gruppe der Mossi an und lebt mit ihren fünf Kindern im Dorf Kalwaka. Zuerst hilft sie ihrem Mann bei der Bewirtschaftung des Familienfeldes, bevor sie sich ihrem eigenen, zwei Hektar großen Feld widmet.
Für sie waren es vor allem zwei Dinge von größter Wichtigkeit: neue Fähigkeiten zu lernen und den sozialen Zusammenhalt in der Gemeinschaft zu stärken.
Der Ernteerfolg macht den Unterschied zwischen Mangelernährung und dem Wohlergehen ganzer Familien.
Die Wirtschaft Burkina Fasos basiert auf subsistenzorientierter Landwirtschaft – vor allem Getreideanbau wie Sorghum, Hirse, Mais und Reis – und ist aufgrund schwieriger Bedingungen häufig von geringen Ernteerträgen geprägt.
In Boulkiemdé, der zentralen Provinz, in der Bassinga lebt, reichen die kargen Ernten oft nicht aus, um Familien drei Mahlzeiten am Tag zu bieten.
Heilige Stätten, riesige Wissensspeicher
In ganz Burkina Faso erhalten indigene Völker und lokale Gemeinschaften viele Territorien und Gebiete wie das von Minata Bassinga. Diese Gebiete werden als Indigenous and Community Conserved Areas (ICCA) bezeichnet. Sie zeichnen sich durch heilige Flüsse, Brunnen, Hügel, Haine und Wälder aus und beherbergen bedeutende Pflanzen- und Tierarten sowie Wasserressourcen.
Zu den ICCAs in Burkina Faso gehören neun bereits anerkannte Stätten: Wend Bouli (Brunnen Gottes oder Heiliger Fluss); Tansob Tanga (Hügel des Heilers); Kalwaka Kaongo (Kalwaka-Wald); Wend N Goud Tanga (Hügel des göttlichen Schutzes); Zamtini Kaongo (Zamtini-Wald); Wagd Kalse; Kikirs Tindili; Tang Zug Kaongo (Wald auf dem Hügel) und Bourassoum Tanga (Bourassoums Hügel). Zusammen umfassen diese Stätten eine Fläche von 110 Hektar.
Die neun ICCAs sind die Heimat von mehr als 5100 Menschen verschiedener ethnischer Gruppen, darunter die Mossi, Fulani und Gourounsi. Die Landwirtschaft ist die vorherrschende Wirtschaftsaktivität in der Region. Deshalb sind die lokalen Bevölkerungen stark auf die Wasserquellen innerhalb der Gemeinde Soaw sowie auf die Staudämme von Soaw und Soum in der Nähe angewiesen.
Sich verschärfende Probleme
Wirtschaftliche Notlagen, der Klimawandel und schwere Dürren haben jedoch zu einem starken demografischen Druck auf das landwirtschaftliche Nutzland geführt, der durch geringe Erträge noch verschärft wird. Ein Großteil der Bevölkerung – insbesondere die Frauen – betreibt Gemüseanbau für den Markt, um ein zusätzliches Einkommen zu erzielen, doch nicht alle Grundbedürfnisse der Familien sind bislang gedeckt.
Infolgedessen haben die Gemeinschaften auf den Einsatz von Düngemitteln, Herbiziden und chemischen Pestiziden zurückgegriffen, um die Erträge zu steigern. Dies hat wiederum zu Wasser- und Luftverschmutzung, Bodendegradation, einem Anstieg des Tiersterbens und sogar zum Verlust von Menschenleben geführt. Die zunehmende Ausbreitung des Goldwaschens und großer Baustellen in der Region verschärft den ökologischen Verfall zusätzlich.
Stärkung der Selbstbestimmung
In Partnerschaft mit der NGO Songui-Manégré Association hat das Kleinprojektprogramm (SGP) der Globalen Umweltfazilität (GEF), umgesetzt durch das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP), das Projekt „Projet d'appui aux APAC de la commune de Soaw province du Boulkiemdé, Région du Centre-Ouest" durchgeführt – unterstützt von der Global Support Initiative to ICCAs (ICCA-GSI). Deutschland stärkt durch seine Förderung der ICCA-GSI im Rahmen der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI) die Rolle indigener Völker und lokaler Gemeinschaften bei der Erhaltung der biologischen Vielfalt.
