Netze verbinden und Vertrauen schaffen
Bis 2045 strebt der Verband ASEAN den Aufbau eines vollständig integrierten Stromnetzes an, um der steigenden Stromnachfrage gerecht zu werden, die Energiesicherheit zu stärken und den Übergang zu sauberer Energie zu beschleunigen.
Um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen, braucht es mehr als Stromleitungen. Erforderlich ist eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Länder.
Ein regionales Stromnetz beginnt bei den Menschen
Wenn Nadhilah Shani an einer Sitzung zum ASEAN Power Grid (APG) teilnimmt, bringt sie Länder zusammen, deren Energiesysteme und nationale Prioritäten sich stark voneinander unterscheiden. Einige verfügen über reichlich Wasserkraft-, Solar- oder Windenergiepotenzial. Andere stehen vor einer rasch wachsenden Stromnachfrage, die durch Industrialisierung und wirtschaftliche Entwicklung angetrieben wird. Jedes Land hat seine eigenen Vorschriften, Marktstrukturen und Anliegen im Bereich der Energiesicherheit.
Als Leiterin des Bereichs Stromerzeugung und Netzanbindung beim ASEAN Centre for Energy (ACE) arbeitet Shani an der Schnittstelle dieser unterschiedlichen Perspektiven. Ihre Aufgabe ist es, dazu beizutragen, ein gemeinsames regionales Ziel in konkrete Formen der Zusammenarbeit zu überführen.
Für sie geht es beim ASEAN Power Grid um mehr als die Verbindung von Stromnetzen. Es geht darum, Beziehungen, Institutionen und Vertrauen aufzubauen, die es den Ländern ermöglichen, gegenseitig von ihren Energieressourcen zu profitieren.
Die regionale Zusammenarbeit hilft den Mitgliedstaaten ganz grundlegend, ihre gemeinsamen Ziele und den Multiplikatoreffekt einer Zusammenarbeit zu erkennen – trotz aller Unterschiede. Wenn es darum geht, die Vernetzung im Rahmen des ASEAN Power Grid voranzubringen, gibt es nur Gewinner und noch mehr Gewinner – aber keine Verlierer.“
Vom Stromhandel zu einer gemeinsamen Energiezukunft
Zu Beginn dieses Jahrzehnts konzentrierten sich die Diskussionen über das ASEAN Power Grid vor allem darauf, wie die Länder mehr Strom über Grenzen hinweg austauschen könnten. In der Praxis blieb der grenzüberschreitende Stromhandel innerhalb der ASEAN jedoch begrenzt und stützte sich hauptsächlich auf bilaterale Vereinbarungen zwischen Nachbarländern.
Heute hat sich die Diskussion ausgeweitet. In ganz Südostasien wird Strom voraussichtlich eine immer größere Rolle im Verkehr, in der Industrie und in Gebäuden spielen. Die Elektrifizierung kann die Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen verringern und Emissionen senken. Gleichzeitig müssen die Stromsysteme dadurch wesentlich mehr Strom bereitstellen und dabei weiterhin zuverlässig und bezahlbar bleiben.
Das ASEAN Power Grid könnte den Ländern helfen, diese Herausforderung zu bewältigen, indem es unterschiedliche Energieressourcen in der Region miteinander verbindet. Während ein Land möglicherweise über reichlich Solarenergie verfügt, stehen andernorts Wasserkraft oder Windenergie zur Verfügung. Leistungsfähigere grenzüberschreitende Verbindungen könnten es ermöglichen, Strom dorthin zu leiten, wo er benötigt wird, mehr erneuerbare Energien in die Stromversorgung zu integrieren und die Abhängigkeit von zusätzlicher Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen zu verringern.
Die Vorteile reichen über die Energiewende hinaus. Grenzüberschreitende Verbindungen können zusätzliche Handlungsmöglichkeiten schaffen, wenn die inländische Stromversorgung eingeschränkt ist, die Nachfrage unerwartet steigt oder die globalen Brennstoffpreise zunehmen. Anstatt die nationale Energieplanung zu ersetzen, kann die regionale Zusammenarbeit sie stärken, indem sie den Ländern Zugang zu einem größeren Pool an Ressourcen und mehr Flexibilität verschafft.
Shani zufolge hat die politische Dynamik hinter dem ASEAN Power Grid in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Konkrete Fortschritte sind unter anderem die Unterzeichnung der erweiterten Absichtserklärung zum ASEAN Power Grid (Enhanced APG Memorandum of Understanding) und die Arbeiten an ihrer Umsetzung. Auch Finanzinstitutionen zeigen zunehmend Interesse an APG-Projekten:
„Die Weiterentwicklung der Vernetzung im Rahmen des ASEAN Power Grid ist für die ASEAN ein politischer Schritt, der sich in jedem Fall lohnt. Unsere Studien zeigen, dass sie für jedes Land der Region sinnvoll ist und unterschiedliche Vorteile bietet – von einer höheren Versorgungssicherheit und zusätzlichen Notfallreserven über die gemeinsame Nutzung von Reserven bis hin zur Ermöglichung eines kommerziellen Stromhandels.“
Vertrauen aufbauen, bevor die Stromleitungen entstehen
Die physische Infrastruktur des ASEAN Power Grid ist sichtbar: Strommasten, Umspannwerke und Kabel, die Land und Meer überqueren. Weniger sichtbar, aber ebenso wichtig, ist die Zusammenarbeit, die erforderlich ist, damit dieses Netz funktioniert.
