Das Fundament der Zukunft: Skalierung von kohlenstoffarmem Zement in Indien
Wie die IKI in Indien die Kommerzialisierung und Erforschung von kohlenstoffarmen LC3-Zement vorangetrieben hat.
Zement ist ein entscheidender Werkstoff für Indiens Wachstumsgeschichte. Gleichzeitig verursacht der Zementsektor schätzungsweise fünf bis sieben Prozent der CO₂-Emissionen des Landes. Zement gehört zu den kohlenstoffintensivsten Rohstoffen. Der Grund liegt in den energieintensiven Brennöfen und der Klinkerproduktion, das im Zement als Bindemittel verwendet wird. Als weltweit zweitgrößter Zementproduzent ist Indiens Umstieg auf kohlenstoffarme Alternativen deshalb von entscheidender Bedeutung, um die nationalen Klima- und Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.
Limestone Calcined Clay Cement (LC3) ist eine innovative, klimafreundliche Zementmischung aus Kalkstein, kalziniertem Ton, Klinker und Gips. Die wichtigste Innovation besteht darin, einen Teil des Klinkers durch kalzinierten Ton in minderer Qualität und Kalkstein zu ersetzen. LC3 verwendet typischerweise nur etwa 50 Prozent Klinker, verglichen mit rund 90 bis 95 Prozent bei gewöhnlichem Portlandzement (OPC). Dieser geringere Klinkeranteil senkt die Emissionen um bis zu 40 Prozent.
Eine überzeugende Alternative
Neben seinem erheblichen Potenzial zur CO₂-Einsparung bietet LC3 mehrere strukturelle und wirtschaftliche Vorteile, die ihn zu einer überzeugenden Wahl für die Bauwirtschaft machen. Es wurde festgestellt, dass er eine dichtere Mikrostruktur bildet. Dies führt zu einer verbesserten mechanischen Festigkeit und einer höheren langfristigen Beständigkeit. Dadurch ist das Material besonders widerstandsfähig bei hoher Feuchtigkeit, wie sie beispielsweise in Küstenregionen vorkommt.
Aus Produktions- und politischer Sicht ist LC3 eine offene Technologie. Das bedeutet, dass sie ohne Lizenzhürden frei genutzt werden kann. Obwohl die Einführung erste Investitionskosten erfordert, kann die Herstellung bei einer Skalierung letztlich günstiger sein als die von traditionellen Zementmischungen. Darüber hinaus ist seine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit gut etabliert, da die Akzeptanz in Afrika, Europa und Nordamerika stetig zunimmt.
LC3 ist eine Innovation, an deren Forschung und Entwicklung in Indien seit über 14 Jahren gearbeitet wird, vor allem am Indian Institute of Technology in Delhi (IIT Delhi). Die LC3-Forschung wurde von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) der Schweiz in Kooperation mit der EPFL, CIDEM, IIT Madras, IIT Delhi, TARA und IIT Mumbai unterstützt.
Der kohlenstoffarme Zement erhielt im Jahr 2024 die Zertifizierung für die kommerzielle Produktion durch die zentrale Normungsbehörde der indischen Regierung, das Bureau of Indian Standards (BIS). Damit wurde er zur vierten offiziell anerkannten Zementsorte in Indien und ebnete den Weg, um die Abhängigkeit von OPC zu verringern, das immer noch 27 Prozent Marktanteil in Indien besitzt. Dennoch zögerte die Industrie anfangs, die Technologie einzuführen, da das Bewusstsein und die Vertrautheit damit gering waren. Mit ihrem Schnittstellenprojekt setzte die Internationale Klimaschutzinitiative (IKI) hier an, um die Kommerzialisierung einzusetzen.
Die Rolle der IKI
In enger Zusammenarbeit mit dem IIT Delhi ging das von der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI) geförderte „Deutsch-Indische Projekt für Klima Aktionen und IKI-Schnittstelle in Indien“ die wichtigsten institutionellen und nachfrageseitigen Engpässe an:
- Unterstützung bei der Regulierung: Das Schnittstellenprojekt Indien unterstützte den technischen Austausch mit den Aufsichtsbehörden, insbesondere mit dem Rajasthan State Pollution Control Board. Durch umfassende Konsultationen und technische Briefings schufen sie das notwendige Verständnis, um die Genehmigungen zu erleichtern, die erforderlich waren, damit JK Cement zum ersten kommerziellen Produzenten auf dem indischen Subkontinent werden konnte.