Im Rahmen des Projekts wurden wiederkehrende partizipative Sitzungen abgehalten, um den indigenen Völkern die Möglichkeit zu geben, ihre Realität in Bezug auf die miteinander verknüpften ökologischen, sozialen, kulturellen, spirituellen, politischen und wirtschaftlichen Aspekte der ICCAs zu reflektieren, zu verstehen und zu dokumentieren. Gemeinsam entwarfen und dokumentierten sie die Zukunft, die sie sich wünschen, und ihre Rolle als Hüter des Landes – und entfachten damit Begeisterung und Gemeinschaftsgefühl im Dorf.
Tradition = Transformation
Wiederbelebung traditioneller Techniken: Auf Basis selbst gewählter Schwerpunkte wurden ökologische Anbautechniken ausgewählt, um den Einsatz von Chemikalien auf Feldern und in Gärten zu reduzieren. Zunächst wurden die Gemeinschaften in der Anlage von Steinwällen geschult. Diese bilden eine Barriere, die das Abfließen von Regenwasser verlangsamt und so für eine bessere und gleichmäßiger verteilte Bodenfeuchtigkeit sorgt. Dabei bildete sich eine nährstoffreiche Schicht aus feiner Erde und Mistpartikeln. Zuerst wurden mit Hilfe eines Bodendreiecks oder eines topografischen Messgeräts die Höhenlinien ermittelt. Anschließend wurden entlang dieser Linien Furchen gezogen, an deren Verlauf die großen Steine aufgeschichtet wurden.
Deutschland stärkt mit der IKI die Rolle indigener Völker und lokaler Gemeinschaften bei der Erhaltung der biologischen Vielfalt.
Nach der Bewertung des Geländes wurde die traditionelle Technik des Zaï in den Trockenzeiten wiederbelebt, um degradierte Böden wiederherzustellen und die Bodenfruchtbarkeit zu erhöhen. Dabei werden halbmondförmige Löcher in weniger durchlässigen Boden gegraben, um abfließendes Wasser aufzufangen und Kompost zu konzentrieren. Etwa 300 Gramm organisches Material – wie Mist und Kompost – kommen in die Löcher, um Nährstoffe für spätere Pflanzungen bereitzustellen. Der Mist lockt Termiten an, deren Tunnel den Boden weiter auflockern. Die Zaï-Löcher werden zusätzlich mit Mulch abgedeckt, um die Wasserspeicherung und die biologische Aktivität der Termiten im Boden zu maximieren.
Steigerung bei den Hirse-Erträgen verzeichnete Ousmane Kaboré seitdem er auf traditionelle Techniken bei der Bewirtschaftung seines Feldes setzt.
Höhere Erträge, ein besseres Leben
Die Steinwälle sorgen dafür, dass pro Quadratmeter und Jahr bis zu 200 Liter zusätzliches Wasser in den Boden einsickern.
In meinem Dorf hat die Kombination aus Steinbarrieren, Zaï und organischem Dünger es ermöglicht, die Felderträge bei bestimmten Landwirten um 260 Prozent zu steigern. Auf meinem vier Hektar großen Feld habe ich früher beispielsweise 150 Kilogramm Hirse pro Hektar geerntet. Seit ich Steinwälle und Zaï in Kombination mit organischem Dünger anwende, ernte ich im Schnitt 300 bis 400 Kilogramm.
Die gestiegenen landwirtschaftlichen Erträge haben zu einer verbesserten Ernährungssicherheit in den ICCAs geführt. Laut Kaboré ist jetzt mehr Nahrung vorhanden, und er kann seine Kinder ausreichend ernähren. „Früher hatten wir Mühe, auch nur eine Mahlzeit am Tag zu bekommen", sagt er. Jetzt können seine Kinder morgens essen, bevor sie zur Schule gehen.
Früher war es schwierig, auch nur eine Mahlzeit am Tag zu bekommen. Jetzt können die Kinder morgens essen, bevor sie zur Schule gehen.