Die Länder benötigen miteinander vereinbare technische Standards, praktikable Marktregelungen und klare Vorschriften für den grenzüberschreitenden Stromhandel und die Stromübertragung. Außerdem müssen sie sich darauf verständigen, wie sie gemeinsam planen und sicherstellen können, dass die regionalen Vereinbarungen zuverlässig, fair und für alle Beteiligten vorteilhaft sind.
Ein großer Teil von Shanis Arbeit findet genau in diesem Bereich statt. Dazu gehört es, Ministerien, Regulierungsbehörden, Energieversorger und weitere Partner zusammenzubringen, unterschiedliche Anliegen anzuhören und gemeinsame Lösungsansätze zu entwickeln.
Dieser Prozess braucht Zeit. Die Länder müssen ihre technischen Anforderungen und regulatorischen Rahmenbedingungen aufeinander abstimmen und zugleich sicherstellen, dass die regionale Zusammenarbeit ihre nationalen Prioritäten ergänzt. Fortschritte hängen daher nicht allein von Ingenieursleistungen und Finanzierung ab, sondern ebenso von starken Institutionen, einem kontinuierlichen Dialog und gegenseitigem Vertrauen.
Für Shani sind Partnerschaften entscheidend, um die Vision des ASEAN Power Grid in ein gemeinschaftliches Vorhaben zu verwandeln. Sie helfen den Ländern, von einem übergeordneten Ziel zu konkreten Fragen überzugehen: Welche Regeln werden benötigt? Wie lassen sich Systeme und Märkte aufeinander abstimmen? Und wie kann die regionale Vernetzung allen Beteiligten zugutekommen?
Nadhilah Shani: „Im Rahmen des CASE-Projekts ist Deutschlands Internationale Klimaschutzinitiative ein geschätzter Partner, der die ASEAN auf diesem Weg unterstützt. Sie stellt Ressourcen und technisches Fachwissen bereit, die es dem ACE ermöglichen, eng mit den Mitgliedstaaten an gemeinsamen Prioritäten für des ASEAN Power Grid zu arbeiten. Unsere starke Partnerschaft ermöglicht es uns, uns gemeinsam für die regionale Vernetzung einzusetzen und die Vision des ASEAN Power Grid in ein wirklich gemeinschaftliches Vorhaben zu verwandeln.“
Gemeinsam die ASEAN-Länder mit Strom versorgen
Das ASEAN Power Grid befindet sich weiterhin im Aufbau. Wichtige politische, regulatorische, technische und finanzielle Herausforderungen liegen noch vor den Beteiligten. Dennoch wird sein Ziel immer deutlicher: Südostasien auf eine Zukunft vorzubereiten, in der Strom einen wesentlich größeren Anteil der wirtschaftlichen Aktivitäten der Region antreibt.
Aus Shanis Perspektive ist das ASEAN Power Grid letztlich mehr als eine Geschichte über Kabel. Es geht darum, dass die Länder erkennen, wie eng ihre Energiezukunft miteinander verbunden ist – und gemeinsam das Vertrauen, die Regeln und die Institutionen schaffen, die sie benötigen, um diese Zukunft zusammen zu gestalten.
Über das Projekt
Im Rahmen des regionalen Projekts Clean, Affordable and Secure Energy for Southeast Asia (CASE) unterstützt Deutschlands Internationale Klimaschutzinitiative das ASEAN Centre for Energy und seine Partner dabei, die Grundlagen für die regionale Energiezusammenarbeit zu stärken. CASE wird von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) umgesetzt.
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Kontakt
IKI Office
Zukunft – Umwelt – Gesellschaft (ZUG) gGmbH
Stresemannstraße 69-71
10963 Berlin
Anfragen bitte über das Kontaktformular.
Das ASEAN Power Grid auf einen Blick
ASEAN: Association of Southeast Asian Nations
Vision: Aufbau eines vollständig integrierten regionalen Stromnetzes bis 2045.
Ziel: Der wachsenden Stromnachfrage gerecht werden, die Energiesicherheit stärken und die Energiewende hin zu sauberer Energie in der gesamten ASEAN-Region beschleunigen.
Funktionsweise: Grenzüberschreitende Stromverbindungen ermöglichen es den Ländern, Energieressourcen gemeinsam zu nutzen, mehr erneuerbare Energien zu integrieren, die Widerstandsfähigkeit der Stromsysteme zu stärken und den Stromhandel auszuweiten.
Voraussetzungen: Koordinierte Planung, miteinander vereinbare technische Standards, wirksame Marktregeln, Investitionen und Vertrauen zwischen den beteiligten Ländern.
Über Nadhilah Shani
Nadhilah Shani leitet den Bereich Stromerzeugung und Netzanbindung beim ASEAN Centre for Energy und ist kommissarische Leiterin des APG-Sekretariats. Sie verfügt über zehn Jahre Erfahrung in der Energiepolitik und der Energiewende in Südostasien. Dazu zählt auch ihre Arbeit mit indonesischen Energieversorgungsunternehmen, Regierungsstellen und politischen Entscheidungsträgern. Sie hat einen Bachelor of Science (BSc) in Elektrotechnik mit Schwerpunkt elektrische Energieversorgungstechnik vom Bandung Institute of Technology sowie einen Master of Science (MSc) in Sustainable Energy Technology von der Technischen Universität Delft in den Niederlanden.