- Aufbau von Nutzervertrauen: Um die Nachfrage anzukurbeln, schloss das Schnittstellenprojekt die Lücke zwischen Produktion und Anwendung. Durch die vom IIT Delhi unterstützte technische Beratung wurden die Ingenieurteams der LODHA Group in der praktischen Anwendung von LC3 für ihr Projekt Palava City geschult. Dieser Machbarkeitsnachweis diente als wichtiger Marktkatalysator und demonstrierte die Praxistauglichkeit von LC3 in realen Infrastrukturen.
- Förderung von Forschung und Dekarbonisierung: Über die Kommerzialisierung hinaus konzentrierte sich das Schnittstellenprojekt auf die langfristige Skalierbarkeit und die Umweltauswirkungen. Dazu gehören Haltbarkeitstests unter extremen Bedingungen – wie z. B. in stark säurehaltigen Abwasserentsorgungsumgebungen –, um die Nutzbarkeit des Materials zu erweitern. Darüber hinaus unterstützt das Schnittstellenprojekt Bestrebungen, den CO₂-Fußabdruck der Produktion weiter zu verringern. In einem gemeinsamen Forschungsprojekt mit deutschen Institutionen erprobt es, die auf fossilen Brennstoffen basierende Tonkalzinierung durch Solarenergie zu ersetzen.
- Politik und Standards: Das Schnittstellenprojekt liefert das wissenschaftliche Fundament für die zukünftige Entwicklung der Industrie, indem es die Ausarbeitung strenger Methoden zur Lebenszyklusanalyse und von Rahmenregeln für die grüne Bewertung von Zement unterstützt. Dadurch wird sichergestellt, auch die nächste Generation von Baustandards auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert.
Die Zusammenarbeit mit dem IKI war äußerst fruchtbar. Während des gesamten Projekts ermöglichten das Fachwissen und die Kontakte des IKI-Projekts die Umsetzung der Forschungsarbeit in die Praxis und beschleunigten die Demonstration der entwickelten Technologien in realen Szenarien. Ich bin überzeugt, dass die im Rahmen dieser Kooperation geleistete Arbeit entscheidend für die Akzeptanz von LC3 als nachhaltige Alternative zu herkömmlichen Zementen sein wird.
Markterfolg
Ein wichtiger Meilenstein wurde in der Monsunzeit 2025 erreicht – mit der ersten kommerziellen Produktion von LC3, nicht nur in Indien, sondern auf dem gesamten indischen Subkontinent. Diese wurde von JK Cement Ltd. in deren Werk in Rajasthan angeführt. Ende 2025 fand die erste Charge von LC3 ihren ersten Käufer in der LODHA Group, einem der führenden Immobilienentwickler Indiens. Das Unternehmen nutzte den Zement für den Bau einer Straße in einem großen Wohnprojekt in Mumbai. Etwa zu dieser Zeit war der Noida International Airport das erste Großinfrastrukturprojekt in Indien, das diesen Baustoff einsetzte.
Bei LODHA setzen wir uns dafür ein, nachhaltiges Bauen voranzutreiben, indem wir innovative Technologien frühzeitig nutzen. In Zusammenarbeit mit dem IIT Delhi und dem IKI-Projekt haben wir als erstes Immobilienunternehmen in Indien LC3 im Bauwesen eingesetzt und damit gezeigt, wie gemeinsame Innovation eine nachhaltigere Zukunft fördern kann.
Sobald die Informationen über diesen erfolgreichen kommerziellen Pilotversuch öffentlich bekannt wurden, reagierte der Markt positiv. Anfang 2026 schloss sich mit JK Lakshmi ein weiterer großer Zementproduzent dem Trend an. Bis heute beliefern zwei kommerzielle Zementhersteller in Indien den Markt mit LC3. Bis Januar wurden rund 2.000 Tonnen LC3 kommerziell produziert und auf dem indischen Markt verkauft, was zu einer Einsparung von etwa 500 Tonnen CO₂-Äquivalenten führte.
Mit seinen nachgewiesenen Klimavorteilen und der nun erfolgreich gestarteten kommerziellen Markteinführung ist LC3 auf dem besten Weg, Indiens Zementsektor grundlegend zu verändern. Die nächste Phase umfasst die Ausweitung der Produktion, die Sensibilisierung des Marktes und die Förderung der Akzeptanz bei Branchenakteuren, Verbrauchern, politischen Entscheidungsträgern und Aufsichtsbehörden. Bei fortgesetzter Zusammenarbeit hat LC3 das Potenzial, einen wichtigen Beitrag zur Zukunft des grünen, kohlenstoffarmen Bauens in Indien zu leisten.
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