Als zusätzliche Option für einen Lebensunterhalt wurde zudem die Imkerei eingeführt. Der Verkauf von 150 Litern Honig pro Jahr bringt Kaboré ein Einkommen von zusätzlichen 450 US-Dollar ein – die Einnahmen aus dem Wachs noch nicht eingerechnet. Er fügt hinzu: „Durch die Bienenzucht entstehen im Dorf zusätzliche Einnahmen von 27.000 Dollar pro Jahr."
pro Jahr an zusätzlichen Einnahmen entstehen durch die mit IKI-Unterstützung eingeführte Bienenzucht.
Einheit für Gemeinschaft und Planeten
Neben den Lebensgrundlagen konzentrierte sich das Projekt auch auf die Verbesserung des sozialen Zusammenhalts, die Stärkung der Verantwortung der Gemeinschaft für ihre natürlichen Ressourcen und die Förderung von Frauen. Emmanuel Kaboré, ein 58-jähriger Einheimischer aus dem Dorf Kalwaka, sagt, er habe „viel Wissen in den Bereichen Landwirtschaft, Bienenzucht und Management natürlicher Ressourcen erworben".
Früher musste ich landwirtschaftliche Berater rufen. Jetzt weiß ich es selbst. Ich muss sie nicht mehr um Hilfe bitten. Ich kann es sogar anderen Menschen beibringen.
Bassinga erzählt, sie sei der Gruppe beigetreten, weil ihr der Zusammenhalt im Dorf wichtig war. Sie habe gelernt, die Steinbarrieren und das Zaï anzulegen und wie man Seife, Sheabutter, Salben und Soumbala herstellt – ein Gewürz aus fermentierten Samen.
Vor dem Projekt habe ich 10 Dollar im Monat verdient, jetzt verdiene ich 30 Dollar. Früher haben meine Kinder kaum zweimal am Tag gegessen. Dank des Projekts essen sie jetzt dreimal am Tag.
Traditionelles Wissen im Einsatz für Mensch und Umwelt
Bassinga und ihre Gemeinschaft sind ein eindrucksvoller Beweis für die Widerstandsfähigkeit, die Innovationskraft und die Führungsrolle indigener Völker und lokaler Gemeinschaften in Burkina Faso. Durch die Wiederbelebung traditioneller agrarökologischer Praktiken und deren Integration in eine von der Gemeinschaft getragene Entwicklung haben diese Gemeinschaften nicht nur degradierte Böden wiederhergestellt, sondern auch Lebensgrundlagen wiederbelebt, die Ernährungssicherheit verbessert und den sozialen Zusammenhalt gestärkt.
Diese Transformation – tief verwurzelt in Selbstbestimmung, traditionellem Wissen und inklusiver Teilhabe – zeigt, wie von indigenen Völkern getragener Naturschutz einen bedeutenden Beitrag zu den Zielen des Globalen Biodiversitätsrahmens (GBF) leisten kann. Sie unterstützt Ziel 3 durch den Schutz lebenswichtiger Ökosysteme, Ziel 21 durch den respektvollen Austausch indigenen Wissens, Ziel 22 durch die Sicherstellung der indigenen Teilhabe an der Biodiversitätsverwaltung und Ziel 23 durch die Förderung der Geschlechtergleichstellung.
Von indigenen Völkern getragener Naturschutz leistet einen bedeutenden Beitrag zu den Zielen des Globalen Biodiversitätsrahmens (GBF).
Text: Anna Lisa Jose, Noel Compaore, and Andrea Egan
Der Link wurde in die Zwischenablage kopiert
Kontakt
IKI Office
Zukunft – Umwelt – Gesellschaft (ZUG) gGmbH
Stresemannstraße 69-71
10963 Berlin
IKI@CBD COP17
Über das Projekt
ICCA-GSI ist eine multilaterale Partnerschaftsinitiative, die vom GEF SGP (Global Environment Facility Small Grants Programme) – umgesetzt durch das UNDP (United Nations Development Programme) – durchgeführt und von der deutschen Bundesregierung über das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) finanziert wird. Wichtige Partner sind das Übereinkommen über die biologische Vielfalt (CBD), das Globale Programm der Internationalen Union zur Bewahrung der Natur (IUCN GPAP) für Schutzgebiete, das Weltzentrum für Umweltbeobachtung (UNEP WCMC) des Umweltprogramms der Vereinten Nationen sowie das ICCA-Konsortium.